Sie bekommen wenig Schlaf ab, geben dafür aber viel Geld aus. Sie nehmen Urlaub und sind am Ende trotzdem fix und fertig. Nichtsdestotrotz schwärmen alle in den höchsten von den tollen Tagen, auf die sie sich ehrenhalber einließen: Die Rede ist von den Prinzessinnen und Prinzen, die in Dietenheim während der Fasnet das Zepter schwingen. 62 Paare mit königlichem Geblüt hat Ranzenburg mittlerweile hervorgebracht.

Welch eine Ehre

Marlies Hendriks zum Beispiel war 1965 die zehnte Prinzessin. „Man hat bestimmt, dass ich es mache“, erinnert sich die heute 71-Jährige an die Entscheidung des Elferrats, dem damals wie heute entscheidenden Gremium in Sachen Ranzenburger Fasnet. Eine Inthronisation gab es nicht vor 50 Jahren. Und auch keinen Herzensprinzen der Wahl für Marlies, die damals noch Scherb hieß. Seine Durchlaucht, Prinz Karl I, wurde ihr einfach zugeteilt. Immerhin kannte die 19-Jährige Karl Wendnagel noch aus der gemeinsamen Volksschulzeit.

Die Freude über das Ehrenamt war gleichwohl riesig bei der jungen Frau, die im Jahr zuvor ihre erste „richtige“ Ranzenburger Fasnet gefeiert und sich durch rauschende Ballnächte getanzt hatte. „Damals war man erst mit 21 volljährig. Vor meinem 18. Geburtstag gaben mir die Eltern keinen nächtlichen Ausgang“, erzählt Hendriks.

Bälle in den Wirtschaften

Dabei waren Karl und Resl Scherb selbst ausgemachte Fasnets-Gewächse. Die Mama war 1937 die allererste Faschingsprinzessin; der Papa gehörte dem Elferrat an. „Ich habe das Virus in der Milch bekommen“, ist Hendriks überzeugt. Sie erzählt, wie gern sich die Eltern verkleideten, um in den vielen Wirtschaften Fasching regelrecht zu zelebrieren. Bälle gab es damals im Kreuz, im Hirsch, in der Sonne, im Rössle und nicht zu vergessen im „Café Schweiß.“ Höhepunkt war jedoch immer der Sonntags-Umzug.

Für Marlies Scherb reihte sich in besagten Fasching 1965 Höhepunkt an Höhepunkt. In Ulm, im erlesenen Bekleidungsgeschäft Grabensee, erstand die Bürokauffrau zwei exquisite Abendkleider. Das eine blau, schlicht und edel, das andere ein Traum in Rosa mit Spitzen-Oberteil und tiefem Ausschnitt. Das dritte, eine Phantasie-Robe, ließ sich die Prinzessin bei einer Schneiderin in Regglisweiler auf Maß anfertigen. „Es sollte halt alles passen“, berichtet sie von feinen Handschuhen, schwarzen Netzstrümpfen und einem wärmenden Pelzjäckchen.

Und erst die Frisur! Die kreierte der Ulmer Bahnhofsfriseur Gustl Häußler, seines Zeichens Ranzenburger Elferrat. Die Rechnung für die königliche Aussteuer beglich der Papa. Man ließ es sich etwas kosten, denn die Bälle waren ein gesellschaftliche Ereignis. Natürlich war Marlies Scherb aufgeregt, als sie beim Musikerball in selbst gereimten Versen die Gäste begrüßte.

Und wie schlug das Herz, als der gesamte Elferrat – damals noch reine Männerriege – der Prinzessin auf der Tanzfläche und in der Bar die Aufwartung machte. „Man ist richtig hofiert worden“, sagt Hendriks. Die junge Prinzessin ahnte damals nicht, dass  sie 1982 als erste Frau in den Elferrat aufgenommen würde. Dort kümmert sie sich bis heute um das Fasnets-Brauchtum.

„Heute ist alles ein bisschen lockerer geworden“, mutmaßt Carolin Rapp. Zusammen mit ihrem Traumprinzen Oliver, einem überzeugten „Griasmolle“ seit Kindesbeinen, bestieg sie 2015 den Thron. Caro I. und Oli I. waren damit das 60. Ranzenburger Prinzenpaar. Obschon die aus dem bayerischen Obenhausen Stammende als kleines Mädchen mit Prinzessinnen-Gehabe nie etwas anfangen konnte, erfüllte sich für die damals 29-Jährige ein Traum: „Ich wollte das unbedingt.“ In den acht gemeinsamen Jahren mit ihrem fasnetsbegeisterten Partner hatte sie „Blut geleckt“. Für die 25 offiziellen Termine hatte Prinzessin Caro  vier elegante Abendkleider zur Auswahl. „Braucht man! Keine Prinzessin will zweimal im gleichen Outfit erscheinen“, sagt sie. Die Männer haben es einfacher in ihren Anzügen unter dem blauen Umhang. Narrenkappe auf, Zepter in die Hand, fertig.

Am Rande des Protokolls

„Es war herrlich“, kommentiert Carolin Rapp „ihre“ Proklamation beim Rathaus, die Bälle in der Narrhalla, die Fahrt auf dem Prinzenwagen, aber auch die Partys und Feste am Rande des Protokolls. Mit acht Kilo Leberkäse bewirtete das Paar seinen Hofstaat, Mäschkerle und Maskenträger auch ganz privat.

Keine Frage: Das Leben am Hof ist anstrengend. Im Durchschnitt schlafen die Hoheiten vom Gompigen bis zum Faschingsdienstag vier Stunden pro Nacht. Prinzessinnen tun das sogar im Sitzen, um die prachtvoll mit Haarteilen aufgetürmte Frisur unter dem glitzernden Silber-Krönchen nicht zu ruinieren. Caro I. hielt immer gut mit. Bis auf eine Ausnahme. Das Anstoßen auf ihren 30. Geburtstag, Punkt 24 Uhr in der Nacht zum Rosenmontag, verschlief sie – inmitten ihres komplett versammelten  Hofstaats.

Die Wahl ist geheime Kommandosache


Strengster Geheimhaltung bis zum 11.11. unterliegt, wer  in Dietenheim Prinzenpaar wird. Die Entscheidung trifft der Präsident der 1969 gegründeten Ranzenburger Narrenzunft (RNZ) Uwe Bimek zusammen mit Ehegattin Susi. Nicht einmal der Elferrat, das wichtigste Organ in Sachen Fasnet, wird in den Prozess eingeweiht. Wurden die Prinzenpaare früher ohne viel Brimborium bestimmt und mitunter wild zusammengewürfelt, sind sie heute auch im richtigen Leben Paare. Seit einigen Jahren geht es bei der Suche entspannt zu, sagt Bimek. An Interessenten mangelt es nicht. Das war nicht immer so: In den 1980er Jahren wurde teils händeringend nach Kandidaten gesucht. Das lag vielleicht auch daran, dass das ehrenvolle Amt viel Geld kostet. Heute gibt es für Prinzenpaare einen Zuschuss von 600 Euro.

Von Jahr zu Jahr weitergereicht werden die blauen und roten Königs-Umhänge, das Prinzessinnen-Krönchen, die Narrenkappe des Prinzen und dessen Zepter mit einem Narrenkopf. bele