Als Arzt will er den Patienten retten, alles Menschenmögliche dafür tun. Erst wenn dessen Tod unumkehrbar ist, rückt ein anderer Gedanke in den Vordergrund: Könnten Organe dieses Patienten das Leben anderer Menschen retten?

Dr. Manfred Popp ist Chefarzt der Anästhesie am Ehinger Alb-Donau-Klinikum – und Transplantationsbeauftragter. Er arbeitet schon lange in diesem Grenzbereich zwischen Leben und Tod. Ob er sich deshalb intensiver mit der Endlichkeit des Lebens beschäftigt, und im Umkehrschluss mit dem, was im Leben zählt?

„Wer setzt sich schon aktiv mit dem Sterben auseinander?“, antwortet Popp. Ein schwieriges Thema. In jungen Jahren seien wir geneigt, es zu verdrängen, „es passt nicht.“ Und die Menschen glaubten gern: Sterben tun die anderen. „Ich schiebe das Thema nicht weg“, sagt der 63-Jährige. „Das liegt auch an meinem Alter, dass man sich zwangsläufig mehr Gedanken macht und familiär und beruflich das eine oder andere Schicksal erleben musste.“

„Es weiß ja im Grunde jeder Mensch, dass zur Geburt auch der Tod gehört“, meint der Mediziner. Seiner Ansicht nach ist es so: „Es gibt zwei Fixpunkte, die Geburt und den Tod. Dazwischen ist die Spielwiese, auf der wir lachen, weinen, toben können.“

Zumindest ab und zu. „Wir in Deutschland mit unserem Pflichtbewusstsein vergessen darüber manchmal, was wirklich wichtig ist im Leben“, findet Popp. Das ist nicht falsch zu verstehen, Pflichtbewusstsein findet er durchaus gut. Aber man brauche nicht jede Kleinigkeit wichtig nehmen. So wie er es zum Beispiel von seinen Urlauben in Kanada kennt. Die Menschen seien freundlich, gelassen, auch wenn sie in der Schlange im Supermarkt stehen, keiner murre ... Und dann landet man in Frankfurt, fährt auf der Autobahn nach Hause und „ein Hornissenschwarm rast an einem vorbei“, sagt der Arzt und lacht.

Versuch, bewusster zu leben

Sich nicht mehr über bestimmte Dinge zu echauffieren sei auch etwas, das sich schwerkranke Menschen in Situationen zwischen Leben und Tod vornehmen. „Was immer man tut, soll Relevanz haben, wenn es um die Wurst geht.“ Überlebe der Mensch, versuche er anfangs bewusster zu leben. Dann aber nehme die Routine wieder mehr und mehr Raum im Leben ein, je größer der Abstand zu der schweren Krankheit werde, ist Popps Erfahrung.

Was zählt für ihn selbst im Leben? Der Arzt muss keine Sekunde nachdenken: „Die Familie ist für mich das Allerwichtigste.“ Die Frau, die Kinder und Enkelkinder. „Der Beruf kann nicht über der Familie stehen, auf keinen Fall“, findet der Mediziner. Wenngleich ihn seine Arbeit erfüllt. „Sie ist die Grundlage dessen, dass ich so leben kann, wie ich leben möchte.“ Er habe im Grunde nie etwas anderes machen wollen. Der Umgang mit Patienten sei ihm sehr wichtig. Zum Beispiel, wenn einer Angst vor der Narkose habe oder sich Sorgen mache: „Dann kann ich ihm das Gefühl geben, wir passen auf dich auf.“

Sein Beruf, die direkte Konfrontation mit der Endlichkeit des Lebens, haben den Transplantationsbeauftragten geprägt. „Ein neues Auto ist dann doch nicht so wichtig, anderes dafür umso mehr“, sagt er. Diese Erkenntnis „ist auch eine Chance für uns“.

Dabei geht es auch darum, die Leichtigkeit nicht zu verlieren. Als er jünger war, habe er Lkw-Fahrer werden wollen, erzählt der Chefarzt. Noch heute faszinieren ihn die großen Fahrzeuge: „Diese Begeisterung ist geblieben.“ Seine Frau habe ihm sogar schon Lkw-Fahrstunden geschenkt, erzählt er strahlend. Wie gut, dass er ganz in der Nähe einer Spedition wohnt: „Ich kann genau sagen, wie viele und welche Lkw dort stehen.“

„Ich bin hoffnungsvoll optimistisch“, beschreibt er seine Haltung. „Lächeln ist einfacher als trist dreinzuschauen.“

Anästhesist und Intensivmediziner


Zur Person Manfred Popp (63) ist in Tettnang geboren und am Bodensee aufgewachsen. Er hat in Ulm Medizin studiert, an der dortigen Uniklinik seine Facharztausbildung als Anästhesist gemacht. Der Familienvater arbeitet seit 1991 am Alb-Donau-Klinikum Ehingen. Popp hat eine Zusatzausbildung in der Intensivmedizin. Er ist Chefarzt in der Anästhesie und Transplantationsbeauftragter.