Ehingen/München Warum ein Verurteilter noch nicht in Haft ist

Ehingen/München / ANDREAS HACKER 29.10.2014
Der Unmut ist groß: In einer Gemeinde bei Ehingen sorgen sich Menschen, weil ein wegen Vergewaltigung Verurteilter in der Nachbarschaft wohnt.

"Können Sie sich vorstellen, wie es Familien mit Mädchen geht, die einen verurteilten Vergewaltiger in der Nachbarschaft wohnen haben?" Diese Frage einer Frau aus einer Kreisgemeinde steht stellvertretend für Sorgen und Unmut, die die Leute umtreiben, seit sie sehen, dass ein vom Landgericht München I zu einer Haftstrafe verurteilter Heranwachsender aus dem Raum Ehingen weiter bei seinen Eltern wohnt.

"Ich habe volles Verständnis für Unmut und Angst", sagt Richterin Andrea Titz als Sprecherin des Gerichts, dessen Jugendkammer den jungen Mann wegen Vergewaltigung und vorsätzlicher Körperverletzung zu einer Jugendstrafe von drei Jahren und neun Monaten verurteilt hat. Da der Angeklagte Revision eingelegt hat, sei das Urteil noch nicht rechtskräftig, "daher kann auch die Vollstreckung noch nicht beginnen". Derzeit läuft noch die Urteilsbegründungsfrist, dann die einmonatige Revisionsbegründungsfrist. "Wann also das Revisionsgericht, der Bundesgerichtshof, entscheiden wird, ist derzeit noch nicht abzusehen." Sollte das Urteil rechtskräftig werden, werde der Angeklagte zum Haftantritt geladen.

Der junge Mann hatte im Juli 2013 mit Freunden in einer Disco in München mit viel Alkohol gefeiert und sich an einer 33-Jährigen vergangen. Nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts kam er wegen überlanger U-Haft vor Prozessbeginn frei und flog dann mit seinen Eltern in Urlaub. Dem Prozess stellte er sich aber.

Nach der Verurteilung gebe es für das Gericht keinen Grund für eine erneute Haft, erklärt Richterin Titz auf Anfrage. Dafür seien die Anforderungen sehr hoch, verlangt würden konkrete Anhaltspunkte auf Flucht-, Wiederholungs- oder Verdunklungsgefahr. Der Mann aber habe bei seiner Festnahme die Tat eingeräumt, sei zu Prozessbeginn erschienen und zeige keine Anhaltspunkte auf Wiederholungsgefahr. "Eine vage Vermutung, er könnte es wieder tun, reicht da nicht, es müssen konkrete Hinweise sein." Die aber gebe es nicht.

Es sei keine leichte Situation vor Ort, sagt Richterin Titz. Dennoch, so etwas gehöre zum Rechtsstaat: Gerade bei Jugendlichen und Heranwachsenden sei die Möglichkeit zur Resozialisierung im Rahmen der Vollstreckung besonders wichtig.

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