Kreis Neu-Ulm/Ichenhausen Vor 75 Jahren in der Synagoge gewütet

Kreis Neu-Ulm/Ichenhausen / MICHAEL JANJANIN 07.11.2013
Gegen das Vergessen: In der ehemaligen Synagoge in Ichenhausen findet eine Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht vor 75 Jahren statt.

Drei Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland gab es an die 200 Synagogen in Bayern, in denen die Menschen ihren Glauben lebten. Eine davon war das Gebetshaus in Ichenhausen - einer der größten jüdischen Landgemeinden in Bayern. Vor 75 Jahren - in der Nacht vom 9. auf den 10. November - wurden Hitlerjugend und SS auf die jüdische Bevölkerung losgelassen. In der Reichspogromnacht verwüsteten sie Wohnungen, Geschäfte und Gebetshäuser ihrer Nachbarn, misshandelten sie. Auch in Ichenhausen wurde die Synagoge innen verwüstet - als Heulager und bis Kriegsende als Farbenremise der Wehrmacht verwendet.

Am Sonntag um 19 Uhr findet in der früheren Synagoge eine Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht statt. "Gegen das Vergessen" wirkt eine Arbeitsgemeinschaft, die die Erinnerung an die jüdische Kultur und Bevölkerung und deren systematische Vernichtung wachhält. Der Arbeitsgemeinschaft gehören an das evangelische Dekanat Neu-Ulm, die katholische Arbeitnehmerbewegung Iller-Donau, die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und der Deutsche Gewerkschaftsbund.

Die Geschichte der Juden in Ichenhausen reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Um 1933 lebten etwa 320 jüdische Personen in Ichenhausen - nachzulesen bei der Alemannia Judaica, der Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen Raum. Nach der Pogromnacht 1938 wurden 100 jüdische Männer nach Dachau verschleppt. Bis 1941 konnten 168 Juden emigrieren. 64 von ihnen zogen in deutsche Städte, von wo aus sie vielfach deportiert wurden. Direkt aus Ichenhausen wurden 129 Personen deportiert, fast alle ermordet. Die letzten im März 1943 - nach Auschwitz.

1953 kaufte die Stadt das Gebäude und nutzte die ehemalige Synagoge als Feuerwehrhaus. Erst danach wurde es restauriert und dient als Haus der Begegnung und des Gedenkens mit der Dauerausstellung "Juden auf dem Lande - Beispiel Ichenhausen". Am Sonntag tritt das experimentelle Theater Günzburg unter der Leitung von Siegried Steiger auf. Unter dem Titel "Wo man Bücher verbrennt": eine szenische Darstellung mit Daten der deutschen Geschichte.