Windkraft Windkraft: Gelassen in Stuttgart, gereizt in Öllingen

THOMAS STEIBADLER 04.02.2017

Keine Windräder oberhalb des Lonetals bei Öllingen. Das hat in dieser Woche das Landratsamt Alb-Donau entschieden und sich dabei auf die „denkmalschutzrechtlichen Vorbehalte“ des Landesamts für Denkmalpflege berufen. Demnach handelt es sich bei Bockstein-, Hohlenstein- und Vogelherdhöhle wegen der dort gefundenen, weltberühmten Eiszeitkunst um „Kulturdenkmale von besonderer Bedeutung“.

Das öffentliche Schutzinteresse gelte nicht nur für die Höhlen, sondern auch für die Landschaft in deren Umgebung. Und diesem Schutzinteresse „stünde der visuelle Wirkbereich der Windkraftanlagen entgegen“. Im Klartext heißt das wohl: Wenn man von den Höhlen aus ein Windrad sieht, widerspricht das dem Denkmal-Charakter.

Die Denkmalpfleger verweisen auch auf den Antrag des Landes, die Fundhöhlen des Lonetals sowie die des Achtals zum Unesco-Welterbe zu erklären. Der universelle Wert der Höhlen beruhe nicht allein auf den Funden. Auch die Landschaft um die Höhlen herum trage zu diesem Wert bei.

Damit kann die ENBW ihr Vorhaben von drei etwa 230 Meter hohen Windrädern einstampfen. Es sei denn, der Konzern legt beim Regierungspräsidium Tübingen Widerspruch gegen die Ablehnung durch das Landratsamt ein. Die Entscheidung werde noch ein paar Tage auf sich warten lassen, sagt Pressesprecher Jörg Busse. Einen Monat hat die ENBW dafür Zeit, vorher wolle das Unternehmen den Bescheid nicht kommentieren. Freude habe das Nein natürlich nicht ausgelöst, „aber so ist das Projektgeschäft“: Nicht immer entspreche das Ergebnis dem Ausgangspunkt der Planung.

Gelassenheit demonstriert auch Frank Lorho, der stellvertretende Pressesprecher des baden-württembergischen Umweltministeriums. Die Entscheidung des Landratsamts Alb-Donau wolle er nicht kommentieren, zumal das Land generell mit dem Ausbau der Windkraft gut voran komme. Dieser Ausbau solle mit Augenmaß erfolgen, und der Denkmalschutz sei eben eines von mehreren möglichen Hindernissen, die auch mal unüberwindbar sein könnten. 2016 seien in Baden-Württemberg 120 neue Windräder in Betrieb gegangen, „ein Rekordjahr“, sagt Lorho. Weitere 209 Anlagen seien bereits genehmigt, für 170 liefen die Verfahren.

Vor Ort, in Öllingen, ist die Gemütslage eine andere als in Stuttgart. „Nicht nachvollziehbar“, sagt Bürgermeister Georg Göggelmann über die Ablehnung. Zumal er das Landesamt für Denkmalpflege schon vor fünf Jahren darauf hingewiesen habe, dass zwischen Öllingen und der Nachbargemeinde Setzingen ein Windkraft-Vorranggebiet geplant war. Dieses Vorranggebiet hat der Regionalverband Donau-Iller inzwischen rechtskräftig festgelegt. Im Verfahren, das im Dezember 2015 abgeschlossen wurde, hatten die amtlichen Denkmalschützer offenkundig keine Einwände erhoben.

Mehrere Grundstückseigentümer, darunter die Gemeinde, haben sich Göggelmann zufolge in einem Pool zusammengetan und Pachtverträge mit der ENBW abgeschlossen. Dabei seien auch Kosten von einigen tausend Euro angefallen. Falls die Windräder nun nicht gebaut werden dürfen, seien Schadenersatzklagen nicht ausgeschlossen. Die Stimmung im Ort sei jedenfalls gereizt.

Windräder würden Setzingen nicht verschönern, sagt Ingeborg Lang, Bürgermeisterin der Nachbargemeinde. Trotzdem habe der Gemeinderat dem Vorhaben der ENBW auf Öllinger Gebiet zugestimmt. Windkraft, „das ist die Zukunft“ und allemal besser als ein Atomkraftwerk, meint die Bürgermeisterin mit Verweis auf das knapp 20 Kilometer entfernte Gundremmingen. „Man sieht die Wolke aufsteigen.“

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