Natur Wald oder Wohnen: Die Emotionen kochen hoch

Am Hang südlich der B 28 in Klingenstein stehen alte Bäume. Doch mehrere Bauträger buhlen um die Grundstücke, auf denen hohe Flachdachhäuser entstehen könnten.
Am Hang südlich der B 28 in Klingenstein stehen alte Bäume. Doch mehrere Bauträger buhlen um die Grundstücke, auf denen hohe Flachdachhäuser entstehen könnten. © Foto: Matthias Kessler
Blaustein / Samira Eisele 05.07.2018

Der Wald war unser Revier.“ Uwe Kohlhammer erinnert sich noch daran, wie er als Kind in dem von Bäumen bewachsenen Hang südlich der B.28 in Blaustein gespielt hat. Damals gab es dort noch keine Häuser, erst Anfang der 70er Jahre wurde zwischen Leube- und Buchbronnenweg gebaut. Von dem Waldstück, an den sich der heute 73-jährige Kohlhammer erinnert, ist deshalb nur noch ein Streifen zwischen Leubeweg und Ulmer Straße (B 28) übrig. Doch ob dieser Baumbestand wirklich noch ein Wald ist, ob er erhalten bleiben oder dem Wohnungsbau weichen soll – diese Fragen lassen in Blaustein derzeit die Emotionen hochkochen.

Auch die von Uwe Kohlhammer, der in den 80er Jahren Fraktionsvorsitzender der SPD im Blausteiner Gemeinderat war und sich nach seinem Ausscheiden eigentlich nicht mehr in Gemeindeangelegenheiten einmischen wollte. Seit er jedoch gesehen hat, dass im Februar nördlich des Leubewegs Bäume gefällt wurden, obwohl der Bebauungsplan aus dem Jahr 1971 deren Erhalt fordert, versucht er, „zu retten, was zu retten ist“.

Gemeinsamer Antrag

Dieses Anliegen findet Unterstützer. In der Sitzung am Dienstag beantragten Stadträte fraktionsübergreifend, die Beratung über einen neuen Bebauungsplan für das Gebiet zu vertagen „bis zur endgültigen Klärung der Rechtmäßigkeit des Verfahrens“.

Eine Baufirma aus Ulm möchte nördlich des Leubewegs, neben dem ehemaligen evangelischen Gemeindehaus, drei Doppelhäuser bauen. Einem entsprechenden Entwurf habe der Ehrenstein-Klingenstein-Ausschuss im vergangenen Jahr zugestimmt, sagt Franz Schmutz, Fachbereichsleiter der Bauverwaltung auf Anfrage. Das Problem: Der Firma gehört das bereits abgeholzte und terrassierte Grundstück bisher nicht, sondern nur ein angrenzendes Grundstück, auf dem ursprünglich ein Einfamilienhaus geplant war.

Zwar hatte der Gemeinderat laut Schmutz den erweiterten Bauplänen zugestimmt und auch einen Aufstellungsbeschluss für die Änderung des Bebauungsplans gibt es. Doch zu dem Zeitpunkt, als die Bäume fielen, war weder der Kaufvertrag geschlossen noch der Bebauungsplan geändert – er weist das Gebiet als „öffentliche Grünfläche“ aus. „Das war etwas unglücklich“, sagt Franz Schmutz, dessen Amt gemeinsam mit dem Liegenschaftsamt das Okay für die Baumfällarbeiten gegeben hatte: Man habe dem Bauträger damit die Fällung innerhalb der Vegetationsperiode ermöglichen wollen.

Nicht nur über die bereits gefällten Bäume wird in Blaustein diskutiert: Im weiteren Verlauf des Leubewegs könnten noch mehr Häuser entstehen – und es gibt mehrere Anfragen von Bauträgern, die zwischen dem Leubeweg und der Ulmer Straße/ B 28 Flachdachhäuser mit vier Geschossen bauen wollen. Drei weitere Baufenster also, die die Verwaltung auf Anregungen aus dem Gemeinderat beziehungsweise dem Ehrenstein-Klingenstein-Ausschuss geprüft hat. Alle drei sind von Bäumen bewachsen.

„Waldkulisse“ steht im Plan

Nicht nur von Bäumen, sondern von Wald, wie der fraktionsübergreifende Antrag aus dem Bebauungsplan von 1971 zitiert: „Das gesamte Grundstücksareal ist Laubwald“, steht dort unter anderem – und: „Die Waldkulisse zwischen Leubeweg und Bundesstraße (Ulmer Straße) wird von der Bebauung freigehalten und dient als Lärmabschirmung, sowie als Grünfläche“. Die Information, dass es einen gültigen Bebauungsplan gibt, sei in „keiner der uns zugestellten Vorlagen erwähnt“ worden, verlas Elisabeth-Couvigny-Erb (Bürgerbündnis Blaustein) aus dem Antrag, den alle Fraktionen außer der CDU unterzeichnet haben. Weil seine Fraktion der Verwaltung die Möglichkeit geben wolle, Stellung zu beziehen, wie CDU-Chef Lothar Ruhnke sagte. Diese – Bürgermeister Thomas Kayser, Grünflächen- und Umweltbeauftragte Elke Bossert, Stadtbaumeisterin Sandra Pianezzola und Franz Schmutz – argumentierten, dass das Gebiet laut Fachbehörde und Landeswaldgesetz kein Wald sei und eventuelle Einwände im Verfahren geklärt werden könnten. Doch so weit kam es nicht: Das Gremium stimmte mit 14 Ja- und 5 Nein-Stimmen dafür, den entsprechenden Tagesordnungspunkt zu verschieben.

Uwe Kohlhammer, der wie rund 20 weitere Bürger im Zuschauerbereich die Diskussion verfolgte, verbucht dies als ersten Teilerfolg. Er habe außerdem beim Regierungspräsidium Tübingen eine Anfrage gestellt, um herauszufinden, ob es sich um Wald handle und ob das rechtens ist, dass durch die „Baugrube“ am Leubeweg bereits Tatsachen geschaffen wurden. Die Antwort des RP stehe noch aus.

Und wohl auch eine der Verwaltung: Die habe auf den kurzfristig gestellten Antrag am Dienstag nicht entsprechend reagieren können, sagt Franz Schmutz – es werde noch eine Gegendarstellung geben.

Kayser: Bezahlbaren Wohnraum schaffen

Planung Vier oder fünf Geschosse und ein Sockel mit Parkplätzen: So könnte laut Bebauungsplanentwurf entlang der Ulmer Straße gebaut werden. Eine Nachverdichtung, durch die bezahlbarer Wohnraum entstehe, sagte Bürgermeister Thomas Kayser in der Sitzung des Ehrenstein-Klingenstein-Ausschusses im Juni. Im Konflikt zwischen Ökologie und Sozialem überwögen für ihn daher die Argumente pro Bebauung.

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