Landeswasserversorgung Unaufhaltsam fließend: Eine Tour entlang der Wasserleitungen

Stuttgart / STEFAN BENTELE 06.09.2017
Seit Juli 1917 pumpt die LW Trinkwasser bis nach Stuttgart. Was das mit dem neuen Berliner Flughafen, Kurgästen und der Antike zu tun hat, zeigt eine Tour entlang der Leitung.

Das Trinkwasser hudelt nicht. Es steht zwar unter Druck, lässt sich aber Zeit für seine Aufgabe und erreicht dennoch sein Ziel. Hätte es einen Charakter, er käme dem eines perfekten Arbeiters ziemlich nahe, einem, der stur gegen Widerstände einer einzigen Motivation folgt. Das Trinkwasser fließt sogar bergauf, drückt so schnell wie ein Fußgänger eine Straße überquert durch die Leitung 1 der Landeswasserversorgung (LW), um vom Donauried bis in den Osterbuchstollen bei Oberkochen (Ostalbkreis) zu gelangen. Der Scheitelbehälter des Stollens liegt im Höhenprofil 80 Meter über der Quelle, die ihn speist. Ein verlässlicher Strom, seit ziemlich genau 100 Jahren.

„Das war damals innovativ und dem Tüftlertum der Schwaben geschuldet“, sagt Bernhard Röhrle, als er die Tür zum Förderwerk in Niederstotzingen aufschließt. Röhrle geht zu den vier Pumpen, die ein wenig an Schneckenhäuser aus Metall erinnern. Eine Maschine brummt, die Luft riecht verbraucht und abgestanden, weil das Werk am Rand der Kleinstadt im Landkreis Heidenheim kaum noch genutzt wird.

Röhrle koordiniert seit 17 Jahren die Pressearbeit für den kommunalen Zweckverband mit Sitz in Stuttgart. Als Bauingenieur ist er 1987 zur LW gekommen und hat an den vielen neueren Leitungen zwischen Langenau und Stuttgart mitgearbeitet. Er erzählt mit der ruhigen Stimme eines Technikers, dass von hier aus einzig noch der Ort Riedheim mit Wasser versorgt wird, zwei der vier Pumpen still stehen und nur im Ernstfall zur Notversorgung der etwa drei Millionen Menschen anlaufen, aus deren Hähnen Wasser der LW fließt. Längst wird das Lebensmittel aus dem moderneren, größeren Wasserwerk bei Langenau mit Druck in die Leitungen gepumpt. Trinkwasser mag sich Zeit lassen, die LW als Versorger muss seit jeher mit ihr Schritt halten.

Dass sich die Ingenieure und Politiker vor mehr als 100 Jahren für die Förderung im Donauried entschieden, war keineswegs der Qualität des Wassers im Boden des heutigen Alb-Donau-Kreises geschuldet. Gegen Pläne, Stuttgart, Esslingen & Co. mit Hilfe eines Staudamms im Nordschwarzwald zu versorgen, gab es Bedenken auch an oberster Stelle: Die Kur- und Erholungsorte sollten ungestört bleiben. Der Bodensee hätte über Oberschwaben erschlossen werden müssen, mit 300 Höhenmetern, die zu überwinden gewesen wären, zu aufwendig für die Technik seinerzeit.

1912, im Gründungsjahr der LW, begannen die Bauarbeiten für 49 Brunnen und das Werk in Niederstotzingen, für 96 Kilometer Leitung, Stollen und Behälter. 14,5 Millionen Goldmark waren geplant, drei Jahre Bauzeit angesetzt. Doch der Erste Weltkrieg legte dem Projekt zusätzliche Steine in den Weg, Baumaterial blieb aus, Arbeiter mussten an die Front. Statt 1915 floss am 1. Juli 1917 Wasser. Eine Baukostenzusammenstellung in den 20er-Jahren kam auf 30,6 Millionen Mark.

„Man kann das mit dem BER vergleichen, aber Berlin hat bereits einen Flughafen – die Menschen damals hatten aber keine sichere Trinkwasserversorgung“, sagt Röhrle. Und grinst. Der Techniker in ihm schwärmt geradezu davon, wie die Ingenieure in den Jahren vor dem Krieg die Pläne erstellten, die Arbeiter mit Spitzhacken die Böden für die Leitungen öffneten, mit Dynamit Löcher in Hügelkuppen und Berge sprengten und mit Bohrern Stollen vorantrieben. „Das erste Mal sollte Trinkwasser in Druckleitungen und nicht im Freispiegelverfahren wie bei den Römern fließen“, sagt Röhrle. Es war ein Großprojekt ohne Beispiel. Aber wohl ähnlich gefährlich wie in der Antike. Und wie einst mussten Kriegsgefangene schuften.

