Vortrag Von Nasenpiercings, Lotusfüßen und Tätowierungen

Niederstotzingen / Von Benjamin Merkle 02.08.2018

Die Körperbemalung von Stammesangehörigen und das Make-Up Marylin Monroes, Ganzkörpertätowierungen und Nasenpiercings, die Muskelberge von Bodybuildern und die gewaltigen Fettreserven japanischer Sumoringer, Giraffenhälse und Tellerlippen. In ihrem Vortrag „Schönheit muss leiden – Archäologie des Körpers“ ist Ewa Dutkiewicz kürzlich der Frage nach den Gründen für Körpermodifikationen und ihren Ausprägungen nachgegangen. Die Expertin für Urgeschichte zeigte auf, wie diese mithilfe der Archäologie untersucht werden. Organisiert wurde der Vortrag im Archäopark Vogelherd vom Förderverein Eiszeitkunst im Lonetal.

Schon das Schneiden der Haare oder Nägel sei eine Art der Körpermodifikation und wohl die am meisten verbreitete, sagte Dutkiewicz. Überall auf der Welt stellten und stellen Menschen etwas mit ihren Haaren an, seien es nun Zöpfe, eine Komplettrasur oder der berühmte Irokesenschnitt. Auch Kleidung und Schmuck sind indirekte Körpermodifikationen, die bis heute prägend für Menschen sind. Die Referentin gab dafür Beispiele aus der Menschheitsgeschichte: „Man denke an die Barockzeit, die Leute haben sich nicht gewaschen, aber dafür gekleidet, dass es kracht.“ Andere Völker wie die Stämme im Regenwald trügen auch heute noch kaum Kleidung, merkte die Expertin für Urgeschichte an.

Die Erforschung der Kleidungsgewohnheiten von Ur-Menschen gestaltet sich schwierig, da sich die Kleidungsstücke über die Jahrtausende aufgelöst haben. Forscher müssen daher mit Abdrücken in Lehm, Darstellungen auf Skulpturen und ähnlichem vorliebnehmen. Wobei sich bei Skulpturen wie dem Löwenmenschen die Frage stelle, ob es sich dabei um Bekleidung oder um eine Art Mischwesen handelt, sagte Dutkiewicz. Zumindest die Frage, wie lange der Mensch schon Kleidung trägt, könne man mit großer Sicherheit beantworten. Und zwar mithilfe von Läusen. „Die Kleiderlaus ist auf Kleidung angewiesen und existiert erst seit etwa 70 000 Jahren. So lange tragen Menschen also mindestens schon Kleidung.“

Auch extreme Modifikationen wie Lotusfüße, also das Abbinden von Mädchenfüßen in China, sind keinesfalls nur in fernen Ländern zu finden. „Noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Schädel von Säuglingen im Großraum Toulouse mithilfe von Kopfbändern und Hauben in eine längliche Form gezwungen“, berichtete die Referentin.

Ob aus ästhetischen, rituellen oder hygienischen Gründen, Körpermodifikationen gibt es schon seit Jahrtausenden. Nicht der erste Hinweis darauf, dass der moderne Mensch seinen Vorfahren gar nicht so unähnlich ist, findet Dutkiewicz.

Sie ist sich sicher, auch in Zukunft werden Körpermodifikationen eine große Rolle spielen. Das zeige sich schon bei Jugendlichen: „Ich könnte mir vorstellen, dass junge Menschen mit Tattoos und Piercings unbewusst versuchen, ihre Selbstbestimmung zu zeigen und sich von anderen abzugrenzen. Nach dem Motto: Ich habe die Macht über meinen Körper.“

Der Mann aus dem Eis – Vorreiter in Sachen Schmerztherapie

Ötzi Tattoos und Skarifizierungen, also das bewusste Zufügen von Narben, existieren schon lange. Zurzeit gelten die Linien auf Ötzis Körper als die ältesten Tätowierungen der Welt. Der Mann aus dem Eis hat über 60 solcher Symbole auf der Haut. Da sie sich an auffälligen Stellen wie den Handgelenken, der Achillesferse, an Knie oder Brustkorb befinden, halten Forscher es für denkbar, dass es sich bei den Tätowierungen um eine frühe Art der Schmerztherapie handelt – ähnlich der Akupunktur.

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