Soziales Trauercafé: Angebot mit Wanderungen ausbauen

Im Trauercafé in Laichingen engagiert sich auch Silvia Stumpp (Mitte).
Im Trauercafé in Laichingen engagiert sich auch Silvia Stumpp (Mitte). © Foto: Karin Mitschang
Laichingen / KARIN MITSCHANG 14.02.2018

Als Heike Steißlinger die Neue in der Runde dazu beglückwünscht, dass sie es geschafft hat zu kommen, bricht die Frau im mittleren Alter in Tränen aus. Wenig später findet sie ihre Stimme: „Ich hab’ in der Zeitung schon öfter vom Trauercafé gelesen, aber heute auf der Herfahrt – da war es echt schwer.“ Die anderen sieben Frauen, die sich am Glombigen in der Uhlandstraße 11 in Laichingen zu Kaffee und Berlinern eingefunden haben, nicken. Eine sagt: „Uns allen ist es beim ersten Mal genauso gegangen.“

Heike Steißlinger vom Ortskrankenpflegeverein (OKV) Laichingen und Silvia Stumpp von der Hospizgruppe Blaubeuren-Laichingen treffen im monatlichen Café so gut wie nur Frauen. „Das ist eine Charaktersache. Viele Frauen sind Beziehungsmenschen“, erklärt sich das Steißlinger, die selbst im Alter von 13 Jahren ihre Mutter verloren hat. Die 49-jährige Laichingerin koordiniert ansonsten „OKV-Zuhause“ und engagiert sich ehrenamtlich auch in der Demenzinitiative ihrer Kirchengemeinde.

Seit sieben Jahren gibt es in Laichingen das niederschwellige Trauercafé, und die Nachfrage ist da: Derzeit kommen sechs bis acht Frauen, die meisten von der Laichinger Alb, aus Westerheim, Heroldstatt, Justingen, Merklingen, Berghülen. Mangels Gruppenleiterinnen fehlt das Angebot in Blaubeuren seit 2015, so sind die Treffs beim OKV für die Region offen. Steißlinger und Stumpp sehen sich vor allem als Moderatorinnen, die Impulse und Hilfestellungen geben können. „Wir sagen nicht, wie Trauern richtig geht, sondern wichtig ist der Austausch untereinander, das ist wie eine Selbsthilfegruppe“, erklärt die Laichingerin.

Nach einem halben Jahr nimmt das Interesse, über einen Trauerfall zu sprechen, im Familien- und Bekanntenkreis oft ab, weiß Steißlinger. Doch mancher Hinterbliebene ist dann noch mittendrin. „Viele denken dann, mit ihnen stimmt etwas nicht, oder sie sind krank“, sagt Stumpp, deren Mutter 1999 verstorben ist, als es noch kein Trauercafé gab. „Es hilft vielen zu hören, dass andere dasselbe erleben.“

Was im Alltag oft „weggedrückt“ werden muss, dürfe in der Gruppe im Gespräch raus: Trauer ohne Scham statt Funktionieren und Leisten. Mancher braucht viele Jahre, auch das sei normal. „Einmal haben alle geweint“, schildert Steißlinger einen für sie schwierigen Tag. „Aber als ich die Teilnehmer gefragt habe, ob sie nun belastet heim gehen, meinten alle: Nein, das war gut so.“

Nicht für jeden etwas

Die eine kommt jahrelang, andere bräuchten nur drei Treffen, und für wiederum andere ist das Ganze nichts, „das merken sie schnell“. Natürlich wird im Trauercafé auch gelacht, und Freundschaften entstehen. Das Reden dreht sich dabei nicht, wie viele meinen, nur um den Verstorbenen, sondern oft geht es um Fragen wie: „Wie überstehe ich das erste Weihnachten oder den Geburtstag? Was habe ich schon geschafft, was fällt noch schwer?“ Vom Ausräumen der Sachen des Verstorbenen bis hin zur Steuererklärung gibt es einige Dinge zu bewältigen.

„Mein Tipp ist: Nicht aufgeben, Kampfgeist“, sagt eine Teilnehmerin der vergangenen Woche. Sie habe gelernt zu kämpfen, nachdem sie den Partner, den sie jahrelang pflegte, verloren hat. „Am Anfang funktionierst du, du musst so vieles regeln. Das Tief kommt erst, wenn alles geregelt ist. Dann haben sich die Anrufe und Besuchsankündigungen reduziert, vor denen man sich am Anfang kaum retten kann. Und nach einem Jahr fragen nur noch wenige“, erklärt die Trauernde, was sie in die Gruppe führt.

Die Suppingerin Silvia Stumpp findet: „Trauer ist immer noch ein Stück weit tabu in unserer Gesellschaft“, und man beschäftige sich erst mit Hilfsangeboten, wenn man betroffen ist. Die 50-Jährige engagiert sich bereits seit zehn Jahren in der Hospizgruppe, sie hat damals ihre Mutter verloren. Nun will sie mit Wanderungen für Trauernde am Wochenende einen neuen Rahmen auch für jüngere, berufstätige Menschen setzen, für die der Kaffeetreff nichts ist. Auch Männer fühlen sich dann eher angesprochen, hofft Stumpp, die erst vor wenigen Monaten in Göppingen den fünfwöchigen Kurs als Trauerbegleiterin gemacht. Zwei Trauerwanderungen habe es im vergangenen Jahr bereits gemeinsam mit der Hospizgruppe aus Bermaringen gegeben. Dies soll wiederholt werden (siehe Infokasten). Stumpp: „Das kam schon gut an.“ Auf dem gemeinsamen Wanderweg seien ganz andere Gespräche möglich als beim Kaffee. „Es geht darum, den Weg aus der Trauer zu finden, aus dem Kreislauf der Krise rauszukommen und einen neuen Weg für sich zu finden.“

Trauercafé, Wanderung und Sterbebegleitung

Termine Das Trauercafé der Hospizgruppe Blaubeuren-Laichingen und des OKV ist immer am zweiten Donnerstag im Monat von 10 bis 11.30 Uhr beim  OKV (Uhlandstraße 11) in  Laichingen. Infos bei Heike Steißlinger, Tel. (07333) 947721. Wer an einer Wanderung für Trauernde Interesse hat, kann sich schon mal bei Einsatzleiterin Silvia Stumpp von der Hospizgruppe melden, denn einen Termin gibt es noch nicht. Sie gibt auch Infos zur Ausbildung zum Sterbebegleiter: Telefon (07333) 7775. kam

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