Vortrag Weniger Beton für mehr Natur

Gemeinsam zum Erfolg: Wie hier bei Vöhringen wollen Behörden, Naturschützer und Energiewirtschaft auch weitere Illerabschnitte in Zusammenarbeit renaturieren.
Gemeinsam zum Erfolg: Wie hier bei Vöhringen wollen Behörden, Naturschützer und Energiewirtschaft auch weitere Illerabschnitte in Zusammenarbeit renaturieren. © Foto: Martin Dambacher
Illertissen / Martin Dambacher 16.04.2018

Bereits vor knapp zwei Jahren demonstrierten die Naturschützer von BUND, IG Naturraum und diversen Fischerei- und Vogelschutzverbänden im strömenden Regen auf der Brücke zwischen Dietenheim und Illertissen für einen freien Lauf der Iller. Seit vergangener Woche scheint dieses Ideal ein Stück näher gerückt zu sein, und das trotz der vom Alb-Donau-Kreis erteilten Baugenehmigung für ein Kleinkraftwerk der Münchner Firma Fontin in ein bestehendes Wehr bei Dietenheim.

Denn geht es nach den Bayerischen Elektrizitätswerken (BEW), die über die Untere Iller AG mit 40 Prozent an den Kraftwerken Altenstadt, Untereichen und Au am Illerkanal beteiligt sind, sollen genau diese Wehre aufgebrochen und mit Teilrampen versehen werden. Nicht immer gelingt es an den bisherigen Schwellen nämlich, neue Seitenarme und Umgehungsbäche in Kombination mit rauen Rampen zu realisieren, um den Fließcharakter der Iller zu stärken und die Durchgängigkeit des Flusses sicher zu stellen.

Ökologisches Gleichgewicht

„Gemeinsam mit der EnBW haben wir 2017 alternative Konzepte für eine Gewässerentwicklung und Renaturierung an der Unteren Iller vorgelegt“, erklärte Ralf Klocke von der BEW bei einem Vortrag zum Thema in Illertissen. Diese würden unter anderem den Teilumbau einzelner Betonschwellen vorsehen, um die biologische Durchgängigkeit für Fische und Geschiebe zu gewährleisten. Letzteres sei der Fachbegriff für die im Fluss mitgespülten Kies-, Sand- und Feinanteile, die für ein ökologisches Gleichgewicht unverzichtbar seien, denn diese schützten nicht nur das Grundwasser, sondern beinhalten auch wichtige Nährstoffe für die Fische.

„Durch die Herausnahme eines zirka zehn Meter breiten und zwei Meter hohen Streifens in den Querbauwerken, der Errichtung von Teilrampen sowie der Anhebung der Sohle unterhalb wird das bisherige Badewannen-Prinzip, bei der das Wasser von Wanne zu Wanne fließt, aufgelöst“, sagte Klocke weiter, die Iller könne durch den Ausschnitt jederzeit dynamisch fließen und Fische problemlos aufsteigen.

Den dadurch verursachten Gefahren eines sinkenden Grundwasserspiegels und trockenen Auwäldern wolle man mit neuen Auengewässern entgegenwirken, die aus dem Illerkanal gespeist werden könnten, fuhr Klocke fort. Auch an das Geschiebemanagement habe man gedacht. „Mit Uferaufweitungen wollen wir der Iller nicht nur die Möglichkeit zu einer eigendynamischen Entwicklung des gewässertypischen Gleichgewichts geben, sondern reduzieren auch zeitgleich das Ausmaß der Sohlenerosion sowie Überflutungsgefahren“, erläuterte Glocke die Pläne.

Hierfür benötige man aber die entsprechenden Flächen. Sei man hier nicht bereit, entsprechende Grundstücke oder bestehende Flora und Fauna aufzugeben, brauche man die Konzepte gar nicht erst weiterdenken, mahnte Klocke, versehen mit dem klaren Appell beim Projekt „agile Iller“ an einem Strang zu ziehen. Dass das Teilrampenkonzept aber grundsätzlich den Vorstellungen aller entspricht, zeigte die anschließende Diskussion.

Positives Konzept

Altenstadts Bürgermeister Wolfgang Höss bezeichnete das Präsentierte als „pfiffige Idee“, da der Fluss einfach kleiner gemacht werde und das Geschiebe der „Schlüssel zum Erfolg“ sei. Auch Franz Zeller vom Landesbund für Vogelschutz im Kreis Neu-Ulm konnte dem Konzept nur Positives abgewinnen. „Mit der Idee wird etwas angestoßen, was uns Fischern gefällt“, resümiert Willi Ruf vom Landesfischereiverband Bayern, verbunden mit der Frage ob damit dann auch die Kraftwerkspläne in der Iller hinfällig seien. Hierzu wollte angesichts des laufenden Verfahrens keiner Stellung nehmen, wobei klar ist, dass die Teilrampen eine wirtschaftliche Energiegewinnung verhindern würden.

Ob diese kommen, entscheidet letztlich mitunter ein Gutachten, das die Wasserwirtschaftsämter Donauwörth und Tübingen gemeinsam in Auftrag gegeben haben. Erste Ergebnisse sind jedoch nicht vor 2019 zu erwarten.

Natur und Technik im Einklang

Gewässerentwicklungsprojekte Dass Energiewirtschaft und Naturerlebnis nicht immer ein Widerspruch sein müssen, zeigen die gemeinschaftlichen Gewässerentwicklungsprojekte von Behörden, Verbänden und Stromerzeugern an der Iller. So entstanden zum Beispiel mit dem Projekt „Flussraum Iller“ zwischen Altrusried und Legau naturnahe Uferbereiche, ein neues Auengewässer, eine Fischbeobachtungsstation und ein Tretbecken. An der Staustufe Legau wurde zudem eine 80 Meter lange Hängebrücke mit Aussichtsturm gebaut. Ähnliche Strukturen könnten in den kommenden Jahren auch an der Unteren Iller entstehen, um den Fluss noch erlebbarer zu machen.