Autofahrer, die bei Westerheim, Laichingen, Suppingen, Heroldstatt oder Feldstetten unterwegs sind, reiben sich immer wieder verwundert die Augen. Auf den Strommasten, die links und rechts der Straßen in den Feldern stehen, klettern seit Tagen dick vermummte Menschen in luftiger Höhe zwischen den Verstrebungen umher. Nein, Zirkusartisten sind dort nicht zu Übungszwecken zugange. Vielmehr ist die Übertragungsnetzbetreiberin Transnet BW GmbH seit Anfang des Monats dabei, die 380-kV-Höchstspannungsleitung zwischen Wendlingen und Dellmensingen auf einer Länge von 85 Kilometern zu modernisieren.

Im Rahmen dieser Arbeiten werden einzelne Stahlteile an den insgesamt 213 Masten ausgetauscht. Vor knapp drei Jahren waren dort schon einmal Trupps in luftiger Höhe unterwegs. Damals erhielten die bis zu 50 Meter hohen Masten, die teilweise bis zu einem halben Jahrhundert alt sind, einen neuen Anstrich.

Die grundsätzliche Maststruktur wie Höhe, Breite und Fundamente bleibe bei der derzeitigen Maßnahme unberührt, informiert Transnet BW-Pressesprecher Alexander Schilling. Die Übertragungsnetzbetreiberin untersuche in regelmäßigen Abständen ihre Anlagen und lege, je nach Bedarf, Maßnahmen zur Modernisierung fest.

Signal mit grüner Fahne

Die einzelnen Arbeitsabschnitte sind genau vorgegeben. Als Erstes nehmen die schwindelfreien Männer die Traversen auf einer der beiden Seiten in Angriff. Die Spannweite beträgt bis zu 14 Meter. Während die Männer dort beschäftigt sind, ist auf der anderen Seite die 380-kV-Anlage weiterhin in Betrieb. Eine grüne Fahne unten an der Aufstiegsleiter signalisiert den Arbeitern, dass Transnet BW-Mitarbeiter Andreas Hager, der die Arbeiten überwacht, im Gebäude „Hauptschaltleitung Wendlingen“ den Strom auf dieser Trasse abgeschaltet hat.

Wie Bergsteiger haben die Arbeiter ein Klettersteigset umgeschnallt. Ein sogenanntes Y-Seil, bei dem beide Karabiner im Masten eingehängt sind, erhöhe die Sicherheitsreserven im Falle eines Sturzes, erklärt Hager.

Derzeit sind sechs Trupps mit jeweils sieben Arbeiter unterwegs. Einer von ihnen ist Andreas Martins. Zwei Paar Socken, zwei Paar Handschuhe, eine lange Unterhose, ein Thermounterhemd, ein Schal, Mundschutz und eine dicke Mütze unter dem Helm halten seinen Körper in eisiger Höhe warm. Am Montagmorgen herrschen bei Arbeitsbeginn minus 13 Grad Celsius. „Ohne Sonnenschein und mit dem sibirischen Wind, der um die Ohren pfeift, sind das gefühlte minus 20 Grad“, fügt Martins hinzu. Deshalb klettern er und seine Kollegen nach knapp einer halben Stunde schon wieder nach unten. Der Abstieg dauert sechs bis sieben Minuten. Unten angekommen, wärmen sich die Männer auf der Ladefläche ihres Lastwagens bei heißem Tee und einer heißen Brühe auf. 20 Minuten später geht es wieder nach oben.

Die noch bis August dauernden Arbeiten beschränken sich auf das direkte Umfeld der Masten innerhalb des bestehenden Schutzstreifens der Leitung, erklärt Pressesprecher Schilling. Für die Arbeiten im Spannungsbereich der Masttraversen sind die angesprochenen Abschaltungen der entsprechenden Stromkreise erforderlich. Diese Schaltungen haben laut Pressesprecher „keine Auswirkungen auf die Stromversorgung in der Region“.

Um alle organisatorischen Fragen zu klären, setzen sich die von TransnetBW beauftragten Unternehmen im Vorfeld der Baumaßnahme mit den Grundstückseigentümern und Pächtern in Verbindung. Dabei werden Themen wie Zugänge zu den Maststandorten, aber auch der Umgang mit möglichen Flurschäden geklärt.

In den nächsten Monaten sind die Kletterer in Berghülen, Seißen, Blaubeuren, Sonderbuch, Markbronn, Eggingen, Erbach und Dellmensingen zu sehen.