Blutrache. Wie bedrohlich das schon klingt. Was dahinter steckt, damit sind wir nur wenig vertraut. Immer wieder fällt der Begriff am Ulmer Landgericht im  Mordprozess gegen einen 46-Jährigen aus Göppingen, einem Deutschen albanischer Herkunft. Die Staatsanwaltschaft spricht von „blutiger Rache“, einer jahrelangen Fehde zwischen albanischen Familien. Todesopfer gibt es auf beiden Seiten zu beklagen.


Gewalt verhindern

Da klingt es erstmal verblüffend, was  der österreichische Südosteuropa-Experte Martin Prochazka über die Blutrache sagt: „Der Sinn liegt darin, Gewalt möglichst zu verhindern.“ Die Blutfehde ist Bestandteil des Kanuns, eines Jahrhunderte alten, mündlich überlieferten  albanischen Gewohnheitsrechts. Der Kanun habe seinen Ursprung in abgelegenen Gebirgsgegenden in Albanien, im Kaukasus gebe es ein vergleichbares System.

Wo es keine Polizei gibt und keine Justiz, die das Zusammenleben regelt, haben die Menschen für Schuldfragen ihre eigenen Gesetze. In den unzugänglichen Gebieten seien Großfamilien die wichtigsten gesellschaftlichen Einheiten. Das bedeutet: Die härteste Bestrafung ist die, die die ganze Sippe trifft  – wie bei der Blutrache. „Das ist ein großes Druckmittel.“ Die Familie des Opfers rächt sich an der Familie des Täters. Mit der Folge, dass diese die verfeindete Familie bestraft. Es geht weiter,  Blut um Blut. In welchem Land sich die Beteiligten aufhalten, spiele keine Rolle. Blutrache ist grenzenlos.

Der Kanun hat aber nicht nur Vorgaben im Fall einer Tötung. Er regelt auch das Erbrecht, Ehefragen, Diebstahl, Schulden. „Frauen und Kinder sind darin krass benachteiligt.“ Bei einer Scheidung etwa müsse die Familie der Frau die Familie des Mannes finanziell entschädigen. Prochazka kennt einen Fall, in dem es um 10.000 Euro ging. Auch wenn das nach staatlichem Recht nicht vorgesehen ist. „Es gibt auf dem Land Bereiche, in denen eine Paralleljustiz existiert.“

Kein Entrinnen?

Bei einer Blutrache nach altem Recht  „sind Frauen und Kinder tabu“, sagt Prochazka. Nur volljährige Männer würden einbezogen. „Das ist typisch für patriarchalische Systeme im Gebirge.“ Aus Angst vor Blutrache lebten Männer jahrelang isoliert, wie Gefangene, weil sie sofort erschossen würden, wenn sie das Haus verlassen. Prochazka nennt ein Beispiel: Angenommen, eine Familie habe traditionellerweise acht bis neun Kinder, darunter vier bis fünf Söhne. Werde der älteste Sohn ermordet, stehe der zweitälteste in der Pflicht, den Mörder oder ein männliches Mitglied der anderen Sippe zu töten. „Das Ganze ist nicht freiwillig.“ Falls sich der Sohn weigere, könne es so weit kommen, dass er von seiner Familie als „Ehrloser“  ausgestoßen wird. Doch eine Blutrache sei kein reiner Automatismus, betont er. Die Versammlung der Ältesten könne Vermittlungsversuche unternehmen und eine Art Waffenstillstand ausrufen – für Tage, Wochen, Monate. „Das Ehrenwort ist dabei sehr wichtig.“

Pseudo-Blutrache

Erst in den 1990er Jahren sei die Tradition des Kanun in Albanien wieder aufgelebt, erklärt Prochazka. „Zuvor war sie während der kommunistischen Diktatur von Enver Hodscha über 40 Jahre unterbrochen.“ Im Kommunismus sei der Kanun als Zeichen der alten Zeit extrem streng bestraft worden. Das „große Problem“ kam nach dem Ende der Diktatur 1992: Die verunsicherten Menschen griffen auf ihnen bekannte Regeln zurück. Aber viel Wissen über den Kanun sei verloren gegangen.

