Der Blaubeurer Maschinenbauer Centrotherm setzt weiter auch auf ein Großprojekt in Algerien. Gemeinsam mit seinem Konsortialpartner Kinetics Germany GmbH soll Centrotherm in der Hauptstadt Algier für etwa 300 Millionen Euro eine große Photovoltaikfabrik aus dem Boden stampfen. Durch die Insolvenz des Blaubeurer Unternehmens geriet das Vorhaben ins Stocken, Nachverhandlungen für die Verträge laufen.

Als der baden-württembergische Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) vor wenigen Tagen mit einer Delegation in der algerischen Hauptstadt Algier weilte, waren auch Centrotherm-Aufsichtsrat und Anteilseigner Robert Hartung und der bisherige Technologievorstand Peter Fath dabei. "Beide Seiten haben großes Interesse daran, das Projekt fortzusetzen", sagte Martin Hörmann, Ulmer Anwalt und vom Gericht bestellter Sachwalter der Centrotherm-Gläubiger nach der Rückkehr aus dem nordafrikanischen Land. Es ging auch darum, dem Partner vor Ort zu erklären, dass es bei der Centrotherm mit ihren 1000 Mitarbeitern weiter geht, dass der Insolvenzplan steht und voraussichtlich bis Ende März rechtsgültig sein wird.

Gesprächspartner vor Ort ist die Compagnie de lEngineering de lElectricité et du Gaz (CEEG), ein Tochterunternehmen des algerischen Staatskonzerns Socièté Nationale de lElectricité et du Gaz (Sonelgaz). Aus dem Sanierungsplan des Blaubeurer Unternehmens geht hervor, dass Centrotherm in den Nachverhandlungen die bestehenden technischen und Haftungsrisiken reduzieren möchte, und die Sonelgaz-Tochtergesellschaft pokert um eine Preissenkung oder um eine Aufstockung des Leistungsumfang des Projekts von heute 116 auf 200 Megawatt. Eine Einigung zeichne sich ab, versicherte Hörmann, große Änderungen werde es wohl nicht geben. Fath soll die Umsetzung des Vorhabens unterstützen. Es wird ein Vorzeigeprojekt für ganz Afrika sein, deshalb muss es auch gelingen, sagte Hörmann.

Auf der Baustelle in Algier steht bislang wenig, das auf eine Photovoltaikfabrik hinweist. Die Erde ist aufgewühlt, eben wie auf einer Großbaustelle. Wegen der erhöhten Erdbebengefahr in diesem Gebiet wird die Fabrik in einem neuen Verfahren auf 5000 Säulen aus verdichtetem Schotter gesetzt, die Erdstöße auffangen sollen.

Zwölf Monate haben sie durch die Insolvenz von Centrotherm und die damit verbundenen Unsicherheiten verloren, berichtete Projektleiter Volker Kinzig beim Besuch von Wirtschaftsminister Nils Schmid. 2015 soll die Fabrik fertig sein und arbeiten. Bislang wird der Energiebedarf des Landes durch Erdöl und Erdgas aus der eigenen Förderung gedeckt, bis 2030 will Algerien 40 Prozent seines Strombedarfs aus erneuerbaren Energien erzeugen. Die Voraussetzungen dafür seien gut: Die Sonneneinstrahlung ist in Algerien doppelt bis dreifach so stark wie in Deutschland. Und in Algerien gibt es geeignete Quarze für Silizium. Damit kann das nordafrikanische Land die komplette Wertschöpfungskette für die Produktion von Photovoltaikanlagen stellen.

Aber das Projekt werde nicht nur in Algerien genau verfolgt. Es handele sich um die erste Photovoltaikfabrik dieses Ausmaßes und dieser Technologie auf afrikanischem Boden, sagte Anwalt Martin Hörmann. Es könne ein Modell für den gesamten Kontinent werden. "Das Projekt öffnet für Centrotherm die Tür nach Afrika", sagte ein Teilnehmer der Wirtschaftsdelegation.

Für Centrotherm wäre ein solcher Schritt von enormer Bedeutung. Bislang werden 90 Prozent der Geschäfte in Richtung Asien abgewickelt. Der Zusammenbruch dieses Absatzmarktes hatte vor Monaten die Centrotherm-Krise ausgelöst, die in der Insolvenz endete. Die algerischen Geschäftspartner hoffen, dass mit der engen Verbindung zum Unternehmen nicht nur eine hochmoderne Produktionsanlage für Photovoltaik aufgebaut wird, sondern auch ein Wissenstransfer in das nordafrikanische Land stattfindet. Minister Nils Schmid betonte immer wieder, in lupenreinem Französisch, dass Algerien und Baden-Württemberg gleichberechtigte Partner "auf Augenhöhe" seien. Und dass ein Hauptschwerpunkt der Zusammenarbeit im Ausbau der erneuerbaren Energien liege.

Darum ging es auch bei einem Treffen Nils Schmids am Montagvormittag mit dem algerischen Energieminister Yousef Al-Yousfi, an dem auch Peter Fath teilnahm. Schmid bezeichnete Centrotherm als wichtiges Unternehmen in der Region, das weltweite Erfahrung habe. Er stehe persönlich zu diesem Unternehmen. Der Energieminister war sichtlich zufrieden. "Das wirkte sich sehr positiv auf unsere Gespräche am Nachmittag mit dem algerischen Partner CEEG aus", berichtete Hörmann. Darum waren die Centrotherm-Manager auch mitgeflogen: "Sich vor Ort ein Bild machen, mit den Leuten reden, schauen, wo die Befürchtungen liegen." Und die Verhandlungen vorantreiben. Bis Ende März sollen auch die Vertragsergänzungen mit dem algerischen Partner unter Dach und Fach sein.

Die Rouiba-Industriezone, in der die neue Fabrik hochgezogen wird, liegt von der Infrastruktur her günstig. Zum Hafen sind es gerade mal 25 Kilometer, zum Flughafen nur 12. Das Industriegebiet liegt noch in Algier. Keine Spur von Aufregung wegen des blutigen Terrorüberfalls auf das Gasfeld "In Amenas" durch eine Terrorgruppe, die sich für die Offensive der französische Truppen gegen Islamisten im benachbarten Mali rächen wollte. Polizei und Armee sind im Stadtbild präsent.

"Wir messen der Zusammenarbeit mit Centrotherm und Baden-Württemberg größte Bedeutung bei", versicherte Abdelaziz Boumahra, Präsident des Rouiba-Industriegebiets beim dreistündigen Rundgang über die Baustelle.