Weihnachten Weihnachten auf der Alb

Isabella Hafner 23.12.2017
Erinnerung an Weihnachten. Zwei Laichingen erinnern sich an Geschenke, Bräuche ungeliebte Besuche und Festtage.

Gerade mal hundert Jahre ist her, dass es auf der Laichinger Alb Mode wurde, an Weihnachten einen geschmückten Christbaum in seine Stube zu stellen. Bis dahin war das nur in manchen Familien üblich, viele konnten sich eh keine Tanne leisten – da musste es ein dekorierter Tannenzweig über der Tür tun. In Suppingen gab es das umzäunte Maiengärtle. Da stand der Christbaum für alle.

Die Laichinger Heiner Schwenk (Jahrgang 1929) und Richard Behlmer (Jahrgang 1945) erinnern sich auch an andere Gepflogenheiten zur Weihnachtszeit. Heiner Schwenks Vater wurde von der Mutter zum Baumholen geschickt. Zur Gärtnerei Schmid. Die hatte sozusagen das Christbaum-Monopol dort. „Deshalb war da immer ein Riesentrubel.“ Und immer habe die Mutter gesagt, als der Vater mit dem Baum da stand: „Was? Für den hast du was bezahlt? Der sieht ja furchtbar aus!“ Und immer hatte der Vater ein paar Zweige dabei und bohrte an die lichten Stellen Löcher in den Stamm, um sie dort hinein zu stecken. Jedes Jahr das Gleiche. „Und jedes Jahr war unser Christbaum der Schönste weit und breit“, berichtet Schwenk.

Richard Behlmer erinnert sich daran, wie die Tante ihn und seine beiden Geschwister stets etwa eine Woche vor Weihnachten mit ins „Wäldle“ der Familie nahm, dann wurde ein Baum ausgewählt, den der große Bruder schlug. „Jede zweite Familie besaß so ein Waldstück. Heute ist das anders.“

 Am Heiligen Abend kam Heiner Schwenks Taufpatin mit dem Schlitten. Nicht mit dem Mercedes. Damals sei Schnee an Weihnachten normal gewesen. Die Taufpatin war für ihn und seine vier Geschwister zuständig. Weil die Patin kinderlos war, durften sich die Schwenk-Kinder immer sicher sein, reich beschenkt zu werden. „Das war damals auch die einzige Möglichkeit – außer am Geburtstag – ,etwas zu bekommen.“

Zum Leidwesen von Mutter Schwenk schenkte die Patin nicht nur Unterwäsche und Kleidungsstücke, sondern auch elektrisches Spielzeug. Der Onkel, der Mann der Patin, hatte dann stets ein paar Tage zuvor mit den Schwenk-Kindern einen Ausflug zu Spielwaren Schmid in Laichingen gemacht „und sich mit uns die große Auslage angeschaut, die wir kommentierten mit: Desda, desda, desda… Was wir bekamen, war dann eine Überraschung“. Schwenk weiß noch, dass der größte Wunsch seiner Kindheit eine Eisenbahn war. „Unsere war nicht besonders groß und fuhr nur im Kreis.“ Jedes Jahr aber konnten sie sich Gleise, Weichen oder eine Lok dazu wünschen.

Beim Nachkriegskind Richard Behlmer kam das Christkindle in der Hirschstraße, bei der Oma. „Den Baum hatten wir vorher geschmückt. Am Spätnachmittag schickte uns die Mutter hinunter ins Büro und holte uns dann in die Stube. Das Fenster stand noch offen und sie sagte: Gerade ist das Christkind weggeflogen. Wir glaubten das immer.“ Dass es weg war, war egal, denn es hatte ja immer was da gelassen: Socken, eine Mütze oder sogar einen Spieltopf, den man aufziehen konnte, sodass er sich mit Musik drehte. „Etwas ganz Besonderes für uns.“

Behlmer erinnert sich auch noch, dass man mit den Spielsachen spielen durfte bis zum Erscheinungsfest. Dann nahm das Christkind sie mit, um sie im nächsten Jahr wieder zu bringen. Gleichzeitig war klar, dass sie sich in der geheimnisvollen Kiste mit dem Christbaumschmuck auf dem Dachboden befanden. Deren Schlüssel versteckt war. „So hatten die Spielsachen für uns einen ganz hohen Stellenwert.“

Kerzen waren noch echt

Die Kerzen am Baum waren damals noch echt. Die elektrischen kamen erst in den 60ern auf. Richard Behlmer denkt gerne an den bewegenden Moment, wenn er den erleuchteten Baum zum ersten Mal sah, der den Raum in ein warmes Licht tauchte und die Nadeln zum Duften brachte.

