Justiz Wer setzte den ersten Fausthieb?

Eigentlich geht es an dem – privaten – Ersinger Waldsee ganz friedlich zu. An einem Abend im Juni vergangenen Jahres war das allerdings anders, da flogen die Fäuste.
Eigentlich geht es an dem – privaten – Ersinger Waldsee ganz friedlich zu. An einem Abend im Juni vergangenen Jahres war das allerdings anders, da flogen die Fäuste. © Foto: Franz Glogger
Ulm / Von Helga Mäckle 29.08.2018

Der letzte Zeuge des Tages trug am meisten zur Aufklärung bei: „Bei den Schlägen haben sich die beiden nichts geschenkt, aber wer angefangen hat, kann ich nicht sagen“, sagte der Biberacher gestern vor dem Amtsgericht Ulm. Verhandelt wurde ein Vorfall vom Juni 2017. Damals war es an einem der Ersinger Baggerseen zu einer handfesten Auseinandersetzung gekommen. Auf der Anklagebank saß der 41-jährige Besitzer des Sees, der als Waldsee bekannt ist. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft lautete „Körperverletzung“. Zu halten war dieser nicht: Der 41-Jährige wurde gestern freigesprochen.

Der Mann hatte an diesem Tag Anfang Juni in seinem Haus am Ufer des Sees ein Familienfest gefeiert. Die jüngeren Gäste fuhren am frühen Abend mit so genannten Seabobs, elektrisch betriebenen Scootern, über den See. Das beobachtete ein 55-Jähriger, der mit seiner Lebensgefährtin dort beim Baden war. „Die jungen Leuten sind mit den Seabobs den brütenden Wasserhühnern hinterhergejagt“, berichtete der Ulmer dem Gericht. Das müsse doch nun wirklich nicht sein. Dass der See in Privatbesitz sei, habe er zu dem Zeitpunkt nicht gewusst. Er habe die Leute lediglich darauf hinweisen wollen, dass sie doch bitte mehr Rücksicht auf die Wasservögel nehmen sollten. Und als Lehrer habe er sich es durchaus zugetraut, das den jungen Leuten gut zu vermitteln. Daher sei er rüber geschwommen zum Strand beim Haus. Im See stehend habe er die Leute angesprochen, aber schon nach kurzer Zeit sei der jetzige Angeklagte am Strand aufgetaucht, habe ihn rüde angesprochen und darauf hingewiesen, dass er sich auf Privatgrund befinde, ein „Idiot“ sei und doch verschwinden möge. Daraufhin sei er wieder in Richtung seines Liegeplatzes geschwommen.

Der Grundstücksbesitzer war über den Vorfall allerdings so sauer, dass er den Ulmer nach eigener Aussage wegen Hausfriedensbruch anzeigen wollte. Deshalb sei er mit einem Freund zum Platz des Ulmer Paares gelaufen, um nach den Personalien zu fragen.

Von diesem Punkt an gehen die Aussagen weit auseinander. Der russischstämmige Waldsee-Besitzer sagte, dass der 55-Jährige sofort „sehr laut“ geworden sei, ihn geduzt und gefragt habe „ob er überhaupt Deutsch verstehe“. Als der Ältere ihn am Arm gepackt habe, habe er diesen zurückgestoßen. „Dann hat er auf mich eingeschlagen, auch als ich am Boden lag.“

Der Ulmer berichtete seinerseits, dass der Jüngere ihn angeschrien und beschimpft habe, dass er den ganzen See absperren lassen könne. Er selbst habe versucht, die Situation mit Worten zu beruhigen: „Denn eine solche harsche Ansprache bin ich nicht gewöhnt.“ Dann aber habe der Mann „Boxhaltung“ eingenommen und ihn verprügelt. Er habe sich nach einigen Schlägen lediglich verteidigt und seinem Kontrahenten einen Kinnhaken verpasst. Das aber schien dem Gericht schon deshalb nicht glaubwürdig, weil der 41-Jährige bei der Schlägerei zwei Kinnbrüche davontrug – einen rechts, einen links – deswegen drei Wochen in der Klinik, also schwer verletzt worden, war.

Weil im Verlauf der Schlägerei immer mehr Leute vom Haus zum Ort des Geschehens gelaufen kamen, „habe ich Muffe gekriegt und bin weggerannt“, erzählte der Zeuge weiter. In der Zwischenzeit hatte seine Lebensgefährtin die Polizei gerufen, die in dem Moment eintraf, als er – „verfolgt von zumindest einem der Festgäste“ – auf dem Parkplatz ankam. Bei der Polizei verzichtete der Ulmer, Anzeige gegen den Badesee-Besitzer zu erstatten. „Ich wollte meine Ruhe.“ Die Anklage erhob letztlich die Staatsanwaltschaft, die nach der Beweisaufnahme gestern aber ebenso wie der Verteidiger des 41-Jährigen Freispruch forderte: „Der eine hat zugeschlagen, der andere auch“, sagte Staatsanwältin Antje Burkert. Wer damit angefangen habe, lasse sich nicht mehr klären.

Bis zu 5000 Badegäste an einem Wochenende

Nutzung „Bis zu 5000 Badegäste kommen an einem Wochenende“, sagte der Besitzer des Ersinger Waldsees gestern vor Gericht. Er habe zunächst die eine Hälfte des Sees von privat gekauft, im vergangenen Jahr die andere Hälfte. Es sei immer klar gewesen, dass der See für die Öffentlichkeit zugänglich bleibe. Bis auf den Teil im nordöstlichen Bereich, auf dem sein Haus steht. Dass er dieses derzeit umbaue, gefalle nicht jedem, berichtete der 41-Jährige. Als Eigentümer falle ihm auch die Verkehrssicherungspflicht auf dem Areal zu. „Das geht bei so vielen Besuchern nicht mehr.“ Daher wolle er gemeinsam mit der Stadt Erbach ein neues Nutzungskonzept erarbeiten.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel