Ein silbernes A. Zwischen dem blauen Hemdkragen hebt sich der Buchstabe von Andreas Walthers schwarzem T-Shirt ab. Die Kette ist ein Detail, das erst auffällt, als der große, kräftige Mann zur Ruhe kommt, nicht mehr ständig aufsteht, kurz im Nebenraum verschwindet, eine Flasche Wasser aus einem Jutebeutel holt, von seinem Schwatz mit der Rewe-Kassiererin erzählt, allen einschenkt. Als er schließlich sitzt und anfängt zu erzählen, gewinnt das silberne A an Bedeutung. Andreas Walther erzählt davon, wie sein Sohn Alexander gestorben ist: Vor drei Jahren, als 27-Jähriger, überquerte Alexander eine rote Ampel an einer Hauptstraße, wurde von einem Auto erfasst und starb nach drei Wochen auf der Intensivstation.

Verlust macht hilflos

„Ich wusste nicht mehr, wo vorne und hinten ist.“ Nach dem Tod seines Sohnes ist Andreas Walther depressiv, strukturlos, unruhig, von Schlafstörungen geplagt. Und vor allem: hilflos. Alexander sei sein „Bindeglied zum Leben“ gewesen, sagt der 58-Jährige: Die Trennung von Alexanders Mutter habe ihm schwer zu schaffen gemacht, für seinen Sohn habe er funktionieren wollen. In den Jahren vor Alexanders Tod fuhren Vater und Sohn zusammen in den Urlaub, auf Musik-Festivals. „Wir haben die Zeit sehr intensiv miteinander verbracht.“ Bis Alexander plötzlich nicht mehr da war.

„Auf einmal soll er nicht mehr wichtig sein, nur weil er tot ist.“ Damit konnte Andreas Walther sich nicht abfinden – auch nicht nach einer Reha-Maßnahme. Über das Selbsthilfebüro KORN, das Gruppen in der Region Ulm vermittelt und berät, fand der Neu-Ulmer zu der Gruppe „Unsere Kinder“. Zu Menschen, die das Gleiche erlebt haben wie er.

„Es tut so gut, damit nicht alleine zu sein“

Seit rund 20 Jahren treffen sich Eltern, deren Kinder gestorben sind, in dieser Gruppe. Gegründet wurde sie von Betroffenen selbst, erzählt Jessica Müller, die „Unsere Kinder“ seit September leitet. Die blonde junge Frau wirkt dynamisch, aufgeschlossen und zupackend. Ihre Aufgabe sei es, Anreize für Gespräche zu geben, zu moderieren und herauszufinden, wie die Teilnehmer sich fühlen, erklärt die 36-Jährige und packt Postkarten mit nachdenklichen, aber auch mit optimistischen Sprüchen und Bildern aus. Diese möchte sie auf dem Tisch in einem Ulmer Bürgertreff verteilen, wenn alle Gruppenmitglieder da sind.

Seit Januar lässt Jessica Müller sich im Arbeitskreis trauernder Eltern und Geschwister (ATEG) zur Trauerbegleiterin ausbilden. Eine gute Hilfe beim Übergang von der Teilnehmerin zur Leiterin der Gruppe, sagt sie. Sie selbst kam 2016 zur Gruppe. Ihr Sohn Aaron ist im April 2015 geboren und nach „zehn Wochen, zwei Tagen und fast genau zwölf Stunden“ in ihren Armen gestorben.

„Ich bin eigentlich ein offener Mensch und bereit, Konflikte anzugehen“, sagt Jessica Müller. „Aber da hat es mich paralysiert.“ Gesprochen habe sie mit niemandem über ihren Verlust. Über eine Bekanntschaft bei einem Trauergottesdienst für verstorbene Kinder kamen sie und ihr Mann Carsten-Olaf Müller zu „Unsere Kinder“. In der Gruppe sei alles aus ihr herausgesprudelt: „Es tut so gut, damit nicht alleine zu sein.“

Damit: Mit dem Tod eines Kindes, der so gar nicht in die Vorstellungen eines normalen Lebenslaufs passt. Damit, das bedeutet aber auch: mit überfordernden Alltagssituationen, gut gemeinten und doch völlig deplatzierten Ratschlägen. „Ich wusste nicht, bin ich verrückt geworden oder sind es die anderen“, sagt Jessica Müller und erzählt von Sätzen wie „Du bist ja noch jung, du kannst weitere Kinder kriegen“ oder der vermeintlich einfachen Frage auf dem Spielplatz, wie viele Kinder sie habe. „Heute kann ich antworten: Ich hab drei Kinder, zwei davon leben.“ Doch das sei nicht immer möglich gewesen.

Die eigene Trauer aushalten

Mittlerweile sind die vier weiteren Teilnehmer der Gruppe eingetroffen und hören zu. Eine Mutter, die aus dem Kreis Heidenheim stammt – weitere Teilnehmer kommen sogar aus dem Allgäu nach Ulm gefahren – erklärt, wie „dünnhäutig“ sie seit dem Tod ihres Sohnes geworden sei: „Unser Tag ist getaktet durch irgendwelche Flashes“: Bei jedem Geburtsdatum, das sie lese, rechne sie automatisch aus, ob die Person jünger oder älter als ihr Sohn ist, der als 20-Jähriger bei einem Autounfall starb.

„Fernsehen kann ich nur noch mit der Fernbedienung in der Hand“, sagt Andreas Walther etwas später: So könne er schnell umschalten, wenn ihn etwas an seine eigene Situation erinnere. Andere Gruppenmitglieder nicken.

Ein Einblick in das, worum es in der Gruppe auch geht: Die Herausforderungen im Alltag, die Bewältigungsstrategien zu besprechen, sich in den anderen wiederzuerkennen. Denn wer ihren Schmerz nicht erlebt hat, kann das Verhalten der trauernden Eltern oft nicht nachvollziehen – auch das erzählen die Teilnehmer.

Ein Paar schildert den kompletten Verlust des Umfelds. Jahrzehntelange Freundschaften zerbrachen, auch von der Kirche seien sie, deren Trauer nicht in den vorgegebenen Rahmen passen wollte, enttäuscht worden. „Es geht nur darum, es auszuhalten.“ Die eigene Trauer – und in der Gruppe auch die Trauer der Anderen.

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Betroffene können sich melden


Treffen Jeden ersten Donnerstag im Monat trifft sich die Trauergruppe „Unserer Eltern“ in Ulm. Im Moment gibt es sechs regelmäßige Teilnehmer, Jessica Müller kann sich Gesprächsrunden mit bis zu 14 Personen vorstellen. Wichtig ist ihr, zu betonen: Das Alter des Kindes oder der Zeitpunkt des Verlusts spielt keine Rolle. 

Kontakt Jessica Müller bittet um eine Kontaktaufnahme per Mail. In einem ersten Gespräch möchte sie vorfühlen, ob ihre Gruppe zu den Bedürfnissen der Trauernden passt: K.jessica.mueller@outlook.de