Gesellschaft Venezolanerin strandet in Europa

Albani Alvarado-Mauriello (zweite von links)  mit ihrer Gastfamilie, Hannah, Albert und Heike Ludwig, in einem Münchner Biergarten. Gemeinsam haben sie einige Ausflüge unternommen.
Albani Alvarado-Mauriello (zweite von links)  mit ihrer Gastfamilie, Hannah, Albert und Heike Ludwig, in einem Münchner Biergarten. Gemeinsam haben sie einige Ausflüge unternommen. © Foto: Heike Ludwig
Blaustein / Benjamin Merkle 11.07.2018

Kässpätzle wird Albani Alvarado-Mauriello wohl am meisten vermissen, sagt sie. Nach knapp zehn Monaten Schüleraustausch in Deutschland ist die junge Venezolanerin am vergangenen Wochenende wieder in den Flieger gestiegen. Aber nicht Richtung Venezuela, denn ihre Eltern wollen erst einmal nicht, dass sie nach Hause zurückkehrt. Zwar vermisst die junge Frau ihre Familie und Freunde, aber die herrschende Gewalt und die schwierige politische Lage unter Venezuelas Staatschef Maduro wollen die besorgten Eltern ihrer Tochter nicht zumuten.

Die ältere Schwester der Gastschülerin lebt in Barcelona, das wohl auch ihr neues Zuhause wird. Zumindest vorläufig, denn am liebsten möchte sie zurück nach Deutschland und Chemie in Leipzig studieren. Ulm ist ihr zu klein: „Wenn man zweimal an einem einzigen Tag dieselbe Person trifft, ohne sich vorher mit ihr verabredet zu haben, dann ist man in einer Kleinstadt.“ Ihre Heimatstadt Caracas hat etwa fünf Millionen Einwohner. Dort steigen durch die anhaltende Hyperinflation die Preise mittlerweile jeden Tag um fast drei Prozent. Es fehlen Medikamente und vor allem Lebensmittel. Große Teile der Bevölkerung hungern. Albanis Eltern mussten lange sparen um ihrer Tochter die Reise nach Europa zu ermöglichen.

Zu Gast war Albani bei der Familie Ludwig aus Blaustein. Deren Affinität zu Südamerika wurde wohl durch die älteste Tochter Teresa (24) geweckt. Nach einem freiwilligen sozialen Jahr in Mexiko motivierte sie ihre Eltern im Gegenzug jemanden aus Südamerika aufzunehmen. Auch die jüngere Tochter Hannah (18) plant nach dem Abitur ein Auslandsjahr. Für die Eltern der jungen Weltreisenden ist das nichts: „Uns reicht Europa eigentlich aus, und wegen meiner Arbeit kann ich nicht lange Urlaub machen. Also holen wir uns den internationalen Kontakt einfach zu uns“, sagt Gastvater Albert Ludwig. „Albani hat uns viel beigebracht.“

„Sie macht uns oft darauf aufmerksam, wie gut wir es in Europa und speziell in Deutschland haben. Da entwickelt man ein anderes Verhältnis zu den Privilegien, die wir hier genießen“, erzählt die Gastmutter Heike Ludwig: „In Venezuela kann man zurzeit wohl nicht einmal Fahrrad fahren, das wäre viel zu gefährlich.“

Zum ersten Mal Schnee gesehen

Allerdings war es auch umgekehrt nicht leicht für Albani, in Deutschland Fuß zu fassen: „Richtig Deutsch habe ich erst in Deutschland gelernt. Am Anfang musste ich mir noch mit Englisch behelfen“, sagt die junge Frau. Mit der Zeit gefiel es ihr aber immer besser. Bei einem Ausflug mit ihrer Gastfamilie in die Schweiz hat sie zum ersten Mal in ihrem Leben Schnee gesehen, und das deutsche Essen findet sie ausgezeichnet, vor allem wenn ihre Gastmutter für sie gekocht hat. Nur die Deutschen Männer können noch einiges von den südamerikanischen „caballeros“ lernen. „Deutsche Männer sind etwas zurückhaltend und machen nicht den ersten Schritt. Sie halten Frauen nicht die Tür auf oder bieten ihnen im Bus ihren Sitzplatz an. Die Männer aus Venezuela sind da anders.“

Eifersüchtig ist sie nicht auf die Deutschen, aber sie ist traurig, wenn sie an die Menschen  in Venezuela denkt, an die Gewalt und den Hunger. Viele ihrer Bekannten und selbst Freunde und Familienmitglieder haben ihr Heimatland schon verlassen. Ob und wann Albani Alvarado-Mauriello nach Hause zurückkehren wird, bleibt ungewiss.

Internationaler Jugendaustausch

Organisation Familie Ludwig aus Blaustein hatte sich über die Organisation „yfu – Youth for Understanding“ als Gastfamilie beworben. Ziel des Netzwerks ist es, Jugendliche aus verschiedenen Kulturen in mehr als Länder zu vermitteln, und so das gegenseitige Verständnis zu fördern.

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