Soziales Zwillingsmädchen kämpft weiter

Sieht plötzlich die Welt aus ganz neuer Perspektive: Thea – hier zum Laufen angeschnallt an Mama Simone – mit Papa Holger und Baby Jaron. Nicht im Bild: Zwillingsbruder Joas.
Sieht plötzlich die Welt aus ganz neuer Perspektive: Thea – hier zum Laufen angeschnallt an Mama Simone – mit Papa Holger und Baby Jaron. Nicht im Bild: Zwillingsbruder Joas. © Foto: Roland Schütter
ROLAND SCHÜTTER 05.01.2018
Inklusion und Integration: Thea Thiess aus Senden lernt nach ihrer Hüftoperation als Vierjährige aufrecht zu stehen und übt angeschnallt an Mama das Laufen. Schritt für Schritt hinein ins Leben.

Mehrfach war die vierjährige Thea aus Senden schon dem Tode nahe. Doch ihr unbändiger Lebenswille gab ihr immer wieder die Kraft, weiterzumachen. Nach einer Hüftoperation kommt das Zwillingsmädchen nun erstmals so richtig auf die Beine. Erst durfte sie viermal am Tag eine knappe Stunde sitzen. Dann durfte sie so viel sitzen wie sie wollte. Und nun ist sie mit einer Lauflernhilfe – angeschnallt an ihre Mutter – mehrmals am Tag für jeweils zehn Minuten aufrecht unterwegs.

„Thea, möchtest du die Lichter am Christbaum anzünden?“ fragt Simone Thiess ihre Tochter. Der Augenkontakt spricht eine deutliche Sprache und verrät ein „Ja“. Da bekommt das Mädchen einen grünen Button in die Hand und schaltet per Funk die Kerzen an, gleich darauf noch die Lichterkette am Fenster. Viel sprechen kann das Kind nicht, denn Thea leidet aufgrund einer frühkindlichen Hirnschädigung an einer Zerebralparese. Die Behinderung äußert sich anhand von Störungen des Nervensystems, der Muskulatur im Bereich der Motorik und ist immer wieder mit einer Spastik verbunden. Thea braucht länger für ihre Entwicklung als Gleichaltrige. Sie wird ein Leben lang auf Hilfsmittel angewiesen sein. Doch die Kleine hat einen wachen Geist und bekommt alles mit, was um sie herum passiert.

Bis Ende Januar erhält sie noch dreimal in der Woche Physiotherapie. An die neuen Orthesen musste Thea sich gewöhnen. Inzwischen toleriert sie den Fremdkörper, auch den linken Schuh, in dem eine Einlage auf der Sohle zum Fußlängenausgleich von zwei Zentimetern steckt. Wenn Mutter und Tochter zusammen unterwegs sind, trägt Thea eine Laufweste mit Clips zur Befestigung am Gürtel von Simone Thiess. Zudem stecken beide in zwei  nebeneinander befindliche Auflagen für die Füße, um gleichzeitig unterwegs sein zu können.

„Thea, mit welchem Fuß möchtest du anfangen“, fragt Simone, und es ist schon klar, dass es kurz darauf das linke, leicht verkürzte Bein sein wird, das Thea zuerst bewegt. Weil sie sich auf dem rechten Bein sicherer fühlt. Papa Holger erklärt: „Es geht darum, das Gewicht auf die Beine zu bekommen, den Körper zu spüren und stehen zu lernen.“ Das Hilfsmittel kostet über 500 Euro und wird nicht von der Kasse bezahlt. Das Paar ist daher froh, dass sich Bürgermeister Raphael Bögge für sie engagiert. Er hat Simone versprochen, Geld aus der Unterstützungsaktion „Senden hilft“ für sie locker zu machen.

Überhaupt zeigte sich das Stadtoberhaupt am Geschehen der Familie interessiert. Über die sozialen Medien nahm er Kontakt auf und lernte Thea auch im Kindergarten „Lindennest“ kennen. Jaron, der kleine Bruder, ist im November auf die Welt gekommen und benötigt wie Thea und ihr Zwillingsbruder Joas die Aufmerksamkeit der Eltern. Doch zum Glück ist er pflegeleicht. Thea liebt ihn sehr, wenn er ihr nahe kommt, will sie den Säugling streicheln, ist sein Gesicht in der Nähe, möchte sie es küssen.

Die junge Familie, die immer noch stark auf die Hilfe der beiden  Großeltern-Paare angewiesen ist, hofft, dass Thea rasch mehr Kraft beim Laufen gewinnt und sie weiter Fortschritte macht. Toll wäre es, wenn sie den Rollstuhl richtig kennenlernen würde. Bisher sitzt sie nur darin. Die Räder selbst zu steuern und den Wagen zu drehen, hat sie noch vor sich. Gespannt sind die Sendener auf ihren im April anstehenden Karibik-Urlaub in Curacao.

Hilfe von Delfinen

Dort wartet eine Delfintherapie auf das kleine starke Mädchen. Dafür werden immer noch Sponsoren gesucht „Wir sind völlig offen, was Thea daraus macht“, sagt die Mama und wünscht sich, dass ihre Tochter neue Möglichkeiten der Kommunikation findet. Solche, die differenzierter sind. Da sie nahezu nicht redet, hilft ihr zurzeit ein Tonband, auf das Eltern und Erzieher sprechen, was Thea erlebt hat. Sie kann das per Tastendruck vorspielen. Unverändert bleibt das Ziel, dass sich Thea eines Tages mit einem Hilfsmittel bewegen kann.

Spendenaktion für Delfintherapie

Eindrücke „Thea entdeckt die Welt“ lautet der Name einer Spendenaktion für Theas Delfintherapie auf Curaçao. Weitere Informationen und Einblicke ins Familienleben im Internet auf Facebook unter www.facebook.com/EntdeckeTheasWelt