Kommende Woche lässt die örtliche Baufirma Tempus die Bagger in der Weberstraße anrücken und ein großer Teil eines historisch gewachsenen Viertels im Stadtkern wird verschwinden. Mehrere Häuser und eine Scheune sind betroffen. Die Scheune ist inzwischen weg. Im Laufe dieser Woche hat Martin Häberle mit seinem Team die  über 300 Jahre alte Heu- und Strohscheuer aus dem 17. Jahrhundert abgebaut. Stein für Stein, Holzbalken für Holzbalken. Sie prägte fast vier Jahrhunderte lang das Stadtviertel, mit ihr verschwand ein weiteres historisches Zeugnis Laichingens. Doch Martin Häberle, Inhaber der Heidenheimer Firma „historische Baustoffe Ostalb“ weiß, wie dieses Stück Zeitgeschichte erhalten und womöglich mit Leben erfüllt werden kann: Die Scheune soll mit den alten, intakten Bauteilen wieder aufgebaut und zu einem Fachwerkwohnhaus in modernem Stil werden. „In diesem historischen Gebälk zu wohnen, ist dann etwas ganz Besonderes.“

Wie kaum eine andere eigne sich die Scheune als Wohnhaus, vor allem wegen ihrer außergewöhnlichen Kubatur und einer nahezu quadratischen Grundfläche. Häberle handelt nicht nur mit antiken Baustoffen, die er aus alten Gebäuden holt, sondern ist erfahren im Wiederaufbau, dem sogenannten Translozieren. Er hat schon ein deutliches Bild vor Augen, wie das Wohnhaus gegliedert sein könnte: „Vorne eine große Glasfront, hinten eine großräumige Küche, und eine Garage könnte man auch gut dazu stellen.“ Schade, meint er, dass diese Scheuer versetzt werden muss, am einfachsten wäre es – seiner Meinung nach – sie bis auf das Holzgebälk zu entkernen und direkt vor Ort zum Wohnhaus auszubauen, und so einen Teil der Laichinger Vergangenheit zu erhalten. Doch Tempus hat vor, dort zwei große Wohnblöcke zu erstellen und nur deshalb kam Häberle überhaupt zum Zug.

So baute sein fünfköpfiges Team die Scheuer zurück. Weil das Gebäude sich im Lauf der Zeit deutlich gesenkt hatte, ließ Häberle zuvor dicke Holzdielen quer durch die Scheuer anbringen und sicherte dadurch die Statik. Zwei bis drei Tage lang landeten dann altes Stroh und Heu sowie brüchige Bodenbretter auf einem Müllberg, das Dach wurde abgedeckt.  Dann erst begann der eigentliche Rückbau. Mit behutsamen Hammerschlägen brachen Häberles Leute Tuffsteinbrocken aus den Wänden. Vorsichtig lösten sie daraufhin die alten Holzbalken aus den Verzapfungen heraus.

Die Balken geben Aufschluss über das Alter der Scheune: Sie sind von Hand mit dem Beil gehauen, nicht, wie in späterer Zeit, gesägt. Per Kran holte Häberle die teils elf Meter langen Eichen- und Fichtenbalken herunter. Er verwies auf den guten Zustand des Materials: „Thermisch behandelt oder sandgestrahlt halten die noch lange durch.“ Der Wind konnte nun ungehindert durch das freigelegte Fachwerk pfeifen, die Sonne ließ das faszinierende Balkengeflecht strahlen. Und Häberle fand Schriftzüge der einstigen Zimmerleute auf den Balken: eine Zahl, die offensichtlich die Balkenlänge angibt und einen Namen. Der Nachname „Kächele“ in der damaligen deutschen Kurrentschrift ist eindeutig zu entziffern. Die frühere Besitzerfamilie lebt heute noch in Laichingen.

Auch die Dacheindeckung wird bei Häberle wieder verwendet. Zwar fand er dreierlei Dachziegel vor, ein Hinweis darauf, dass das Dach mehrfach ausgebessert worden ist. Doch ein großer Teil davon war bedeckt mit den ursprünglich aufgebrachten handgestrichenen Biberschwänzen, „die Ferraris unter historischen Dacheindeckungen“, sagt Häberle und erläutert: Von Hand wurden diese Ziegel einst in Form gebracht, luftgetrocknet, danach gebrannt, „eine unglaubliche Qualität“.

Zurück zum Scheune: Die Wände im Erdgeschoss wurden nicht zerlegt, sondern in ganzen Teilen abgebaut. Für den Wiederaufbau ist jeder Balken, jede Wand, mit witterungsfestem Stift beschriftet, teils dokumentieren Fotos, was zusammengehört. In mehreren Fahrten transportierte Martin Häberle sein wertvolles, antikes Gut zu seinem Baustofflager in Söhnstetten. Nur eine brache Fläche blieb zurück, wo vor wenigen Tagen noch der Stadel stand. Und auch die wird bald von Baggern belagert, welche die benachbarten Häuser abbrechen, um Platz für Neues und Modernes zu schaffen.