 Viele Älbler legten in der Weihnachtsnacht zwölf mit Salz bestreute Zwiebelhälften draußen aufs Fensterbrett. Sie sollten das Wetter der kommenden zwölf Monate vorhersagen. Heiner Schwenk: „Das war wirklich sehr zutreffend!“ Wenn bestimmte Zwiebelschalen mit Flüssigkeit gefüllt waren, war der Sommer dann auch nass. „Ich kann mir das bis heute nicht erklären. Wir haben wirklich immer in jede Zwiebelschale exakt gleich viel Salz getan!“

 Heiner Schwenk weiß noch genau, was an den beiden folgenden Weihnachtsfeiertagen auf dem Programm stand: „Uns fünf Geschwistern hat das gar nicht gefallen. Wir mussten immer zur ganzen Verwandtschaft. Überall alte Leute, die um einen Tisch hockten. Was will man da als Kind anfangen?“ Jeder Besuch dauerte eine Stunde, dann ging’s zum nächsten. „Ich war immer so froh, wenn der Tag vorüber war und ich wieder machen konnte, was ich wollte.“

 Am 27. Dezember wurde auf der Laichinger Alb Winterjohanni gefeiert. An die Tradition, dass an diesem Tag die Herbstweber, die auf der Ulmer Alb als Erntehelfer tätig waren, von ihren Dienstherrn im Schlitten nach Laichingen zurück gebracht wurden und der ganze Marktplatz voller Schlittengespanne stand, daran erinnern sich Heiner Schwenk und Richard Behlmer nicht mehr. Das war vor ihrer Zeit. Dienstherr und Weber kehrten im Gasthaus Rad oder Engel ein, versicherten sich ihre gegenseitige Hochachtung und vereinbarten das Dienstverhältnis fürs nächste Jahr.

Heiner Schwenk weiß aber noch, dass die Geschäfte an diesem Spezial-Tag geschlossen blieben, man aber in der Molkerei Milch holte. „Auf Vorrat kaufen ging ja nicht, es gab noch keine Kühlschränke.“ Die Eltern gingen um 14 Uhr in die „Stund“, eine christliche Versammlung.

Dann gab es noch einen besonderen Feiertag auf der Laichinger Alb, den 28. Dezember: den  „Tag der unschuldigen Kindlein“, bekannt als Pfeffertag. Dann gingen die Kinder – nicht nur die Bedürftigen – zum Pfeffern. Sie zogen mit einem Korb von Haus zu Haus und baten um Springerle, Hutzelbrot, Äpfel und Geld mit den Worten: „Guetmacherle, was lasst m’r ei? (Was legst du mir ein?).“ Anfang des 20. Jahrhunderts ging der damalige Schultes und Pfarrer Apple energisch gegen diese „Bettelunsitte“ vor. Bereits Ende das Jahrhunderts war ein Pfefferverbot ausgesprochen worden, doch das ignorierten die Kinder. Epple organisierte eine Gemeindekollekte für die wirklich Bedürftigen, aber konnte das Pfeffern nicht abstellen. Bis in den Ersten Weltkrieg hinein war’s noch üblich. Auch die Laichinger Schuhmacher und Schusterbuben gingen von Haus zu Haus. Sie aber sammelten alte Schuhe, um daraus sogenannte Riester heraus zu schneiden, womit sie Schuhe flicken konnten.

 Gespenstische Ruhe

Die zwölf Nächte zwischen Weihnachten und Dreikönig, die stellvertretend für die nächsten zwölf Monate standen, waren gruselig. In diesen Rauhnächten war nach altgermanischem und Älbler-Glauben „Muetes Heer“ unterwegs. Nachts am Friedhof vorbeigehen? Tabu. Genauso wie tagsüber Wäsche aufzuhängen. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts herrschte in den Backhäusern gespenstische Ruhe, die Höfe waren sauber aufgeräumt, die Spinnräder mit Tüchern bedeckt.

 Heute dagegen herrscht in dieser Zeit hektischer Trubel in Geschäften und Supermärkten. Die Kühlschränke müssen wieder aufgefüllt werden.