Nicht auf dem Damm gewesen war Thomas Motz noch vergangene Woche. Nicht einmal proben konnte er – krankheitsbedingt. Davon ist dem „vielbeschäftigsten Schauspieler“, wie ihn der Vorsitzende der Balzheimer Theaterfreunde, Harald Kächler, nennt, nichts mehr anzumerken. Als Pfarrer David Koch steht er nun auf der Bühne und hält einen Monolog, der mit zu den Höhepunkten des historischen Dramas „Entscheidung am Damm“ zählt, das im Dorfgemeinschaftshaus in Unterbalzheim Premiere feierte.

Geschrieben hat es Harald Kächler, der auch Regie führt und von einem starken Team vor und hinter den Kulissen unterstützt wird. „Es ist ein Balzheimer Stück“, sagt er. Nach den heiteren Musicals der vergangenen beiden Jahre, die von Siegfried Baur und seiner Tochter Anna-Verena stammten, hat sich der Historiker des Hochwassers von 1910 angenommen, hat geschichtliche Fakten mit einer fiktionalen Liebesgeschichte verbunden. So gelingt es ihm, die damals herrschenden gesellschaftlichen Konventionen und Moralvorstellungen prägnant, einfühlsam und mitreißend zu zeichnen. Gesprochen wird im Dialekt und trotz ernsten Inhalts kommt auch feiner Humor zum Tragen.

Denn der Damm, der vor künftigen Überschwemmungen schützen soll, wird zum Zankapfel zwischen Ober- und Unterbalzheim. Doch nicht nur auf politischer Ebene, nein, der Streit, die Vorurteile, die Intoleranz vergiften auch das Klima zwischen den Menschen beider Orte. Mittendrin: der Unterbalzheimer Frieder und seine Oberbalzheimer Liebste Susanne. Ihr Schicksal gewinnt eine stetige Dynamik, die die Zuschauer mitnimmt in ein Wechselbad der Gefühle.  

Dabei scheint der Pfarrer der einzige zu sein, der in dieser überhitzten Atmosphäre – die Unterbalzheimer wollen einen Schutzdamm, die Oberbalzheimer nicht – kühlen Kopf bewahrt. „Die Moderatorenrolle des Geistlichen wird mir im Gedächtnis bleiben“, meint Kirchbergs Bürgermeister Jochen Stuber, der die Vorstellung privat besuchte. „Ich kann sie nachfühlen, denn manchmal muss ich selber diese Rolle einnehmen.“ Vor kurzem habe der Gemeinderat den Hochwasserschutz in Sinningen beschlossen, fügt er hinzu: „Ich sehe das Ganze nun in einem anderen Licht.“ Jochen Stuber lobte die Gesamtleistung des Ensembles: Gut gespielt habe das Ensemble, in gewohnt hoher Qualität – auch die kleineren Parts. So denkt auch Stubers Ehefrau Heike: Sie spricht von einer „super Leistung.“ Berührt habe sie die Liebesgeschichte der zwei jungen Protagonisten: „Damals herrschten ganz andere Regeln. So etwas ist heute nicht mehr vorstellbar.“

Getragen werden die dramatischen Geschehnisse von 19 Sprechrollen. Doch wie lässt sich das Publikum auf die Zeitreise ins frühe 20. Jahrhundert mitnehmen? Das hat Harald Kächler geschickt gelöst: mit der Familie Radlhammer nämlich, die mit ihren Fragen die ganze Handlung in Gang bringt und ebenso beendet. Nicht weniger wichtig ist die Rolle des eigens für die neue Produktion der Theaterfreunde gegründete 20-köpfige Projektchor unter der Leitung von Sonja Walter erwähnt werden. Ein echtes Schmankerl. Mit ihrem Repertoire an damaligen Volksliedern geben die Sänger den sechs Bildern der eigentlichen Binnenhandlung Struktur. Mit schönem, gepflegtem Vortrag wird jedes der sechs Bilder der Binnenhandlung eingeleitet. Doch nicht nur deswegen lohnt es sich hinzuhören. „Ich habe die Lieder ausgewählt“, erklärt Harald Kächler. Selbstredend mit Hintergedanken: „Die Ironie ist gewünscht.“

Dass nichts dem Zufall überlassen wird, gilt natürlich auch für die Schauspieler. „Alles wurde durchgesprochen, jede Geste“, sagt der Regisseur. Beispiel Pfarrer David Koch: „Sein Darsteller Thomas Motz musste wissen, um was es sich für einen Menschen handelt, den er spielt“, meint Harald Kächler. Dieser sei alkoholabhängig gewesen, manisch-depressiv, charakterisiert Thomas Motz seinen Protagonisten: „Eine interessante Rolle.“ Wichtig für ihn: „Harald Kächler ist Geschichtslehrer und konnte uns Informationen aus dieser Epoche weitergeben.“

Selbst verfasste Stücke seien das Balzheimer Alleinstellungsmerkmal, betonte nach der Premiere der Autor und Regisseur, der ebenfalls die Gesamtleitung seines Dramas innehat. „Ich bin überzeugt, dass wir unser Bestes gegeben haben, was das Spiel betrifft.“ Und dann fährt er fort: „Wie es auf die Leute wirkt, haben wir nicht im Griff, das wird sich zeigen.“

Besetzung und weitere Aufführungen

Rollen 19 Sprechrollen gibt es in Harald Kächlers „Entscheidung am Damm“. Prolog und Epilog: Markus, Tatjana und Julia Radlhammer. Schultheiß: Joachim Birzele, Flussbaumeister: Walter Butterhof, Sternwirt: Udo Laupheimer, Gemeinderat Rabus: Haiko Baur, Pfarrer: Thomas Motz, Gemeindepfleger Baur: Rudi Baur, seine Frau: Anke Breymaier, ihre Tochter Susanne: Christina Bayer, ihre Tochter Margarethe: Melanie Löffler, ihr Sohn Karl: Niklas Müller, ihr Sohn Hans: Florian Fuchs, Schenkenbäurin: Doris Rögele, Bäcker: Marc Butterhof, Bäckerin: Anna-Verena Baur, ihr Sohn Frieder: Moritz Baur, ihre Tochter Bärbel: Emely Ladig.

Termine Aufführungen sind am 30. Dezember um 17 Uhr, am 2. Januar um 19 Uhr, am 4. Januar um 19 Uhr und am 5. Januar um 17 Uhr. Karten gibt es online unter www.theaterfreunde-balzheim.de oder Telefon 07347-3949.