Laupheim Wertschätzung für Gretel Bergmann

Ulrike Nasse-Meyfarth vor der Stele zu Ehren von Gretel Bergmann, die 1936 von den Nazis um die Teilnahmen an den Olympischen Spielen in Berlin gebracht wurde. Die zweifache Olympiasiegerin im Hochsprung war zur Feier anlässlich des 100. Geburtstag von Gretel Bergmann nach Laupheim gekommen.
Ulrike Nasse-Meyfarth vor der Stele zu Ehren von Gretel Bergmann, die 1936 von den Nazis um die Teilnahmen an den Olympischen Spielen in Berlin gebracht wurde. Die zweifache Olympiasiegerin im Hochsprung war zur Feier anlässlich des 100. Geburtstag von Gretel Bergmann nach Laupheim gekommen. © Foto: David Stonies
Laupheim / BEATE REUTER-MANZ 14.04.2014
Laupheim ehrt sie mit der Bürgermedaille, das Land mit der Staufer-Medaille in Gold, im Olympiapark Berlin wird eine Straße nach ihr benannt: Hochachtung für Gretel Bergmann zu ihrem 100. Geburtstag.

So ein Pech. Kurz vor ihrem 100. Geburtstag ist sie unglücklich gestürzt: Doch eine erprobte Wettkämpferin wie Gretel Bergmann steckt das offenbar auch in einem so hohem Alter weg: In ihrem Haus in New York empfing die frühere Hochspringerin am Samstag, ihrem Ehrentag, trotz ihrer Blessuren eine große Gratulationscour. Auch dem enormen medialen Interesse begegnete Margret Lambert, wie die 1914 in Laupheim geborene frühere Spitzensportlerin seit ihrer Hochzeit mit Bruno Lambert heißt, vom Bett aus gelassen und mit bekannt trockenem Humor.

"Om Gotts Willa" entfuhr es ihr aber auf Schwäbisch, als das Ehepaar Alexander Rother und Anja Reinalter einen Sack voller Glückwünsche und Geschenke aus Laupheim überreichte.

Wie hätte Gretel Bergmann wohl erst die Geburtstagsfeier mit rund 250 Gästen genossen, die der TSV Laupheim gemeinsam mit der Stadt organisiert hatte. Einmal mehr zeigte sich dabei, wie sehr die Menschen fasziniert sind von der Lebensgeschichte Bergmanns. Und noch mehr von der Botschaft dieser außergewöhnlichen Frau, die wegen ihres jüdischen Glaubens 1936 von den Nazis um Olympia-Gold betrogen wurde, 1937 in die USA floh und dort schwor, nie wieder deutschen Boden zu betreten. Sie hat es dennoch getan: 1999, bei ihrem ersten Besuch in Laupheim, begannen die Wunden zu heilen, die die Nazis ihr beigebracht haben. Bei der Feier am Samstag wurden Szenen eines Interviews mit Bergmann vom Februar diesen Jahres eingeblendet: "Die Prüfungen des Lebens haben mich zu einem besseren Menschen gemacht", sagt sie darin.

"Durch ihre Bereitschaft zur Versöhnung hat sie eine Brücke der Völkerverständigung aufgebaut", sagte Laupheims Bürgermeister Rainer Kapellen. Verzeihen sei keine Entscheidung, es sei ein Prozess - in diesem Fall ein langwieriger. Nicht, um rückwirkend himmelschreiendes Unrecht auszumerzen, sondern weil sie "den Grundstein für einen Pfad der Freundschaft" legte, verleihe die Stadt Laupheim ihr die Bürgermedaille. Wenn Kapellen kommende Woche nach New York aufbricht, hat er zwei weitere Überraschungen im Gepäck: ein Video über die Geburtstagsfeier und die Staufer-Medaille in Gold des Landes Baden-Württemberg.

"Der Olympiasieg ist nicht alles, ihn brauchst Du gar nicht! Du kannst mit viel mehr Schätzen punkten, vor allem mit Deinem Sieg über Dich selber", rief die zweifache Olympiasiegerin im Hochsprung, Ulrike Nasse-Meyfarth, der Jubilarin zu. Sie sei froh, dass sie nicht in dieser Zeit habe leben müssen, gestand die 57-jährige Kölnerin. "Das "Gesicht der deutschen Leichtathletik" gab sich in einer von dem Sportjournalisten Ewald Walker moderierten Gesprächsrunde genauso ohne Dünkel wie der Ehrenpräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Walther Tröger, der Laupheim eine wichtige Rolle im Versöhnungsprozess mit Gretel Bergmann zuerkannte. Bernd Martens, Schulleiter der Hamburger Gretel-Bergmann-Gemeinschaftsschule, steuerte eine Geschichte bei, die die Geisteshaltung der Namenspatronin zeige: Als sich ein schwarzes Professoren-Ehepaar in Jamaika niederlassen wollte, jenem noblen New Yorker Stadtteil, in dem auch Bergmann lebt, gab es Widerstände wegen deren Hautfarbe. Daraufhin habe Bergmann die Nachbarn zum Grillen eingeladen. Das Ehepaar versteckte sie hinter einer Schiebetür, bis alle Gäste eingetroffen waren. Erst dann öffnete sie die Tür mit den Worten: "Jeder sage mir jetzt, was er gegen diese beiden Menschen hat."

Eine Überraschung gab es zum Schluss des Fests: Von der Berliner Senatsverwaltung war am Morgen die Nachricht gekommen, dass im Berliner Olympiapark bald eine Straße nach Gretel Bergmann benannt wird. Sie ist künftig auch die postalische Anschrift des Parks. Die Besonderheit: Die Gretel-Bergmann-Straße führt vorbei an jener Villa, in der einst Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten logierte - eben jener Nazi, der Gretel Bergmann seinerzeit so niederträchtig von den Olympischen Spielen ausgeschlossen hatte.

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