Bürokratismus Wirtschaft konkret: Wer schreibt, der bleibt

Tom Schlotter verbringt rechnerisch einen ganzen Tag pro Woche mit Papier.
Tom Schlotter verbringt rechnerisch einen ganzen Tag pro Woche mit Papier. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Beimerstetten / Regina Frank 17.08.2018

Tom Schlotter ist Metzger. Und Hausmeister. Und Vertriebsleiter. Und Psychiater. Und Marketingexperte. Außerdem: Steuerfachmann, Bankkaufmann, Jurist, Hygienebeauftragter, Datenschutzbeauftragter. „Eine Person – zehn Berufe“, sagt der Metzger, der seine Produktion in Beimerstetten hat. Er ist – rechnerisch – einen Arbeitstag in der Woche mit Papier befasst, fünf mit Fleisch.

„Wer schreibt, der bleibt“, sagt er mit lakonischem Unterton. Soll heißen: Hauptsache, der Bürokratie ist Genüge getan. Hauptsache die Dokumentation stimmt. Beispiel: Temperaturkontrolle im Kühlhaus. Tom Schlotter geht kurzärmlig rein: „Zwei Grad. Ich spüre das.“ Stimmt.

Zwei Grad steht auch auf dem Thermometer, das im Gang hängt und die Temperatur des Kühlraums anzeigt. In einem durchregulierten Staat wie Deutschland genügt es jedoch nicht, wenn der Metzger sich sicher ist, dass seine Ware ausreichend gekühlt ist. Das muss in einer Exceltabelle festgehalten sein. Wollte  man sich das einfach machen, ginge das freilich auch einmal im Monat mit Kopieren und Einfügen.

Die überbordende Bürokratie bringt Tom Schlotter zur Weißglut. Wenn sie im Mantel des Verbraucherschutzes daherkommt erst recht. Denn ­ – um beim Beispiel Kühlung zu bleiben: „Das Problem geht nach dem Verkauf erst los.“ Nach dem Verkauf wird die Kühlkette unterbrochen – mitunter viel zu lange. Mitunter bei großer Hitze. Wenn sich auf dem Heimweg ein spontaner Plausch ergibt … „Das habe ich alles schon beobachtet“, schimpft Schlotter, „und das regelt unsere Bürokratie nicht.“ Das sei nicht zu Ende gedacht.

Überdies sage die ganze Dokumentation nichts aus über das Produkt. „Man kriegt Top-Qualität zu dokumentierten Werten. Und man kriegt schlechte Qualität zu dokumentierten Werten.“ Echter Verbraucherschutz sieht aus Sicht von Schlotter, der auch stellvertretender Obermeister der Fleischerinnung im Alb-Donau-Kreis ist, anders aus. Er zeigt auf das Label „Ulmer Land“ an seinem Lieferauto. Es steht für die Grundsätze heimatnah, fair und artgerecht. Schlotter war einer der Mitinitiatoren des Labels.

Bürokratismus bringt selbst erfahrene Unternehmer wie Schlotter bisweilen an ihre Grenzen. Seine Lebensgefährtin Susanne Blankenhorn,  die er als Vollzeitkraft angestellt hat, kümmert sich zwar um alles, was mit Personal zu tun hat. Aber Rechnungs- und Bestellwesen und Bankgeschäfte sind Chefsache. Nach einem Zehn-Stunden-Tag hat der Metzger oft schlicht keine Lust mehr auf und keine Energie mehr für Büroarbeit. Dabei sitzen ihm stets irgendwelche Fristen im Nacken, die es einzuhalten gilt. Andernfalls läuft er Gefahr, Probleme mit Behörden oder Banken zu bekommen, im schlimmsten Fall existenzgefährdende. Schlotter ist wie gesagt kein Neuling. Er ist seit 17 Jahren selbstständiger Metzgermeister. In dieser Zeit habe sich der Bürokratie-Aufwand verdreifacht, sagt er. Sein Büro nennt er „das Chaosland“ – Berge von Papier, wohin man blickt. Das krasse Gegenteil: die Wurstküche. Aufgeräumt. Alles hat seinen Platz, seine Ordnung. Hier die Wurstfüllmaschine. Dort der Kutter fürs Brät. Auf dem Tisch ein Wurst-Clipper.

Schlotter hat insgesamt drei Mitarbeiter, zwei davon in der Produktion. Je kleiner der Betrieb, desto größer sei das Bürokratismusproblem. Seine Fleischerei ist eine von 13 500 in Deutschland, jede zweite ist inhabergeführt.

Der deutsche Beamte kommt daher wie die personifizierte Macht, so empfindet es der Metzger. Er redet sich regelrecht in Rage, wenn es um Bürokratismus geht. In seinem speziellen Fall spielt offenbar auch eine Mentalitätskomponente eine Rolle: Schlotter selbst erklärt sich jedenfalls seine besondere Erregbarkeit durch den Umstand, dass er italienische Wurzeln hat.

Wirtschaftslexikon

Bürokratismus Damit wird die Übersteigerung bürokratischer Strukturen bezeichnet. Vorgegebene Richtlinien erscheinen oft als übertrieben und kleinlich. Sie können in Betrieben zu einem hohen Aufwand führen. (Quelle: Handwerkskammer Ulm)

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