Erbach Nur noch mit einer provisorischen Leiter hat die Erbacher Feuerwehr vom Kindergarten aus zwei Jugendliche vom Balkon eines vollgelaufenen Hauses am Erlenbach retten können. „Das war nicht unkritisch“, sagte Kommandant Thomas Böllinger am Montag. Die beiden waren am Sonntagabend von den Fluten in dem Haus eingeschlossen worden. Strömungsretter aus Ulm mussten eingesetzt werden, um einen weiteren Menschen zu retten, einen medizinischen Notfall, berichtete Böllinger. Sie konnten die hilfsbedürftige Person über den Erlenbach auf festen Grund bringen und medizinisch versorgen.

Überflutete Straßen, vollgelaufene Keller und Tiefgaragen, Hänge, die in Donaurieden und Bach abzurutschen drohten, ein Blitzeinschlag im Wohngebiet Ziegelei – „es war sehr, sehr dramatisch“, sagte Böllinger über das Unwetter, das am Sonntagabend über Erbach hereinbrach. Glücklicherweise wurde niemand verletzt. Die über 85 Rettungskräfte waren bis zum Montagnachmittag gefordert. Ohne Verstärkung ging es nicht: Die kam von den Feuerwehren Staig und Blaubeuren, die dringend benötigte Sandsäcke von Ulm nach Erbach brachte, und dem THW. Dazu baute das DRK Oberdischingen in Erbach eine Zeltküche in der Fahrzeughalle der Feuerwehr auf. Stadtverwaltung und Bauhof packten mit an. Bürgermeister Achim Gaus war bis in die Morgenstunden vor Ort.


„Rasend schnell“ war am Sonntagabend durch den Starkregen der Erlenbach in der Innenstadt angeschwollen und über die Ufer getreten, sagte Gaus. Dort waren viele Anlieger betroffen. „Das Wasser kam mit unglaublicher Wucht“, erklärte Böllinger. Das zeigten rausgerissene Metalltüren in den Kellern und verbogene Feuertüren. Gegen 19 Uhr war der Höchststand erreicht.
Hermann Locher war unterwegs, als er das Unwetter von Westen her aufziehen sah. Die düsteren Wolken verhießen nichts Gutes. Was dann kam, hatte der Ruheständler noch nie gesehen, auch nicht beim großen Hochwasser 1955. „Wie ein Wildbach“ sei die Flut durch seinen Garten geschossen. Die Wucht der Wassermassen drückte die Kellertür ein, das Wasser füllte die Räume. Der abwärts wohnende Johannes Ammann bestätigte: „Wie ein Wasserfall stürzte es die Treppen hinunter“. Mit kniehohen Wellen habe der sonst harmlose Bach das Wohngebiet „Auf der Wühre“ in der Innenstadt geflutet, erzählte eine Anwohnerin. Ein schicker Mini in der Nachbarschaft zeigt Schlammspuren bis an die Fensteroberkante. Im Auto von Michaela Betz stieg das Wasser bis zum Sitz. Als sie den Erlenbach über das Ufer treten sah, fuhr sie zum Feuerwehrgerätehaus, um sich mit Sandsäcken zu versorgen. Eine Viertelstunde später floss das Wasser schon die Kellertreppe hinunter. Dann kam die Flutwelle. In nur fünf Minuten lief der Keller voll, Türen wurden ausgehängt, Möbel schwammen obenauf.
Am Montag dann das große Aufräumen. Das Inventar war rausgeschafft, Michaela Betz stand knöcheltief im Schlamm. Eimerweise trug sie die Masse nach draußen, das Wasser wurde mit Pumpen abgesaugt. Wie in anderen Häusern gingen ihr Nichtbetroffene zur Hand. Sie trägt das Desaster mit Galgenhumor, andere sind den Tränen nahe. Allen bleibt die Sorge, wie die Versicherungen reagieren. Ein angeforderter Gutachter hat Locher geraten, „Bilder und nochmals Bilder“ als Beweismaterial zu machen. Aufgrund der vielen Schadensfälle in der Region werde er selbst nicht vorbeikommen können. Locher befürchtet, dass Anträge ohne Gutachten von den Versicherern angezweifelt werden.
Das Kinderhaus „Auf der Wühre“ blieb am Montag geschlossen. Mehrere Zentimeter hoch sei in einigen Räumen des nicht unterkellerten Gebäudes Wasser gestanden, berichtete Hauptamtsleiter Stephan Perschke. Am Dienstag dürfte die Einrichtung wieder nutzbar sein.

