Geschichte Von Lebensgeschichten lernen

Christiane Schmelzkopf (rechts) hat Biografien ausgestellt und mit Besuchern darüber gesprochen.
Christiane Schmelzkopf (rechts) hat Biografien ausgestellt und mit Besuchern darüber gesprochen. © Foto: Sabine Graser-Kühnle
Laichingen / Sabine Graser-Kühnle 04.09.2018

Lokalhistoriker konnten bislang keine Zeugnisse darüber finden, dass Juden in Laichingen gelebt haben. Auch Dr. Christiane Schmelzkopf, die zur Ausstellung mit Biografien von Jüdinnen und Juden eingeladen hatte, weiß von keinen jüdischen Familien hier. Dennoch ist es der pensionierten Pädagogin ein Anliegen, den Laichingern die Situation der Juden einst und heute näherzubringen. Zwölf Besucher sind zur Ausstellungseröffnung am Samstagnachmittag ins Alte Rathaus gekommen. Schmelzkopf kredenzte Tee und Hamantasch, ein jüdisches Süßgebäck zum Purimfest.

In solch gemütlicher Runde lenkte die Gastgeberin den Blick auf die Geschichte der Juden im Deutschland der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart. Die Zuhörer erfuhren unter anderem, weshalb Juden gleich nach dem Krieg in Deutschland wieder jüdische Gemeinden gründeten: Da waren Juden, die genügend Geld zur Flucht hatten und rechtzeitig weggekommen waren, jene, die KZ, Zwangsarbeit oder Todesmärsche überlebt hatten, und andere, die aus ihren Exilen und Israel wieder zurückgekehrt waren. „Die meinten, Deutschland habe zwar nicht verdient, dass sie das Land wieder mit aufbauten, doch sie wollten auf keinen Fall, dass Hitler nach dem verlorenen Krieg dennoch sein Ziel, ein judenfreies Deutschland, erreicht haben könnte.“ Bei vielen anderen waren es ihre einst in Deutschland aufgebauten Beziehungen. Eine Jugendarbeit wurde aufgebaut, denn die neue Generation sollte auf die Auswanderung nach Israel vorbereitet werden.“

Doch bald standen die jüdischen Gemeinden vor vielfältigen Herausforderungen, führte Schmelzkopf aus. Vor allem, als die Sowjetunion aufgelöst war, strömten sie zahlreich nach Deutschland: Russisch sprechende Juden. Die jüdischen Kinder, viele stammten aus Mischehen, waren nicht mehr nach der jüdischen Tradition erzogen, obendrein lehnten viele  die strengen orthodoxen Regeln ab. Eine neue Reformbewegung war begründet. „Heute leben rund 110 000 Juden in Deutschland, alleine in Berlin sind es 25 000“, berichtete Schmelzkopf.

Was früher undenkbar war, nämlich dass Frauen gemeinsam mit Männern in der Synagoge beten und sogar Rabbinerinnen ausgebildet werden, sei heute in Großstädten normal. Christiane Schmelzkopf zeigte Probleme der Juden heute auf, die ihrer Meinung insbesondere im muslimischen Antisemitismus liegen. Ebenso kritisiert sie die deutschen Medien: „Die berichten überwiegend negativ über Israel.“

Für die Ausstellung hat Christiane Schmelzkopf Biografien jüdischer Menschen zusammengestellt. „Diese Menschen erzählen aus ihrem Leben, das sind konkrete Geschichten, die zeigen mehr als jeder Vortrag auf.“ Diese Lebensgeschichten hat sie der „Jüdischen Allgemeine“, einer Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben, entnommen und zusammen mit einer Kurzfassung der Biografien auf Plakate geklebt. Die waren auf Stühlen aneinandergereiht, damit Interessierte sich sitzend die Geschichten in Ruhe durchlesen können, erläuterte sie.

Aufklärung und Aufarbeitung

Diese Lebensbeschreibungen von Juden verschiedener Generationen wiesen durchweg Gemeinsamkeiten auf: Aufklärung und Aufarbeitung war das Anliegen der einen, die entweder Filme machten oder Bücher schrieben. Hilfe und Unterstützung, etwa für jüdische Studenten oder Gemeinden, hatten sich die anderen vorgenommen.

Die wenigen Besucher der Ausstellung zeigten sich gut informiert über die jüdische Geschichte und lasen sich interessiert in einzelne Biografien ein – teils tatsächlich auf den Stühlen sitzend. So wie Ursula Würth, die mit mehreren jüdischen Familien befreundet ist. „Ich habe selbst in mehreren Aufenthalten in den USA und England Ablehnung meiner Person als Deutsche erfahren.“ Sie könne nachempfinden, was Antisemitismus mit den Menschen anstellt.

Reisen nach Israel

Aktionstag Der europäische Aktionstag für jüdische Kultur wird seit 1999 jährlich im September begangen. Dieses Jahr war er am vergangenen Sonntag. Damit Interessierte die Veranstaltungen dieses Aktionstags in der Region besuchen können, hat Christiane Schmelzkopf bereits den Samstag für ihre Ausstellung in Laichingen gewählt. Am Sonntagvormittag sprach sie über die Tradition des Geschichtenerzählens in der Weltliteratur und speziell in der jüdischen Kultur.

Beziehungen Christiane Schmelzkopf hat Theologie studiert und promovierte in Judaistik. 13 Jahre lang unterrichtete sie am Laichinger Gymnasium. Ihr Interesse am Judentum sei während ihres Theologiestudiums und ihren Reisen nach Israel entstanden. Sie steht in Kontakt zu Juden in Israel. Die Biografien zur Ausstellung sammelte sie aus der Wochenzeitung „Jüdische Allgemeine“ in den Jahren 2017 und 2018. Aus dem selben Zeitraum stammte ihre kleinere Dokumentation zum islamistischen Antisemitismus und der Berichterstattung deutscher Medien über Israel.

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