Über 20 Grad im November, über zehn im Dezember, Dauerfrost und Schnee Fehlanzeige. Was Wintermuffel freut, ist für Honigbienen purer Stress. Sie bringt das Wetter total aus dem Takt, weil sie den Frühling nahen sehen. Der Vorsitzende des Neu-Ulmer Kreisimkerverbands, Walter Burger, fürchtet um die Gesundheit und das Überleben vieler Völker. Er sagt aber auch: Die Imker haben kaum Möglichkeiten, den Bienen zu helfen.

Seit 35 Jahren ist Burger Imker, er hat sieben Völker. Früher, erzählt er, habe es noch richtige Jahreszeiten gegeben, auf die sich die Honigbienen hätten einstellen können. Im Winter blieben die Insekten in ihrem Stock und ernährten sich vom Futter, das der Imker im Herbst bereitgestellt hatte. Mit der Haselblüte im Februar kam wieder mehr Leben ins Volk. Die Insekten flogen aus, brachten erst Haselpollen, später dann Weidenpollen, dann den Pollen der Obstbäume und von den Rapsfeldern in den Stock. Dem Nahrungsangebot entsprechend legte die Königin Eier, bis das Volk im Frühsommer auf seine volle Stärke angewachsen war. Im Hochsommer und Herbst wurden die Bienen mit dem nachlassenden Blütenangebot immer ruhiger und stellten sich auf den Winter ein.

So funktioniere das heute nicht mehr, sagt Walter Burger. Die Blütezeiten der Bienenfutterpflanzen haben sich angeglichen, so dass die Völker "erst sehr viel auf einmal und dann nur noch wenig Nahrung" finden. Völker wachsen zu schnell und finden dann später nicht mehr genug zum Fressen.

Dieses Jahr sei es noch extremer, berichtet Burger. Der warme Spätherbst habe den Insekten vorgegaukelt, es sei schon Frühling. Also flogen die Bienen aus, fanden aber keine Nahrung. So machten sie sich über das eigentlich für den Winter gedachte, vom Imker bereit gestellte Futter her. Die Königinnen fingen an, Eier zu legen. "Alle Signale standen auf Frühling."

Vollends zur Verwirrung der Insekten trage die von vielen Bauern praktizierte Begrünung abgeernteter Getreidefelder mit Büschelschön (Phacelia) bei, das die Bodenerosion verhindern soll und vom Staat finanziell gefördert wird, sagt der erfahrene Imker. Weil die lila Blüten der Phacelia nicht nur hübsch aussehen, sondern auch eine Bienenweide sind, tragen die Insekten noch im Spätherbst große Mengen Pollen in den Stock. Das Volk kommt nicht wie früher zur Ruhe. "Unsere Biene ist darauf gezüchtet, dass sie möglichst viel Honig produziert", sagt Burger. "Sie verausgabt sich also in ihrem Drang, möglichst viel Pollen zu ernten." Wenn dann trotz der zu warmen Witterung irgendwann das Nahrungsangebot wegbricht, brauchen die Bienen sehr schnell ihr Winterfutter auf.

Einfach mitten in der kalten Jahreszeit nachzufüttern und den Tieren so über den Winter zu helfen, funktioniere nicht, sagt Burger. Die Insekten könnten nicht unterscheiden, ob sie selbst oder die Imker die Speisekammer füllten. Und eine volle Speisekammer heiße nun einmal Frühling und sei für die Königin das Signal, Eier zu legen. "Diese Brut zu versorgen, kostet das Volk dann zusätzlich Kraft."

Also können die Imker nur darauf hoffen, dass das Wetter kühler wird. Wenn dies bald geschehe, werde die bereits gelegte Brut wieder aus den Waben geräumt. Ein Volk ohne Brut könne auch besser gegen die gefährliche Varroa-Milbe geschützt werden, erklärt Burger: Die für die Milben tödliche Oxalsäure, die die Imker im Winter in den Stöcken ausbringen, "impfe" nur Bienen, nicht aber Larven in den Brutkammern. Sei in einem Volk heuer wegen des Wetters Brut vorhanden, könne die Varroa in den Kinderstuben des Bienenvolks überleben und später das ganze Volk befallen, sagt Burger. Ein Bienensterben habe dann sehr negative Auswirkungen auf die Ernte.

Für den erfahrenen Imker stellt sich deshalb die Frage: "Haben wir die falsche Biene?" Das auf Großproduktion hin gezüchtete Insekt, das für ein Rapsfeld oder eine Löwenzahnwiese einen blühenden Apfelbaum links liegen lässt, ist womöglich nicht mehr anpassungsfähig und robust genug. Schon übernimmt die kleine Wildbiene viele wichtige Aufgaben der Honigbiene, etwa die Bestäubung von Obstbäumen und Beerensträuchern.