„Wenn nur keine Menschen Schaden genommen haben“, war allenthalben zu hören, Materielles sei zu ersetzen. Damit tut sich die Sozialstation aber schwer. „Die hat es böse erwischt“, sagte Böllinger. Die an ihren Keller angrenzende Tiefgarage lief bis zur Decke voll. Mit den abgestellten Pkw wurde das im Untergeschoss befindliche Archiv unter Wasser gesetzt, samt Server, gespeicherten Daten und allen Ordnern. „Ob wir das rekonstruieren können?“, zweifelt Sieglinde Liebelt. Noch ein Problem beschäftigte Feuerwehr und Landratsamt: In einem Keller neben der Tiefgarage lagerten Chemikalien einer Wäscherei. Entwarnung am Nachmittag: Nichts war nach draußen und ins Grundwasser gelangt, sagte Bernd Weltin vom Landratsamt.

Eine „ganz große Bedrohung“ habe es noch in der Trafostation der ENBW Richtung Ehingen gegeben, berichtete Böllinger. Von dort werden Erbach, Eggingen und Ersingen mit Strom versorgt. „Ein Stromausfall wäre fatal gewesen“. Mithilfe spezieller Tauchpumpen des THW Ostfildern konnte die Station nach mehreren Stunden gerettet werden.
Dramatisch ging es auch in Donaurieden zu, das am schwersten von allen Teilorten betroffen war. „Im Unterdorf ist fast jeder Keller vollgelaufen“, sagte Ortsvorsteher Werner-Josef Ströbele. Auch Häuser am Hang, Auf der Lucke und im Jakobusweg waren Häuser betroffen. In diese sei verschmutztes Oberflächenwasser von den Äckern eingedrungen. „Das Wasser kam vom Wald vor wie ein Sturzbach“, erzählte Ströbele. Die B 311 wurde überflutet und war nicht mehr befahrbar. Am Montag waren die Straßen mit dickem Schlamm bedeckt.


Blaustein Fast die gesamte Blausteiner Feuerwehr war in der Nacht im Einsatz: 109 Feuerwehrleute mit 14 Fahrzeugen . „Wir hatten 80 Einsatzstellen, die meisten waren vollgelaufene Keller und Tiefgaragen“, sagte Kommandant Hans Danyi. Er war erst am Sonntagabend aus dem Urlaub gekommen und vom Flieger „direkt in die Feuerwehruniform“ gesprungen. Auch in Blaustein machte vor allem das Oberflächenwasser Probleme, überflutete Keller. „Im Zentrum von Ehrenstein drückte auch das Grundwasser rein – durch die Bodenplatten. Zum Teil mussten wir zwei-, dreimal zu den Häusern zum Auspumpen.“


Dornstadt Zu 50 Einsätzen rückten die Feuerwehren in Dornstadt und den Teilorten aus. Am schlimmsten hatte es nach Auskunft von Gesamtkommandant Achim Lang den Teilort Tomerdingen getroffen. Allein dort wurden 46 Einsätze registriert. Schwerpunkte waren die Sonnenhalde im Wohngebiet „Schraiberg“ und die Graf-Albrecht-Straße in der Ortsmitte. Auf der Ortsverbindungsstraße zwischen Dornstadt und Tomerdingen stand das Wasser 15 Zentimeter hoch. Die Dornstadter Wehren waren bis gegen 2.30 Uhr am Montagmorgen mit zwölf Fahrzeugen und bis zu 80 Helfern im Einsatz. Die Beimerstetter Wehr unterstützte die Nachbarn mit zwei Einsatzfahrzeugen. Auch am Montagvormittag mussten noch einige Keller ausgepumpt werden.


