Vier Generationen unter einem Dach: Jeder hilft jedem, keiner bleibt auf der Strecke. Dieses Familienmodell ist schon lange überholt – auch in ländlichen Gemeinden wie Bernstadt. Viele zieht es weg vom Land in die Stadt, wo die Arbeit ruft oder der Lifestyle lockt. Zurück bleiben oft ältere Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Deshalb haben der Bernstadter Bürgermeister Oliver Sühring und acht weitere Personen 2013 den gemeinnützigen Nachbarschaftshilfe-Verein „Tatkraft“ gegründet. Sühring ist der Vorsitzende des Vereins. „Die Gesellschaft dividiert sich auseinander, die Familienstrukturen brechen auf“, stellt er fest. Mit dem Tatkraft-Verein wollen „wir das Rad zurückdrehen, zu einer Gemeinschaft, wo man wieder nacheinander schaut“.

Der Verein sei seit 2013 „raketenmäßig emporgestiegen“, sagt Sühring. Seit vergangenem Jahr kooperiert „Tatkraft“ mit den drei Nachbarorten Hörvelsingen, Holzkirch und Weidenstetten. Aus den neun Mitgliedern von 2013 sind mittlerweile 354 geworden. Doch was steckt hinter dem Erfolg von „Tatkraft“?

Da ist zum Beispiel das vielfältige Angebot an Hilfeleistungen. Dafür befragten die Vereinsmitglieder 2013 Bernstadter Senioren nach deren individuellen Bedürfnissen. Die Ergebnisse überraschten teilweise: „Klassische Themen wie Fahrdienste oder Gartenhilfe wurden genannt. Manche äußerten aber auch nur den Wunsch, jemanden zum Reden zu haben“, berichtet Sühring. Auf dem Flyer des Vereins tauchen daher auch Angebote wie „Spaziergänge“ und „Begleitung zu Veranstaltungen“ auf. Der Anspruch des Vereins sei, „mehr als Dienstleistungen anzubieten“, sagt Sühring. „Es ist unsere Verpflichtung, uns um die älteren Menschen zu kümmern. Alles, was diese Generation aufgebaut hat, vespern wir ab.“

Um diesem Anspruch gerecht zu werden, läuft die Vermittlung von Ehrenamtlichen bei „Tatkraft“ sehr persönlich ab: Sabine Megnin, stellvertretende Vorsitzende und treibende Kraft des Vereins, besucht jeden Hilfesuchenden zu Hause. Erst wenn sie sich über die individuellen Bedürfnisse informiert hat, vermittelt sie einen passenden Ehrenamtlichen. Der Vorteil: Bernstadt hat nur gut 2000 Einwohner, und Megnin kennt sehr viele davon. „In einer 2000-Seelen-Gemeinde kann nicht jeder mit jedem. Frau Megnin kann einschätzen, ob der Ehrenamtliche zum Hilfesuchenden passt – auch menschlich“, erklärt Sühring. Das Ziel sei, dass „sich soziale Bindungen und Freundschaften bilden.“

Eine Freundschaft entwickelte sich zum Beispiel zwischen zwei Studenten und einer älteren Frau. Die Studenten halfen ihr, den Keller auszuräumen. „Das ging ruckzuck. Danach saßen alle bei Kaffee und Kuchen zusammen und sprachen zwei Stunden miteinander“, erzählt Sühring. Zwei Wochen später habe sich die Frau wieder bei „Tatkraft“ gemeldet und gesagt: „Auch meine Bühne müsste mal ausgeräumt werden. Könnt ihr mir nicht wieder die zwei netten Jungs schicken?“

Hilfsbereite Fußballer

Probleme, Ehrenamtliche zu finden, hatte der Verein von Anfang an nicht. „Von der Fußballmannschaft des TSV haben sich zum Beispiel fast alle gemeldet“, sagt Sühring. Bei „Tatkraft“ gibt es Helfer jeden Alters: Schüler, Azubis, Studenten, Erwachsene. Mindestens 16 Jahre alt müssen sie sein. Das Ehrenamt wird mit 8,50 Euro pro Stunde vergütet – aus gutem Grund: „Dadurch wird der Hilfesuchende nicht zum Bittsteller und kann seine Wertschätzung zum Ausdruck bringen“, erklärt Sühring und fügt scherzend hinzu: „So viele Pralinenschachteln könnte man gar nicht verschenken.“ 2,50 Euro erhebt der Verein zusätzlich für seine eigene Refinanzierung. Dass sich jemand die elf Euro nicht leisten konnte, sei noch nie vorgekommen, sagt Sabine Megnin. Und wenn das doch einmal der Fall sein sollte, „machen wir es umsonst möglich“. Außerdem übernimmt seit diesem Jahr die Krankenkasse bis zu 125 Euro pro Monat für niederschwellige Betreuungsleistungen – und genau solche Leistungen bietet „Tatkraft“ an.

Die Angebote können übrigens nicht nur alte Menschen nutzen. „Wir helfen auch Familien mit behinderten Kindern oder Kranken. Bei der Renovierung des Asylhauses halfen wir ebenfalls mit“, sagt Sabine Megnin. Die große Nachfrage nach den Hilfsangeboten geht aber mit einem enormen bürokratischen Aufwand einher. Vier große, weiße Schränke voller Ordner stehen an der Wand von Megnins Büro.

Vielleicht braucht sie bald sogar einen fünften Schrank. Denn Oliver Sühring glaubt, dass die Nachfrage nach Hilfeleistungen weiter zunehmen wird. „Der gesellschaftliche und demografische Wandel geht weiter. Unsere Herausforderung ist es, dem wachsenden Bedarf gerecht zu werden.“ Drehen die Mitglieder von „Tatkraft“ das Rad aber wirklich zurück, wenn sie sich dieser gesellschaftlichen Aufgabe stellen? Es scheint eher, als drehten sie es nach vorne.

In Altheim/Alb muss sich das Angebot von „Miteinander und Füreinander“ noch herumsprechen.