Blaubeuren Höhlenforscher: Vortrag auf der Sommerbühne am Blautopf

Winzig wirken die Zelte und der in der Mitte stehende Forscher in der „Apokalypse“. Die Vorbereitungen für diese Aufnahme mit Blitzbirnen und Lampen dauerten zwei Stunden.
Winzig wirken die Zelte und der in der Mitte stehende Forscher in der „Apokalypse“. Die Vorbereitungen für diese Aufnahme mit Blitzbirnen und Lampen dauerten zwei Stunden. © Foto: Andreas Kücha/Arge Blautopf
Blaubeuren / Joachim Striebel 13.08.2018

Ein Vortrag auf der Blaubeurer Sommerbühne ist für die Höhlenforschungsgruppe „Arbeitsgemeinschaft Blautopf“ ein Heimspiel. Nach zahlreichen Auftritten kennen die Forscher den Spielort mit seiner besonderen Atmosphäre. Und noch besser kennen sie den gleich nebenan liegenden Blautopf, von dem aus sie seit 1997 immer wieder zu Tauchexpeditionen in die Unterwelt starten.

Zu Beginn ihres elften Vortrags auf der Sommerbühne lenkten Andreas Kücha und Werner Gieswein am Freitagabend den Blick der 550 Zuschauer zurück ins Jahr 1924. Damals zeichnete der als Maschinenwärter am Pumphaus am Blautopf beschäftigte Gottlieb Haug eine Skizze des Blautopfs mit einer dahinter liegenden riesigen Höhlenhalle. Haugs Vision wurde Realität, als Jochen Hasenmayer 1985 den „Mörikedom“ entdeckte. Die „Arge Blautopf“ schlug später ein neues Kapitel der Blautopfforschung auf, indem sie die nach dem Mörikedom folgenden Höhlenseen verließ und riesige lufterfüllte Räume entdeckte.

Aus der Zeit, als es noch keinen künstlich gebohrten Schacht gab und die 1250 Meter lange Tauchstrecke vom Blautopf aus der einzige Weg in die Höhle war, stammt ein Fass, das am Freitag mitten auf der Bühne stand. Es hat seine eigene Geschichte: Andreas Kücha hatte im Jahr 2005 den mit Notfallausrüstung gefüllten Behälter in der Höhlenhalle „Mittelschiff“ acht Meter über dem Wasserspiegel deponiert. Ein Hochwasser trieb das Fass weg. Kürzlich haben die Forscher es wieder gefunden und mit nach draußen genommen.

Größer als Schiff des Ulmer Münster

Bevor es Gieswein und Kücha, der selber nicht mehr wusste, was er damals eingepackt hatte, öffneten, wurde es versteigert. Mitarbeiter der Sparkasse boten 200 Euro. Heraus kamen Suppendosen, ein Kocher, ein Schlafsack, lange Unterhosen – „mit Eingriff“, wie Werner Gieswein feststelle – und Schokoriegel, die seit zwölf Jahren abgelaufen sind. Davon kosten wollte keiner. Der Erlös der Versteigerung ist für die Freizeiten im Evangelischen Ferienheim „Himmelreich“ bestimmt, denn dies liegt ziemlich genau über der „Apokalypse“, der größten Halle im Blauhöhlensystem. Die Forscher zeigten, wie die „Apokalypse“, die größer ist als das Schiff des Ulmer Münsters, für Fotoaufnahmen ins rechte Licht gesetzt wird: Mit Langzeitbelichtung, Scheinwerfern und Blitzlichtern, wofür mehrere Helfer und zwei bis drei Stunden Zeit nötig sind. Die Zuschauer staunten über das Ergebnis.

Nicht überall sind die Räume so groß, und nach wie vor gibt es unerforschte Partien über und unter Wasser. „Das Besondere der Blauhöhle ist, dass sie sich laufend verändert“, sagte Werner Gieswein. Jüngst kam Arge-Mitglied Michael Kühn während eines sechsstündigen Tauchgangs im „Schwarzen Kamin“ 300 Meter weiter. Eine enorme Anstrengung, erläuterte Gieswein und fügte mit dem ihm eigenen Humor hinzu: „Auf dem Rückweg hat er sich arg auf einen Rostbraten gefreut.“ Gieswein erzählte von früher, als Biwakausrüstung und Zelt zum Gepäck der Taucher zählten. Nichts Überflüssiges war dabei. „Wir haben sogar die Zahnbürsten abgesägt.“

In ihrem Vortrag gingen die Forscher auch auf eine Übung mit der Höhlenrettung Baden-Württemberg ein. Ein Film zeigte den Transport einer „Verletzten“ durch schlammige Gänge und klare Höhlenseen. „Es ist gut zu wissen, dass es Leute gibt, die für eine Rettung alle Kräfte mobilisieren“, lobte Projektleiter Andreas Kücha die Höhlenretter, von denen am Freitag viele anwesend waren.

In der „Seißener Unterwelt“

Warum tun sich Leute das an, ihre Freizeit in einer menschenfeindlichen Welt zu verbringen? Manche Forschungen seien bedeutsam für die Wissenschaft. Andreas Kücha sagte aber auch: „Es ist die Neugier.“ Und Werner Gieswein ergänzte: „Es gibt noch weiße Flecken, wo noch keiner war.“ Die Neugier trieb Mitglieder der Arge in diesem Frühjahr in einen Gang, der von der nach Westen führenden Hauptrichtung der Blauhöhle nach Südwesten in Richtung der Ortschaft Seißen abzweigt. Ein Siphon, der nur mit Tauchausrüstung bewältigt werden kann, ist die Schlüsselstelle. 600 Meter Neuland kamen hinzu, es gibt drei offene Fortsetzungen. Für Expeditionen in die „Seißener Unterwelt“ rechnen die Forscher mit einem Zeitaufwand von 15 Stunden. Andreas Kücha: „Da ist man ganz weit weg von der Heimat.“

Die Zuschauer sahen auf der Großleinwand phantastische Bilder von Unterwasserpassagen, Tropfsteinen und Sinterkaskaden. Einen Genuss zum Schluss bildete ein Film von Oliver Schöll, mit dem er bei internationalen Festivals in Großbritannien und Slowenien Preise geholt hat. Dafür war Schöll sogar mit einer Kamera-Drohne durch die Höhle geflogen.

Zweitlängste Höhle Deutschlands

Verbindungen Die Länge des Blauhöhlensystems, zu dem auch die Vetterhöhle zählt, ist durch die jüngsten Vermessungen von 13,7 auf 14,5 Kilometer angewachsen. Nach der Riesending-Schachthöhle bei Berchtesgaden (20,2 Kilometer) ist das Blauhöhlensystem die zweitlängste Höhle Deutschlands. Sollte es gelingen, Verbindungen zur Hessenhauhöhle bei Berghülen und zum Steebschacht bei Wennenden zu finden, würde das Blauhöhlensystem an die erste Stelle rücken, meint Andreas Kücha, Projektleiter der Arge Blautopf.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel