Wirtschaft Testzentrum im XXL-Format

Kirchdorf/Iller / Von Beate Reuter-Manz 05.10.2018

Das neue Liebherr-Entwicklungs- und Vorführzentrum für Baumaschinen in Kirchdorf/Iller (Kreis Biberach) ist am Dienstag  nicht mit einem banalen Scherenschnitt durch ein rot-weißes Absperrband  in Betrieb genommen worden. Jan Liebherr, Verwaltungsrat im Familienbetrieb, kletterte höchstpersönlich in das Führerhaus eines XXL-Baggers und ließ dessen Schrottschere ein Band aus Eisen, einen roten Stahlträger, durchbeißen.

XXL-Format hat auch das Tor, das sich mit pompöser musikalischer Untermalung in diesem Augenblick öffnete und rund 1400 geladenen Gästen und Stammkunden aus aller Welt einen ersten Einblick gewährte in das Herzstück des Entwicklungszentrums. In der 4500 Quadratmeter großen Versuchshalle werden künftig alle Prototypen, die das Portfolio der Liebherr-Hydraulikbagger GmbH zu bieten hat, aufgebaut, in Betrieb genommen und optimiert. Durch das 13 Meter hohe Tor passt sogar der größte in Kirchdorf produzierte Bagger: die 105 Tonnen schwere Material-Umschlagmaschine LH 110.

Während die unterschiedlich großen Bagger im Tiefbau und bei Spezialaufgaben, unter anderem im Landschaftsbau, verwendet werden, kommen Umschlagmaschinen beim Schrott-, Holz- und Hafenumschlag, bei der Abfallwirtschaft und beim Recycling zum Einsatz. Auf dem neuen Testgelände zeigt eine Maschinen-Show anschaulich, was möglich ist. Der 27 Meter lange Arm von Kraftprotz LH 110 beispielsweise hebt mühelos ein Dutzend Baumstämme oder einen Kleinbagger in die Luft.

Janis Kasalis, Geschäftsmann aus Lettland,  verfolgte jeden Arbeitsschritt und war begeistert. „Kostet eine Million. Das ist viel. Aber den könnten wir hervorragend in der Holzarbeit einsetzen“, sagte er. Ein Kauf sei nicht ausgeschlossen. Wie andere Zaungäste ist auch er angetan von der  1,2 Kilometer langen Teststrecke. Auf zwölf Funktionsbahnen mit acht Meter hohem Steilhügel, Eisenbahnschienen und  diversen Grabmöglichkeiten werden reale Einsätze der Erdbewegungs- und Industriemaschinen simuliert.

12,8 Hektar Fläche

Rund 30 Millionen Euro wurden in jenen Standort investiert, an dem Hans Liebherr vor sieben Jahrzehnten mit der Übernahme des elterlichen Maurerbetriebs den Grundstein für das heutige Weltunternehmen legte. „Mit einer Gesamtfläche von 12,8 Hektar wächst Kirchdorf nun um 32 Prozent“, freute sich Werner Seifried über das Bekenntnis der Familie Liebherr zum Gründungsstandort. Der Technische Geschäftsführer bei Liebherr-Hydraulikbagger ist überzeugt: „So ein Validierungszentrum ist in Europa einzigartig.“ Es ermögliche autonome Tests von Prototypen mittels Fahrroboter.

An „Supertrumpf“, ein Quartett-Spiel aus Kindheitstagen, erinnerte den Biberacher Landrat Dr. Heiko Schmid, was er beim Festakt zu sehen bekam. Mehrfach seien bei diesem Projekt Trümpfe ausgespielt worden. Den Vergleich mit der Immendinger Teststrecke von Daimler brauche Kirchdorf nicht zu scheuen: „In kurzer Zeit ist ein absolut rekordverdächtiges Projekt realisiert worden.“ Der Kirchdorfer Bürgermeister Rainer Langenbacher erinnerte daran, dass zum Bauantrag keine einzige Einwendung eingegangen war. Er lobte den unternehmerischen Mut der Familie Liebherr, was zur positiven Entwicklung der Gemeinde beitrage. „Aus einem Bauerndorf mit 700 Einwohnern wurde ein moderner Industriestandort.“

Beim Familientag haben sich  rund 10 000 Besucher an Ort und Stelle informiert.

Kirchdorf schafft 2500 Bagger pro Jahr

Liebherr-Hydraulikbagger Am Standort Kirchdorf arbeiten 1700 Menschen. 2500 Bagger, Materialumschlagmaschinen und Muldenkipper  rollen pro Jahr vom Band. Das Entwicklungs- und Vorführzentrum wurde in einer Rekordzeit von 15 Monaten erstellt. 2700 Tonnen Stahl wurden in der 20 Meter hohen Versuchshalle verbaut. Auf dem Testgelände wurden 135 000 Kubikmeter Erde bewegt, das entspricht knapp 243 000 Tonnen.

Firmengruppe Das familiengeführte Unternehmen mit Hauptsitz in der Schweiz umfasst elf Geschäftsfelder. Weltweit beschäftigt Liebherr knapp 44 000 Mitarbeiter.

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