Denkmalschutz Welterbe contra Windkraft

Dieser Blick aus der Bocksteinhöhle auf die geplanten Windkraftanlagen nördlich von Öllingen bleibt eine Vision. Die ENBW wird keinen neuen Genehmigungsantrag stellen.
Dieser Blick aus der Bocksteinhöhle auf die geplanten Windkraftanlagen nördlich von Öllingen bleibt eine Vision. Die ENBW wird keinen neuen Genehmigungsantrag stellen. © Foto: Foto/Visualisierung: ENBW
Region / PETRA LAIBLE 03.10.2017
Das Aus für den Windpark Öllingen der ENBW ist besiegelt. Grund: Die Ernennung der Eiszeit-Höhlen zum Weltkulturerbe.In Öllingen ist man darüber mächtig sauer.

Das Aus für den weit gediehenen Windpark Öllingen (Alb-Donau-Kreis) der Energie Baden-Württemberg (ENBW) ist besiegelt. „Wir werden definitiv keinen neuen Antrag stellen“, sagt Jörg Busse, Sprecher des Energieversorgers. „Schade“. Gleiches gelte für den ebenso fortgeschrittenen, rund 4,5 Kilometer entfernt geplanten Windpark Teichhau mit zwölf Anlagen bei Gerstetten im Landkreis Heidenheim. Beide Projekte sind mit der Ernennung der Höhlen und Eiszeitkunst im Ach- und Lonetal zum Unesco-Weltkulturerbe im Juli nun vom Tisch.

„Ein bisschen Sprengstoff ist da schon noch drin“, meint der Öllinger Bürgermeister Georg Göggelmann über den erzwungenen Ausstieg.

„Da haben sie geschlafen“

Die ENBW hatte zwischen Öllingen und Setzingen drei Windkraftanlagen geplant – in einem durch den Regionalverband Donau-Iller ausgewiesenen Windkraft-Vorranggebiet. Der Regionalplan wurde 2015 rechtskräftig. Das Landesamt für Denkmalschutz habe damals trotz der seit 2012 stattfindenden Arbeiten am Welterbeantrag keine Einwände oder Bedenken vorgebracht, stellt die ENBW fest. „Da haben sie geschlafen, und wir müssen das jetzt ausbaden“, heiße es in Öllingen, erzählt Göggelmann. Untersucht worden seien beispielsweise die Sichtverhältnisse zu den Kirchen in der Umgebung, „vom Lonetal selbst ist nichts gekommen“.

Im Grunde baureif

Das Projekt Windpark Öllingen war im Grunde baureif, als im Februar 2017 überraschend das Landratsamt Alb-Donau den Genehmigungsantrag der ENBW ablehnte. Grund: Das Landesamt für Denkmalpflege hatte nun „denkmalschutzrechtliche“ Belange geltend gemacht wegen der Bewerbung zum Unesco-Weltkulturerbe. Vogelherd, Bockstein- und Hohlensteinhöhle seien Kulturdenkmale von besonderer Bedeutung und müssten geschützt werden – offenbar auch vor Windkraftanlagen.

Das hatte bei einer Besichtigung ein Vertreter von Icomos, dem Beratergremium des Welterbe-Komitees, betont. Von den Fundlandschaften im Ach- und Lonetal war er sehr angetan, machte aber auch klar: Sollten oberhalb des Lonetals bei Öllingen wie geplant drei Windräder errichtet werden, wäre dies ein „klares Ausschlusskriterium“, der Antrag würde abgelehnt werden. Daraufhin beschloss die ENBW, die Entscheidung des Unesco-Komitees abzuwarten. Der Energieversorger hatte angekündigt, keine weiteren Schritte zu unternehmen, falls die Bewerbung zum Welterbe Erfolg hat. Das Aus bedauern Projekt-Mitarbeiter, Bürger und Kommune. Die Kollegen hätten mit Herzblut an dem Projekt gearbeitet, sagt ENBW-Sprecher Busse.

Die Windkraftanlagen hätten sich bezahlt gemacht, sind sich auch die anderen Beteiligten sicher. Für Privatpersonen hätte sich eine langfristige Einnahmequelle ergeben, indem sie landwirtschaftliche Flächen für den Windpark verpachten. In den Haushalt der 530-Einwohner-Gemeinde Öllingen wären – mit dem Betreiber vor Ort – jährlich zwischen 30.000 und 50.000 Euro geflossen, erklärt Bürgermeister Göggelmann. Eine beträchtliche Summe bei einem Haushaltsvolumen von knapp einer Million Euro. Die Gewerbesteuereinnahmen wären um ein Drittel gestiegen: „Das wäre für die nächsten 30 Jahre mein bester Gewerbesteuerzahler geworden.“

Nun bleiben nicht nur die Einnahmen aus. Im Gegenteil. Einige der Landwirte müssten einen vierstelligen Betrag draufzahlen, sagt Göggelmann. Für die Ausarbeitung des Vertrags mit der ENBW war ein darauf spezialisierter Anwalt beauftragt worden, „die Verträge waren unterschriftsreif“. Das Anwalts-Honorar habe über 10.000 Euro betragen. Und müsse bezahlt werden, ob der Windpark zustande kommt oder nicht.  Die ENBW habe einen kleinen Teil übernommen, der Rest wurde unter den Verpächtern aufgeteilt, umgelegt auf die Fläche.

Nicht vermittelbar

Als die Öllinger Windkraft-Flächen rausgefallen sind, „war von den Politikern nicht viel zu hören“. Eine Entschädigung seitens des Landes habe es nicht gegeben. Das trage nicht zur Akzeptanz des Welterbes bei. Nach wie vor seien der Unmut und das Unverständnis groß, dass sich Welterbe und Windkraft ausschließen sollen. „Das ist nicht vermittelbar“, findet der Bürgermeister.

Fazit: „Das Weltkulturerbe kostet die Gemeinde Geld“, sagt Göggelmann. „Das wird nicht begeistert aufgenommen.“ Das zeigte sich auch in der jüngsten Diskussion im Gemeinderat, als es um die Beteiligung an einem interaktiven Informationssystem für die Welterbe-Höhlen ging. Rund 25.000 Euro soll Öllingen dazu beitragen, das war nicht der Knackpunkt. Vielmehr war die Befürchtung groß, dass mit hohen Folgekosten für den Unterhalt zu rechnen ist.