Jubiläum Tanzboden mit Aussicht: 800 Jahre Schloß Klingenstein

Blaustein / HELGA MÄCKLE 05.09.2015
Am Ortsausgang von Blaustein in Richtung Arnegg sitzt das Schloss Klingenstein auf einem Felsen und bietet einen weiten Blick ins Blautal hinab. 1850 kaufte der Ulmer Apotheker und Zementpionier Gustav Leube das Schloss, das bis heute im Besitz der Leube-Familie ist.Mit einer Bildergalerie.

Sagenhaft ist der Blick vom „Tanzboden“ oberhalb von Schloss Klingenstein auf das Blautal. „Hier machen die jungen Leute bis heute nachts Party“, sagt Walter Herthnek, Vorstand der Leube-Stiftung. Was sich unter dem ummauerten Plateau befindet, weiß keiner genau. Sicher ist, dass es der Sockel eines Wachturmes ist, des so genannten Bergfrieds, der mit einer Höhe von 15 bis 20 Meter über dem Blautal thronte. Er war Teil der Oberburg, dem ältesten Teil der Burganlage, die im 11. und 12. Jahrhundert auf dem Felsen bei Klingenstein entstanden ist und im Laufe der Jahrhunderte zunächst von den Herren von Stain von Klingenstein und ab dem 16. Jahrhundert von den Herren von Bernhausen weiter und weiter ausgebaut wurde: Bis eine riesige Burganlage mit Oberburg, Mittelburg und Nordburg entstand.

Einiges davon ist beim Gang über das weitläufige Areal noch zu sehen. Wenn man mit jemand unterwegs ist, der die Anlage kennt, Mauerreste, Tore, Treppen und Wehrgänge erklären kann. Wie Walter Herthnek. Er ist ein Ur-Ur-Ur-Ur-Urenkel von Gustav Leube. Der Zement-Pionier aus Ulm hat das Schloss im Jahr 1850 gekauft. Gebaut hat es 1756 Freiherr Franz von Bernhausen – auf dem Fundament der ehemaligen Nordburg. Der Gewölbekeller des heutigen Schlosses stammt deshalb aus dem 15. Jahrhundert. Das sei nicht ganz unkritisch, weil das – für die Rokokozeit sehr schlichte Schloss – zum Teil auch auf dem Abraum der abgerissenen Nordburg steht, wie Herthnek erzählt. Das Schloss bewege sich daher ganz leicht, entsprechend schief seien zum Teil die Wände. „Bauen Sie hier mal eine Küche ein“, flachst Herthnek: „Kein leichtes Unterfangen.“

Gustav Leube, Apotheker, Erfinder und Tüftler war das Blautal unter anderem wegen seines Kalkvorkommens ans Herz gewachsen, die er für die Zementherstellung benötigte. Selbst auf dem Schloss gewohnt hat Leube selten. Er lebte in einem Haus auf der Promenade in Ulm. Seine Frau Auguste und die fünf Kinder verbrachten mehr Zeit in Blaustein. Vor allem im Sommer, denn beheizen konnte man die Räume nur schwer. Inzwischen gibt es in den fünf Schlafzimmern im ersten Stock eine Heizung. Im Rittersaal, der als Aufenthaltsraum genutzt wird, steht ein alter Kachelofen.

Bis heute nutzen Leubes Nachkommen – „es dürften inzwischen 150 Leute sein“ – das Schloss: in den Ferien, für Familienfest und einmal im Jahr für ein Familientreffen. Dann wohnt ein Großteil der 150 bis 200 Gäste allerdings in Hotels, aber im Schlosshof werde dann ein Zelt aufgestellt, Catering bestellt, zusammen gesessen, Wanderungen gemacht, erzählt Herthnek. Auch zu den Arbeitseinsätzen, bei denen unter anderem Holz für den Kachelofen gemacht wird, kommen zwei Mal im Jahr Leube-Nachkommen aus allen Ecken Deutschlands. Und natürlich aus Gartenau bei Salzburg, wo Gustav Leube bereits 1864 wegen der dortigen Kalkvorkommen eine zweite Zementfabrik aufgebaut hat. Dort ist heute der Sitz von „Leube Baustoffe“, die seit vergangenem Jahr eine Aktiengesellschaft ist.

1974 haben die Nachkommen die Leube-Stiftung gegründet, um den Erhalt des Schlosses zu sichern. Dessen Unterhalt sei nicht gerade billig, sagt Herthnek. Alleine die Sanierung des „Schalenturms“, einem Teil der Mittelburg aus dem 13. und 14. Jahrhundert, hat dieses Jahr mehr als 70.000 Euro verschlungen. „Das muss eine Spezialfirma in Absprache mit dem Denkmalamt machen.“ Auch sonst fallen ständig Kosten an, hier ist mal ein Tor kaputt, dort bröckelt der Putz. Geld für den Unterhalt kommt auch in die Stiftungskasse, weil die Familienmitglieder für ihren Aufenthalt im Schloss bezahlen.

Dessen Inneneinrichtung ist ein Sammelsurium alter Möbel, Bilder, Spielsachen, Figuren – angewachsen in mehr als 160 Jahren. „Bis heute meint jeder, er müsse hier was reinstellen“, erzählt Herthnek grinsend. Nicht nur wegen der alten Spielsachen, dem „Märchenzimmer“ und dem Schlossdachboden, wo ein großes Matratzenlager eingerichtet ist, ist Schloss Klingenstein ein Paradies für Kinder: Die verschlungenen Pfade über die alte Burganlage, mächtige Mauern und Tore – Ritter spielen fällt hier leicht. „Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt“, sagt auch Herthnek, der selbst als Kind dort gespielt hat. Und werden die Kinder älter, verziehen sie sich am späten Abend auf den „Tanzboden“. Unter anderem, um die sagenhafte Aussicht zu genießen.

 

Offene Schlosstore

Besichtigung Dieses Jahr feiert Klingenstein sein 800-jähriges Bestehen. Mitte Mai gab es aus diesem Anlass bereits ein großes Festwochenende samt Umzug. Im Rahmen der Feierlichkeiten öffnet die Leube-Stiftung am Tag des offenen Denkmals, am 13. September, die Tore von Schloss Klingenstein. Neben Führungen durch die sonst der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Räume gibt es für Kinder unter anderem im „Märchenzimmer“ eine Märchenstunde, die Feuerwehr Blaustein bewirtet die Besucher im Schlosshof.

 

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