Brexit Wirtschaft konkret: Ungewissheit gehört zum Unternehmerdasein

Rammingen / Regina Frank 09.08.2018

Nein, der Unternehmer Jürgen Wiedenmann schaut nicht ständig nach, ob es neue Meldungen zum Brexit gibt, auch wenn Großbritannien ein wichtiger Markt für ihn und seine Brüder ist. „Ich lasse mich doch nicht zum Sklaven machen von Nachrichten“, sagt er. Zumal seit kurzem ein grober Ablaufplan für den Ausstieg der Briten aus der EU steht und über Details der künftigen Wirtschaftsbeziehungen erst noch verhandelt wird. Der Gerätehersteller ist das, was man ein exportstarkes Unternehmen nennt. 70 Prozent der Produkte gehen ins Ausland. Und bei den für die Ramminger wichtigsten Exportmärkten rangiert Großbritannien gleich hinter den USA an zweiter Stelle.

Im Moment herrscht schlicht und einfach Unsicherheit. Jürgen Wiedenmann sieht das allerdings gelassen: „Ungewissheit gehört zum Unternehmertum.“ Das Familienunternehmen, das er gemeinsam mit Uwe und Horst Wiedenmann führt, verkauft Rasenpflege-Maschinen an Kommunen und Sportplatzbetreiber. Auf der Kundenliste stehen Fußball-Bundesligisten (VfB Stuttgart, Hamburger SV) und internationale Top-Clubs, wie Manchester United und der FC Chelsea. Anfang des Jahres erst ist ein Auftrag vom FC Liverpool eingegangen. Der Verein des deutschen Trainers Jürgen Klopp orderte eine Bodenbelüftungsmaschine. Die „Liverpool-Maschine“, wie Wiedenmann sie nennt, hat einen Wert von 45 000 Euro.

Der Brexit ist gleichwohl ein Thema für das Ramminger Unternehmen. Er bremst schon, bevor er überhaupt vollzogen ist, den Absatz in Großbritannien. „UK war für uns 2017 ein nahezu stagnierender Markt“, berichtet der Unternehmer. Wohlgemerkt, während alle anderen Märkte wuchsen. Noch ist nicht abschätzbar, welche Veränderungen genau mit dem Brexit einhergehen werden. Gleichwohl müssen die Wiedenmann-Brüder planen und Entscheidungen treffen. Ein Dilemma, das Jürgen Wiedenmann so umschreibt: „Wie soll man an einem Spiel teilnehmen, bei dem man die Spielregeln nicht kennt?“ Er hofft, dass die Politik den Ausstieg der Briten so regelt, dass es nicht zu großen Verwerfungen kommt. Solange nichts anderes entschieden ist, legen die Wiedenmann-Brüder ihren Planungen die Annahme zugrunde, „dass sich die Parameter nicht groß ändern“.

Also: dass der Brexit ohne hohe Einfuhrzölle für Importeure vonstatten geht. Und die bürokratischen Hürden nicht allzu hoch ausfallen. Denn Ausfuhrerklärungen können zeitraubend sein, das erleben die Wiedenmänner regelmäßig bei ihren US-Exporten. Für eine Lkw-Ladung mit einem Wert von rund 125 000 Euro fallen vier Stunden Büroarbeitszeit an. Das könnte künftig auch für Exporte nach Großbritannien der Fall sein – bislang werden sie mit Null Bürostunden abgewickelt. „Lieferscheine und Frachtpapiere kommen ohne Aufwand aus dem Computer.“

Für Mehraufwand und Mehrkosten kann obendrein das Thema Industriestandards sorgen. Eine so genannte Maschinenrichtlinie legt in der EU allgemeine Sicherheitsstandards fest. Wenn die Briten nach dem Brexit eigene Standards definieren und Wiedenmann diesen Vorgaben gerecht werden will, bedeutet das: höhere Entwicklungskosten.

Angesichts der Unwägbarkeiten durch den Brexit noch stärker auf den florierenden US-Markt zu setzen, hielte Wiedenmann für nicht klug. Denn: Auch das amerikanische Terrain ist mit Risiken behaftet. Das größte: Trumps protektionistische Verlautbarungen. „Wir wissen nicht, ob er morgen Schutzzölle erhebt.“

Die strategische Entscheidung, extrem stark in den Export zu gehen, fiel vor 30 Jahren. Dahinter stand die Überlegung, einen Ausgleich zu schaffen für Dellen im Inlandsgeschäft. Die drei Wiedenmann-Brüder wollten nicht, wie ihre Eltern, abhängig von der Binnen-Konjunktur sein und sich mal vor Aufträgen  kaum mehr retten können und wenn es schlecht läuft, Kurzarbeit anmelden müssen. Es ging bei der Entscheidung pro Export darum, Wachstumschancen zu eröffnen.

Das Familienunternehmen lässt sich nicht beirren, glaubt an seine Produkte und investiert: Zwei Millionen Euro flossen eigenen Angaben nach allein im November und Dezember 2017 in neue Werkzeugmaschinen am Stammsitz.  Mit 240 Mitarbeitern – davon mehr als 100 in Rammingen – erzielte Wiedenmann vergangenes Jahr 35 Millionen Euro Umsatz. 2018 werden 40 Millionen angepeilt. Brexit hin oder her.

Denn das Geschäft mit dem Vereinigten Königreich „lässt sich durch politische Entscheidungen nicht kaputtmachen – vielleicht erschweren.“ Außerdem kommt der Rasenpflege-Geräte-Hersteller auf anderen Märkten „gut vorwärts“, was Jürgen Wiedenmann in seinem grundsätzlichen Optimismus bestärkt. „Die Menschen werden immer draußen Sport treiben wollen“, sagt er, „und das schönste Spiel findet auf Naturrasen statt.“

Wirtschaftslexikon

Definition Der Begriff Brexit ist ein Kunstwort aus den englischen Begriffen „Britain“ und „Exit“. Der Brexit steht dabei für den Austritt von Großbritannien aus der Europäischen Union (EU). Bei einem Referendum hatten am 23. Juni 2016 fast 52 Prozent der wahlberechtigten Bürger in Großbritannien für einen solchen Austritt gestimmt. (Quelle: IHK Ulm).

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