Lonsee „Es lief alles glatt“, sagte Ulrich Bayer, Gesamtkommandant der Feuerwehr Lonsee, zu den 13 Einsätzen in der Gemeinde. Bayer und seine Leute waren bis 1.30 Uhr unterwegs. In der Bachstraße in Halzhausen stand das Wasser bis zu 50 Zentimeter hoch. „Wir haben die Straße dann gesperrt“, sagt Bayer. Verletzt wurde niemand.
Härter traf es jene Häuser in Lonsee, wo das Wasser aus dem Kanalnetz in die Wohnungen drang. Betroffen waren laut Bayer vor allem Häuser im Bereich „Am Nohl“, aber auch welche im Tal. Melanie Schoch, deren Haus in der Nachbarschaft zur evangelischen Kirche liegt, musste mitansehen, wie Abwasser aus dem Duschabfluss ins Erdgeschoss drückte. „Es war einfach nur Chaos“, sagte sie. 20 Minuten nach dem Notruf seien acht Feuerwehrleute angerückt und haben den fünf Zentimeter hohen Wasserteppich mit Spezialgerät zwei Stunden lang abgesaugt. Am Montag musste die Lonseerin ihre Versicherungsunterlagen zusammensuchen, Handwerker-Termine vereinbaren und ihre beiden Kinder bei der Oma unterbringen. Die Kinder lasse sie nicht mehr ins Haus, bevor das Erdgeschoss geputzt ist – „und desinfiziert“.


Kreis Neu-Ulm und Senden Betroffen waren vor allem die Stadtgebiete Senden und Neu-Ulm, sagt der Neu-Ulmer Kreisbrandrat Bernhard Schmidt. Er berichtet von 250 Einsätzen, an denen 290 Frauen und Männer der Feuerwehren und des THW Neu-Ulm beteiligt waren. Bei der Leitstelle Donau-Iller in Krumbach wurden zwischen 16.30 Uhr am Sonntag und 9 Uhr am Montag 268 Einsätze registriert, davon über 200 im Kreis Neu-Ulm, 38 im Kreis Günzburg. Schmidt nennt die Lage in Senden am Abend eine "brenzlige Situation".

Jörg Portius, Pressesprecher der Stadt ergänzt: "Die städtischen Abwassersysteme kamen an ihre Kapazitätsgrenzen." Selbst altgediente Betriebstechniker der Stadtverwaltung könnten sich nicht an derartige Niederschlagsmengen im Stadtgebiet erinnern. Mitten in der Nacht musste das Auspumpen von Kellern eingestellt werden, da das Kanalsystem nichts mehr aufnehmen konnte. Gegen 0.30 Uhr habe die Werksfeuerwehr der Vöhringer Wieland Werke eine Hochleistungspumpe in Senden aufgebaut, um das Regenrückhaltebecken im Bereich Lange Straße zu entlasten.

Nach Aukunft des Sendener Kommandanten Peter Walter waren insgesamt etwa 90 Feuerwehrleute zu 80 Einsätzen ausgerückt - die Stadt hatte Vollalarm ausgelöst. Es galt, unter anderem 58 vollgelaufene Keller und Tiefgaragen leerzupumpen. Unterstützung kam von den Feuerwehren Vöhringen und Weißenhorn. Auch Lange Straße, Bach- und Ortsstraße wurden kurzzeitig überflutet. Zudem packte die B 28 im Bereich Hittistetten die Regenmassen nicht, deshalb mussten die Fahrbahn und eine Unterführung vorübergehend gesperrt werden.

Nach einer kurzen Nacht mussten die Feuerwehrleute am Montag früh wieder raus: An der Harderstraße waren nachts eine Tiefgarage und ein Aufzugschacht vollgelaufen.

In einer Stunde 45 Liter Regen pro Quadratmeter

Niederschlag 45 Liter pro Quadratmeter: So viel hat es innerhalb nur einer Stunde am Sonntagabend von 18 bis 19 Uhr in Ulm-Mähringen geregnet. Diese Zahlen nennt der Deutsche Wetterdienst (DWD). Innerhalb der 24 Stunden von Sonntagmorgen 8 Uhr bis Montag 8 Uhr registrierte der DWD in Mähringen 66 Liter. In Erbach, wo die Hochwasserschäden in der Region wohl am schlimmsten sind, wurden von Sonntag- bis Montagmorgen dagegen nur 47 Liter pro Quadratmeter gemessen. In Senden waren es in besagtem Zeitraum 59 Liter, aus Laupheim vermeldet der DWD 60 Liter. Den Baden-Württemberg-Rekord hält Kirchberg an der Jagst (Kreis Schwäbisch Hall): 94 Liter in 24 Stunden.
Vorhersage Weiterhin Regenschauer sowie stellenweise Gewitter, sagt eine DWD-Mitarbeiterin: "Aber nicht mehr so heftig."

Die Autoren

Über das Unwetter in der Region berichten für Sie: Stefan Bentele, Niko Dirner, Franz Glogger, Michael Janjanin, Petra Laible, Helga Mäckle, Beate Reuter-Manz, Thomas Steibadler, Joachim Striebel.