Serie Wannenmacher-Brunnen weckt Erinnerung an Armut und Entbehrung

Alb-Donau-Kreis / Von Michael Seefelder 13.08.2018

Ärmlich gekleidet, mit gütigem, aber auch demütigem Blick, sitzt der bronzene Wannenmacher am künstlich angelegten Teich vor dem Illerrieder Seniorenheim Akzisenhof. Zwischen den Beinen hält er das Produkt seiner Hände Arbeit. Daneben sieht ein Junge, der sein Sohn sein könnte, stolz und freudig zu dem Mann auf. Mit der rechten Hand zieht das Kind einen zerlumpt anmutenden Teddybären mit. Die Szenerie lässt eine bäuerliche Kindheit voller Entbehrungen, aber auch mit heiteren Augenblicken erahnen. Ob der Junge den Eimer umgestoßen hat, aus dem die Ruten aus Metall ins Wasser ragen? Es bleibt der Fantasie des Betrachters überlassen.

Finanziert durch Fördergelder

Die Figurengruppe „Der Wannenmacher“, die der Bildhauer Martin Kirstein aus Winnenden schuf, zeigt dieses Spezialgebiet der Korbflechterei, das in Illerrieden lange Zeit eine besondere Tradition war. In den Worten von Altbürgermeister Franz Geisinger ist das Brunnen-Ensemble eine „Hommage an eine kümmerlich bezahlte handwerklich Tätigkeit“. Geisinger kann sich noch an die letzten echten Wannenmacher in den 1950er Jahren in Illerrieden erinnern, weshalb er der Skulptur ohne Zögern das Prädikat „originalgetreu“ verleiht. Besonders die Mütze sei wie jene, die ein Wannenmacher im Ort damals getragen habe. Während Geisingers Zeit als Rathauschef, 1999 war der Brunnen mit den Figuren aufgebaut und offiziell enthüllt worden. Finanziert wurde er durch Fördergelder sowie Spenden von Vereinen, Firmen und Bürgern. Die Gemeinde habe dafür auf Kunstwerke am 1994 gebauten Akzisenhof verzichtet, sagt Geisinger. „Eine greifbare und begreifbare Kunst“ nennt der Altbürgermeister das Werk Kirsteins, in das „unwahrscheinlich viel Symbolik“ eingeflossen sei. Als Rohform für den gegossenen flachen Korb habe außerdem eine echte in Illerrieden hergestellte Wanne gedient.

Gefragt und vielseitig verwendbar

 Das Wasser, das aus dem Eimer über die Ruten hinweg in den Teich plätschert, fließt von Fischweihern im Westen Illerriedens ab. Früher nährte es einen kleinen Bach, der ein Wasserrad an einer Schmiede neben dem heutigen Seniorenheim antrieb. Das Wasserrad wurde Mitte der 1960er Jahre stillgelegt, genauso wie das Handwerk der Wannenmacher in der Bedeutungslosigkeit verschwand. Früher wurden die Wannen (flache Körbe) aus heimischen Weiden auf den Märkten in Ulm, Laupheim und Illertissen angeboten. Sie waren gefragt und vielseitig verwendbar. Produziert wurden sie von Landwirten mit kleinen Höfen als Nebenerwerb, aber mitunter auch in hauptberuflicher Tätigkeit, wie Geisinger berichtet. Noch in den 1930er Jahren habe es sechs Wannenmacher im Ort gegeben. „Es war ein heimischer Rohstoff, der nichts gekostet hat“, sagt der Altbürgermeister. Nur die Arbeitskraft sei zur Herstellung der Wannen nötig gewesen, wie auch für die Produktion von Holzrechen, die ebenfalls in Illerrieden gefertigt wurden.

Zeiten bitterer Armut

Heute ist der Brunnen besonders für Kinder ein Magnet, die den bronzenen Jungen tätscheln oder ihre Füße im Wasser kühlen. Der historische Hintergrund der Skulptur sei jedoch nicht vergessen und den Bürgern durchaus bekannt, sagt Geisinger. „Die Illerrieder wissen schon, was es bedeutet.“  Das Kunstwerk setzt auch der von Nostalgikern oft beschworenen „guten alten Zeit“ etwas entgegen. Vielmehr erinnert es an den spärlichen Broterwerb der Bevölkerung in Zeiten bitterer Armut, wie es bereits bei der Einweihung der Figuren-Gruppe vor knapp 20 Jahren hieß.

Stumme Zeitzeugen

Brunnen Sie schmücken zentrale Plätze, laden mit Sitzgelegenheiten zum Verweilen ein und symbolisieren mit ihrem sprudelnden Wasser das Leben schlechthin. Dazu stehen sie meist für Geschichte und Geschichten im Ort. Wenn sie könnten, hätten die stummen Zeitzeugen aus Bronze und Stein sicher Erstaunliches zu erzählen.

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