Bundeswehr Zivilisten vor Kriegsfolgen schützen

Die Bundeswehr will bei Auslandseinsätzen die Zusammenarbeit mit zivilen Organisationen verstärken. Das Bild entstand während eines Nato-Manövers in Norwegen.
Die Bundeswehr will bei Auslandseinsätzen die Zusammenarbeit mit zivilen Organisationen verstärken. Das Bild entstand während eines Nato-Manövers in Norwegen. © Foto: dpa
Dornstadt / Von Willi Böhmer 08.11.2018

Grausige Bilder von toten Zivilisten und zerstörten Städten in Syrien beherrschen seit Jahren die Nachrichten in Zeitung und Fernsehen. Bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr sollen solche Exzesse vermieden werden, sagt Oberst Albrecht Katz-Kupke: Soldaten des in der Ulmer Wilhelmsburg-Kaserne stationierten Kommandos Operative Führung und Vertreter ziviler Hilfsorganisationen haben sich deshalb in der Dornstadter Rommel-Kaserne zusammengesetzt und diskutieren, wie Zivilisten und Kulturgüter in einem Krieg besser geschützt werden können.

Im Prinzip sind sich alle einig: Bereits in der Planung internationaler Einsätze müssen Militärs verstärkt die Zusammenarbeit mit zivilen Organisationen suchen, sagt Katz-Kupke. Er leitet die CIMIC-Abteilung des Ulmer Kommandos. CIMIC steht für zivil-militärische Zusammenarbeit (Civil-Military Cooperation).

Noch Anfang der 1990er Jahre, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, war diese Kooperation kein Thema. Auch während des Balkankrieges 1996/97 planten Militärs ihre Einsätze weitgehend isoliert, ohne große Absprachen mit zivilen Gruppen. Dann setzte sich die Erkenntnis durch, dass solche Operationen nicht nur ein Thema für Soldaten sein dürfen, sagt Katz-Kupke. Die Erfahrungen aus Bosnien und Afghanistan wirkten beschleunigend.

Skepsis nicht ganz ausgeräumt

Es ist kein einfaches Vorhaben. Lange Zeit standen sich Militärs und zivile Organisationen kritisch gegenüber. Die Befürchtung von Helfern, sie könnten bei einer Zusammenarbeit als Teil einer kämpfenden Partei angesehen und ebenfalls Ziel von Attacken werden, ist nach wie vor ausgeprägt. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen sei deshalb noch heute eher skeptisch und gehe eigene Wege, sagt Katz-Kupke.

Auf der anderen Seite: Nach der Zertifizierung des Kommandos für Nato-Auslandseinsätze parallel zu Aufträgen der Europäischen Union oder der Vereinten Nationen sei es umso notwendiger, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Denn die Wahrscheinlichkeit von Einsätzen ist gestiegen, sagen die Soldaten. Deshalb gibt es im Offiziersheim in der Rommel-Kaserne derzeit nicht nur spannende Vortragsthemen, sondern auch viel Raum für Debatten.

Innerhalb der Nato erlangt die zivil-militärische Zusammenarbeit immer größere Bedeutung, sagt Katz-Kupke. Das Thema sei inzwischen auf höchster strategischer Ebene angelangt. Und die EU übernehme vieles, was die Nato vormacht. Die Bundeswehr bereite ihre Soldaten inzwischen auch ganz konkret darauf vor, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie beispielsweise an einer Straßensperre auf schwer bewaffnete Kindersoldaten treffen.

Noch Luft nach oben

Das alles war früher kein Thema. Und die Bundeswehr sei damit noch längst nicht bei 100 Prozent angelangt. Katz-Kupke schätzt, dass das Thema der Zusammenarbeit in der Bundeswehr vielleicht 60 bis 70 Prozent der eigentlichen Bedeutung erreicht habe. Es bleibt also noch einiges zu tun. Der Oberst ist als Abteilungsleiter CIMIC ein wenig ein Exot innerhalb der Bundeswehr – wenn auch nicht der einzige, der sich darum kümmert. Aber das passe ja zum Ulmer Kommando, das ebenfalls einmalig ist in der Truppe.

Die Ergebnisse des Symposiums werden auch für das zweite Kommando wichtig sein, das sich derzeit im Aufbau befindet und spätestens im Oktober 2021 für die Nato bereitstehen soll, sagt Generalleutnant Jürgen Knappe, der Befehlshaber des Ulmer Kommandos. Die neue Einheit trägt das Militärkürzel JSEC und soll im Auftrag der Nato Versorgungs- und Transportlinien in Einsatzgebieten planen und sichern.

Treffen internationaler Organisationen

Programm Das Symposium über zivil-militärische Zusammenarbeit wird heute fortgesetzt. Bei der dreitägigen Veranstaltung referiert zum Beispiel das Office on Drugs and Crime der Vereinten Nationen über den Einfluss von Migration und Menschenschmuggel auf die Stabilität von Staaten. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und der European External Action Service präsentieren ihre Perspektive einer Sicherheits-Zusammenarbeit mit der Nato, der EU und anderen internationalen Organisationen. Das UN-Büro für die Koordination humanitärer Hilfsaktionen referiert über den Schutz von Zivilisten in Kriegsgebieten, vor allem von Frauen und Kindern. Transparency International behandelt die Korruptionsprävention bei militärischen Operationen, Blue Shield International den Schutz von Kulturgütern. Einrichtungen wie die Penn State University, das US Air War College und die Naval Postgraduate School setzen sich unter anderem mit der Rolle von Religionen in Konflikten auseinander.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel