Kleidung Wird Dietenheim wieder Textilstadt?

Die Ringspinnmaschne der Spinnerei Otto. Geschäftsführer Andreas Merkel hat die Idee für das "Reallabor" Dietenheim mit angestoßen, das für eine nachhaltige Textilwirtschaft in der Innenstadt sorgen soll.
Die Ringspinnmaschne der Spinnerei Otto. Geschäftsführer Andreas Merkel hat die Idee für das "Reallabor" Dietenheim mit angestoßen, das für eine nachhaltige Textilwirtschaft in der Innenstadt sorgen soll. © Foto: Universität
Dietenheim / BEATE REUTER-MANZ ANDREA WEBER-TUCKERMANN 21.10.2014
Die einstige Textilstadt Dietenheim als moderner Standort für nachhaltige, fair gehandelte Textilien? Das ist das Ziel eines Projekts der Uni Ulm und der Fachhochschule Reutlingen. Das Land gibt 900.000 Euro.

Der Dietenheimer City geht es wie vielen anderen Innenstädten auch: Sie blutet aus. Einzelhändler geben auf, während an den Stadttoren die Discounter boomen. Auch solche, die Kleidung zu Spottpreisen auf den Markt werfen: T-Shirts für drei Euro beispielsweise. Keine gute Entwicklung, klagen Fachleute und auch mancher Verbraucher selbst. Denn Billigtextilien sind einem brutalen Wettbewerb geschuldet, bei dem soziale Standards und Umweltverträglichkeit auf der Strecke bleiben.

Jetzt bekommt Dietenheim eine besondere Chance. Im besten Fall könnte sie eine Trendwende zur Folge haben und die Stadt mit ihrer Textil-Vergangenheit zu einem modernen Standort für ökologisch hochwertige und fair gehandelte Textilien machen, wie die Universität Ulm schreibt. Mit 960.000 Euro fördert das Land Baden-Württemberg demzufolge ein so genanntes "Reallabor", das Wissenschaftler der Universität Ulm und der Hochschule Reutlingen "zur nachhaltigen Transformation der Textilwirtschaft" in der Innenstadt ansiedeln wollen. Mit solchen Reallaboren solle eine neue Form des Wissenstransfers möglich werden. "Wir greifen Themen auf, die für die gesellschaftliche Veränderung von zentraler Bedeutung sind", erläutert Forschungsministerin Theresia Bauer Ziel und Inhalt.

Angestoßen wurde die Idee für Dietenheim im Übrigen aus Dietenheim: von Unternehmer Andreas Merkel, der erfolgreich Öko-Garn herstellt. Der studierte Textiltechniker, der die Geschäfte der alteingesessenen "Baumwollfeinzwirnerei Otto" führt, pflegt über andere Projekte seit Jahren enge Verbindungen zur Ulmer Universität. Diese Kontakte nutzte der umweltbewusste Geschäftsmann, der auf Platz 31 der 1300 nachhaltigsten deutschen Unternehmen gesetzt wurde. "Dass nichts falsch verstanden wird: Wir wollen keine Outlets à la Metzingen", betont er. Dietenheim solle vielmehr ein zentraler Ort für Herstellung und Vertrieb von nachhaltigen Textilien werden.

Bei der Vorstellung dieses ehrgeizigen Vorhabens vor etwa einem Jahr zeigte sich der Dietenheimer Gemeinderat sehr angetan. Jetzt, da der Zuschlag kam, ist die Freude noch größer, wie Bürgermeister Christopher Eh betont. Das Reallabor sei bedeutend "für die urbane Wiederbelebung der Stadt". Das Projekt könne aber auch Modellcharakter für andere Regionen und Branchen haben, meint der Schultes.

Für Professor Martin Müller geht es einerseits um die Wiederbelebung der Textilstadt Dietenheim. Andererseits stehe die nachhaltige Transformation der textilen Wertschöpfungskette im Mittelpunkt. Der Inhaber des Lehrstuhls für Nachhaltige Unternehmensführung an der Universität Ulm hat gemeinsam mit dem Textilwirtschaftsexperten Professor Matthias Freise und dem Handelsfachmann Professor Jochen Strähle von der Hochschule Reutlingen den erfolgreichen Antrag verfasst. Insgesamt hatten 33 Bewerber ihre Konzepte eingereicht; Dietenheim landete unter den sieben besten und war damit förderungswürdig.

"Verwaiste Innenstadtflächen werden von regionalen Textilunternehmen genutzt, um die gesamte textile Wertschöpfungskette für den Kunden transparent und erfahrbar zu machen", schildert Freise das Vorhaben. Die Idee: Gläserne Produktion und Design-Werkstatt arbeiten dabei Hand in Hand. Mittelständische Textilhersteller aus der Region könnten sich seinen Worten zufolge eine Ansiedlung in der Dietenheimer Innenstadt vorstellen. Es sind dies zumeist Kunden der Firma Otto, die mit ihrer Garnfärberei bereits mitten in der Stadt ansässig ist.

Im Dietenheimer Reallabor soll mit ausgewählten Bio-Materialien gearbeitet werden. Neue Vermarktungs- und Vertriebskonzepte sollen dabei helfen, vom bieder-moralischen "Öko-Image" wegzukommen. Auch die verantwortungsvolle Managerin solle sich angesprochen fühlen, erläutert Professor Jochen Strähle von der Fakultät für Textil & Design der Hochschule Reutlingen den Plan. Er kann sich vorstellen, die Kunden am Designprozess zu beteiligen, um mit individuellen Entwürfen persönliche Stücke zu schaffen. "Unser gemeinsames Ziel ist es, das Bewusstsein der Konsumenten zu schärfen für hochwertige, umweltverträglich und fair produzierte Waren, um letztlich das Kaufverhalten zu verändern", formulieren die Projektpartner das Projektziel.

Sollte die urbane Revitalisierung der Dietenheimer City gelingen, braucht es auch eine gute Verkehrsplanung. Das aktuelle Mobilitäts- und Stadtentwicklungskonzept ist ebenfalls Bestandteil des Antrags. Für den Erfolgsfall ist somit vorgesorgt.

Nachhaltige Textilproduktion durch regionale Wertschöpfung from Cornelius Bierer on Vimeo.

Viele Partner ziehen an einem Strang

Projektpartner des Reallabors Dietenheim sind neben den beteiligten Hochschuleinrichtungen, der Stadt, dem Planungsbüro Künster und acht regionalen Textilunternehmen auch zahlreiche zivilgesellschaftliche Akteure wie der BUND, der Handwerks- und Gewerbeverein Dietenheim, die evangelische Akademie Bad Boll, der Ulmer Initiativkreis Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung e.V. (unw), die studentische Ulmer Hochschulgruppe "Ökosoziale Marktwirtschaft und Nachhaltigkeit" sowie die OiKOS Gruppe Reutlingen.

 

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