Das Trinkwasser hat es da gemütlicher, oder besser: Es gehört zu seinem Wesen, sich eine gemütliche Umgebung zu schaffen. Zwar gilt es als keimarm, aber nicht als keimfrei, in den Rohren bildet sich daher ein Biofilm. Ein natürlicher, ungefährlicher Vorgang, sagt Röhrle. „Krankheitserreger dürfen natürlich nicht drin sein.“ Entlang der Strecke wird deshalb an drei Stellen Chlordioxid zur Desinfektion beigegeben.

War der Trinkwasserstrom in der Antike mit den Aquädukten sichtbar, braucht es heute schon Pläne, um der Leitung 1 zu folgen, oder zumindest ein gutes Auge. Dort, wo Trinkwasser im Boden fließt, darf oben weder Schweres gebaut werden noch Großes wachsen, damit die Rohre keinen Schaden nehmen.

Manfred Schwenk und seine Kollegen von der LW überprüfen all das. Allerlei Werkzeug, Funkgeräte und ein Transporter stehen dafür bereit. In der Anfangszeit war das beschwerlicher. „Die Wärter sind damals einmal die Woche über die Strecke gelaufen“, sagt Röhrle, „haben kontrolliert, dass die Schächte in Ordnung waren und sich niemand an den Leitungen zu schaffen machte“. Gab es Probleme, mussten die Männer von Hand stundenlang einen Schieber eindrehen, um den Fluss zu unterbrechen. Oder die Pumpen mit viel Gefühl von Hand einstellen. Heute klappt das per Knopfdruck.

Am Scheitelpunkt der Leitung, nach 36 Kilometern bei Oberkochen, fällt der Druck vom Wasser hörbar ab. Das dumpfe Brummen wird zum hellen Rauschen, als Schwenk die Stahltür aufzieht und die kühle Einlaufkammer betritt. Unter dem Steg drücken aus zwei Rohren je 1000 Liter pro Sekunde in den Stollen – das reicht für 20 Badewannen. „Im Winter fließt hier weniger“, sagt Schwenk. Doch weil der Winter tief im Süden weilt, hier Sommer herrscht, ist das Thermometer schon um 10.38 Uhr auf 27 Grad Celsius geklettert. Die Menschen in Aalen, Esslingen und Stuttgart haben Durst, suchen Abkühlung.

Farblich erinnert das türkis-schimmernde Wasser im Osterbuchbehälter auf der anderen Seite des Stollens an den Blautopf in Blaubeuren, es ist hier nur deutlich stiller. Säulen stützen die sechs Meter hohe Decke, unter der sich nachts, wenn der Verbrauch sinkt, bis zu 32.000 Kubikmeter sammeln können, genug für 160.000 volle Badewannen.

Baden aber wäre wenig ratsam, zwölf Grad Celsius kalt ist der künstliche See, die Jahresdurchschnittstemperatur. „Das Grundwasser in der Tiefe nimmt diese Temperatur an“, sagt Röhrle. Von hier fließt das Trinkwasser in Fallleitungen bis ins 285 Meter tiefer gelegene Stuttgart, treibt unterwegs Turbinen zur Stromgewinnung an und zweigt hier und da ab, um die Verbandskommunen zu versorgen, wie schon zuvor während des Anstiegs.

Auf Karten ähnelt das Leitungsnetz der LW dem menschlichen Innenleben, gleicht einem Netzwerk aus unzähligen Venen und Adern. Auf beide Systeme ist Verlass, solange keines überstrapaziert wird und der Inhaltsstoff ungestört und unbelastet bleibt.

Rolf Knopp wacht genau darüber. Eigentlich hat der stämmige Mann mit dem fröhlich-badischen Singsang in der Stimme, der von der LW-Technik schwärmt wie ein kleiner Junge von seinem Spielzeug, Landwirt gelernt, sattelte dann aber zum Wassermeister um, kontrolliert nun am Endbehälter Rotenberg, in Sichtweite des Württembergs bei Stuttgart, Chlorwerte, Keimbelastung und vieles mehr. „Hoffentlich mache ich das so gut, dass die späteren Generationen nicht auf mich schimpfen.“

Jede Sekunde 26 volle Badewannen

Kapazität Die Wasserwerke Langenau, Burgberg und Egau pumpen bis zu 5280 Liter pro Sekunde in die Leitungen. Das entspricht 26 vollen Badewannen und ist die größte Menge, die bisher eingespeist wurde. Das Netz der LW ist etwa 775 Kilometer lang, die 33 Speicher fassen insgesamt 400.000 Kubikmeter Wasser.

Unternehmen Die LW ist ein kommunaler Zweckverband mit 106 Mitgliedern: Kommunen und Zweckverbände. Die LW gibt jährlich etwa 90 Millionen Kubikmeter Trinkwasser ab. 2015 betrug der Umsatz 56,8 Millionen Euro, 276 Mitarbeiter wurden beschäftigt.