Zum Beispiel, dass es auch möglich ist, Waffenstillstand zu schließen. Kinder, die in der Tradition tabu waren, hätten sich nun jahrelang in Wehrtürmen verstecken müssen, weil sie sonst erschossen worden wären. Familien seien ausgelöscht worden. Nicht mehr bindend sei offenbar auch die traditionelle Vorschrift, dass das verfeindete Familienmitglied, bevor es erschossen werden darf, gerufen sowie angesprochen werden muss. Von „Pseudo-Blutrache“ spricht Prochazka.

Zusammenbruch

Seit 1995 existiert in Albanien ein Strafgesetzbuch, der  Kanun ist von Staats wegen nicht mehr vorgesehen. Doch die Krise 1997 ließ ihn wieder aufflackern. Viele in der Bevölkerung hatten damals Gewinnversprechen geglaubt und Geld in Gesellschaften gesteckt, die zusammenbrachen. „Über die Hälfte der Bevölkerung war bankrott, alle waren bewaffnet“, schildert er die damalige explosive Lage. Die Folge: Gewalt, anarchische Zustände. Entwickelt habe sich eine gefährliche Mischung: „ein diffuses Rechtsempfinden aus Regeln des Kanun gepaart mit Selbstjustiz“.

Altmodisch

Wie viele praktizieren den Kanun heutzutage? Es handle sich um ein „Randphänomen“, sagt Prochazka. Von drei Millionen Einwohnern etwa einige tausend. Nur Familien, die aus den Bergdörfern kommen, sagt er, und darunter nur die Konservativen. Die starke Landflucht in Albanien zum Ende des Kommunismus habe dazu beigetragen, dass das Gewohnheitsrecht auch in die Städte kam. Aber die Menschen in „vibrierenden albanischen Metropolen wie Tirana und Pristina kennen  das in der Regel nur aus dem Fernsehen und finden den Kanun altmodisch, absurd“. Prochazka, der häufig vor Ort war, sagt aus Erfahrung: „Die Stadtbevölkerung hat damit normalerweise nichts am Hut.“

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Fehde zwischen Familien


Prozess Am Ulmer Landgericht wird wegen Mordes  gegen einen 46-Jährigen aus Göppingen verhandelt. Der Deutsche mit albanischen Wurzeln soll mit einem Mittäter im April 2017 einen 19-jährigen Albaner an einem Erbacher Anglersee mit einem Hammer brutal ermordet und den Leichnam im See versenkt haben. Als Motiv sieht die Staatsanwaltschaft die „Fortsetzung der Blutrache“ zwischen den Familien der Beteiligten. So wurde schon der Vater des 19-jährigen Opfers getötet. Wohl aus Rache dafür, dass der Onkel des 19-Jährigen ein Mitglied der anderen Familie erschossen hat.

Zur Person Martin Prochazka (40) studierte Geschichte und Französisch an der Universität in Graz, zusätzlich absolvierte er eine Dolmetscher-Ausbildung für Albanisch. Studienaufenthalte führten ihn nach Tirana, Belgrad, Timioara und Oklahoma. 2000 war er als Wahlbeobachter der OSZE in Albanien tätig. Von 2003 bis 2005 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Südosteuropäische Geschichte in Graz. Er publizierte zahlreiche Artikel und Analysen über die politische Lage in Albanien, dem Kosovo und Serbien. Inzwischen ist er als Gerichtsdolmetscher für Albanisch tätig.

Literatur Ismail Kadare: „Der zerrissene April“ thematisiert die Blutrache am Beispiel zweier albanischer Familien. Ein Lesetipp von Martin Prochazka.