Gericht Prozess: Mit Messer auf Freundin eingestochen

Ulm / Stefan Bentele 16.01.2018
Ein 25-Jähriger aus dem Raum Ehingen steht wegen versuchten Mordes an seiner Ex-Freundin vor Gericht.

An der Schuldfähigkeit des Angeklagten gibt es keine Zweifel“, sagte am Montag ein Psychiater vor der 2. Großen Strafkammer am Landgericht Ulm, wo sich ein 25-Jähriger aus dem Raum Ehingen wegen versuchten Mordes an seiner Ex-Freundin vor der Kammer unter Vorsitz von Richter Gerd Gugenhan verantworten muss. Laut Gutachter gibt es keine Hinweise auf eine Persönlichkeitsveränderung infolge von Alkoholkonsum oder krankhafte Störungen.

Der Angeklagte soll im Mai 2017 mit einem 15 Zentimeter langen Messer von hinten auf den Hals seiner Ex-Freundin eingestochen und sie lebensgefährlich verletzt haben. Zuvor soll er die junge Frau und deren neuen Freund in dessen Schlafzimmer überrascht, Fotos gemacht und einen Streit begonnen haben. Auch der neue Freund wurde mit dem Messer im Gesicht verletzt.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 25-Jährigen versuchten Mord vor. Staatsanwalt Benjamin Lenz beantragte gestern ferner zu prüfen, ob wegen der Attacke von hinten auf die arglose Ex-Freundin zusätzlich zum Mordmerkmal sonstiger niedriger Beweggründen auch das der Heimtücke erfüllt sein könnte.

Der psychiatrische Sachverständige, der für sein Gutachten mit dem Angeklagten in U-Haft gesprochen hatte, bescheinigte diesem einen Mangel an Empathie und Selbstwertgefühl, hohe Impulsivität und Aggressivität sowie Minderwertigkeitskomplexe. Diese versuche der 25-Jährige, hinter einer arroganten Fassade zu verbergen. „Kränkungen treffen ihn elementar im Selbstwertgefühl, und Alkohol dient dabei als Brandbeschleuniger.“

Zwar hatte der junge Mann zur Tatzeit vermutlich 1,46 Promille Blutalkohol, doch laut Gutachter kommt Alkohol als Auslöser für die Tat nicht in Frage, weil er eigenen Angaben zufolge und laut Zeugen seine Handlungen reflektieren konnte. Dass er auf ein Gerüst geklettert war, um ins Schlafzimmer zu kommen, spreche zudem dagegen. Auch einen „affektiven Ausnahmezustand“ schloss der Gutachter aus, so etwas werde etwa über ein Stichwort ausgelöst, woraufhin die Tat unmittelbar folgt. Das sieht der Gutachter hier nicht als erfüllt.

Die Erinnerungslücke, die der 25-Jährige für den Angriff auf seine Ex-Freundin geltend macht, tat der Gutachter ins Reich der Märchen ab. „Das ist psychologisch nicht zu begründen.“ Zwar enge sich das Blickfeld in solchen Situationen ein, doch die Konzen­tration steige. So eine „Tat prägt sich besonders tief ein“. Ein Polizist hatte gestern zudem ausgesagt, dass der 25-Jährige nach seiner Verhaftung angab, es sei im Schlafzimmer zwischen dem neuen Freund, seiner Ex-Freundin und ihm zu einem Gerangel um das Messer gekommen, wobei sich die 22-Jährige verletzt habe.

Die Kammer dokumentierte gestern auch die Vorstrafen des Angeklagten, darunter Körperverletzungen, Diebstahl, Fahrerflucht, Beleidigung und Betrug. Er verbüßte bis Ende 2016 eine Haftstrafe, die dann zur Bewährung bis 2019 ausgesetzt wurde.

Seinen Arbeitsplatz hatte der Mann, der zuletzt als Anlagen- und Maschinenführer arbeitete, kurz vor der Attacke verloren. Eine Ausbildung kann er trotz mehrerer Versuche nicht vorweisen, in der Schule hatte er Schwierigkeiten, auch weil er sich bis zu seiner Einschulung zuhause nur auf Türkisch unterhielt.

Die Kammer versuchte über Zeugen zu klären, wann der 25-Jährige und die 22-Jährige zuletzt zusammen waren und ob  die Tat geplant war. Stunden zuvor hatte er per Whatsapp an seine Cousine geschrieben: „Und wenn ich was mache, dann ist sie tot.“ Die 21-Jährige sagte, dass sie das nicht ernst genommen habe, ihr Cousin kein Gewalttäter sei, vielmehr „blind vor Liebe war“.

Mutter widerspricht sich

Die Mutter des Angeklagten berichtete Ähnliches. Am Abend vor der Tat schrieb sie dem Sohn via Whatsapp mit Blick auf den neuen Freund: „Was, wirst Du sein Haus überfallen?“ Auf Nachfrage von Richter Gugenhan, woher sie davon gewusst habe, wich die Frau immer wieder aus.

Wie die Mutter weiter vor Gericht sagte, habe die 22-Jährige wenige Tage vor der Tat noch mit ihrem Sohn in dessen Zimmer im Elternhaus geschlafen. Das Gericht bezweifelte das, hielt der Frau ihre Aussage bei der Polizei vor, wonach die 22-Jährige eine Woche zuvor zuletzt bei ihr zuhause gewesen sei.

Info Fortsetzung ist am Montag, 22. Januar, um 8.30 Uhr, Saal 126.