Ernte So wenig Streuobst wie lange nicht

Ulm / PETRA LAIBLE, SAMIRA EISELE, EDWIN RUSCHITZKA, HANS-ULI MAYER 13.10.2017
Heute fällt aus, morgen fällt aus. . .“ Harald Seifert, Betreiber einer mobilen Saftpresse, geht seine Terminliste durch. Kaum was zu tun.

Heute fällt aus, morgen fällt aus. . .“ Harald Seifert, Betreiber einer mobilen Saftpresse, geht seine Terminliste durch.  Das kleine Unternehmen, das er mit seiner Frau Ulrike und seinem Kompagnon Peter Anton betreibt, hat wenig zu tun: Anstatt die ganze Region bis fast nach Stuttgart abzuklappern und bis zu 18 Stunden am Tag an der Presse zu stehen, macht Seifert dieses Jahr vor allem Büroarbeit. Weil es Mitte April noch Frost mit Temperaturen bis zu minus 7 Grad Celsius gegeben hat, ist die Ernte in diesem Jahr historisch schlecht: Das statistische Landesamt Baden-Württemberg rechnet mit der kleinsten Apfelernte seit 30 Jahren – und das, obwohl der Anbau in den vergangenen Jahren massiv ausgebaut wurde. „Es wird eine Null- oder Minusrunde, es geht nur um den Erhalt des Betriebs“, sagt Seifert. 85 Prozent seiner Termine werden abgesagt.

Obstbauern Der Ernteausfall bringt auch andere in Bedrängnis, sagt Günter Stolz: Der Vorsitzende des Kreisverbands der Obst- und Gartenbauvereine im Alb-Donau-Kreis und der Stadt Ulm erzählt von „stark gebeutelten“ Haupterwerbs-Obstbauern. Je nach Lage sei es sehr unterschiedlich. In Schlat im Landkreis Göppingen etwa sei die Ernte bei einigen „total desolat“, andere, die spätblühende Sorten wie Topas anbauen, hätten den Frost im Frühjahr besser überstanden, aber auch dort sei die Qualität eingeschränkt.

Safthersteller „Bundesweit fehlen im Schnitt 65 Prozent der Ernte, im heimischen Streuobstgebiet sind es 85 Prozent“, sagt Geschäftsführer Dieter Burkhardt von der Firma Burkhardt Fruchtsäfte in Machtolsheim. Ein „Auf und Nieder“ gebe es immer wieder: „Das ist vor allem für den Streuobstbereich sehr typisch“. Normalerweise verkaufe Burkhardt offene Ware noch an Kollegen, in diesem Jahr werde das Obst nicht reichen: „Wir müssen zukaufen“, sagt Burkhardt – in Italien, Ungarn, Serbien. Da die Ernte europaweit geringer ausfalle, steige der Obstpreis überall um das Doppelte bis Dreifache im Vergleich zu 2016. Das werde sich auch auf den Saftpreis niederschlagen: Die 6er Kiste werde im Handel im Schnitt um 1 bis 1,50 Euro teurer werden. Auch der Geschmack werde sich wegen der süßeren Äpfel verändern: Der Direktsaft werde etwas weniger sauer sein, seinen „starken Körper“ aber behalten. „Der Streuobstsaft hat ein ordentliches Kreuz.“

Knapp wird der Bio-Streuobstsaft von hier werden: Normal sind um diese Zeit 500 Tonnen Streuobst angeliefert, derzeit sind es 50 Tonnen.

Mostereien „Da sind mehr Leute auf dem Hof als Äpfel“, sagt Wilfried Buchele, der in Dellmensingen als Hobby eine Mosterei betreibt. Was heißt: Es gibt viel mehr Bestellungen als Obst aus der Region – Äpfel, Birnen, Zwetschgen. Vom Frühobst sei alles kaputt, vom Spätobst gebe es ein bisschen. Buchele muss eine Warteliste führen für alle jene, die Saft wollen. Und fragt bei Annahmestellen, ob er von dort Obst aus der Region bekommen kann.  Normalerweise werden an einem Wochenende 50 bis 60 Tonnen abgegeben, nun sei er froh, wenn es 3 Tonnen sind, sagt der Maschinenschlosser, der die Mosterei von seinem Vater übernommen hat.

Seit 1980 ist Johannes Mayer im Vorstand des Obst- und Gartenbauvereins Pfuhl/Offenhausen. Der Verein mit 150 Mitgliedern betreibt in der Pfuhler Hauptstraße eine Mosterei. Doch die bleibt in diesem Jahr geschlossen. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt der 71-Jährige. Die Mitglieder, die sonst um die 50 Tonnen zum Saftpressen vorbeigebracht haben, liefern gerade einmal zehn Prozent. Weshalb der Verein die Mosterei erst gar nicht in Betrieb nimmt, obwohl er erst eine neue, 7000 Euro teure Abfüllanlage gekauft hat. Die finanziellen Einbußen gilt es zu verkraften.

Nur Obst aus der Region verarbeitet

In Normalzeiten bekommen Hans und Martin Molfenter in ihrer Kelterei  in Söflingen 400 bis 500 Tonnen Äpfel und Birnen angeliefert, bei Superernten sind es bis zu 1000 Tonnen. In diesem Jahr sind sei es schon gut, wenn es am Ende der Saison 100 Tonnen werden. In der Kelterei und Mosterei mit Getränkemarkt werden nur Äpfel, Birnen und Quitten aus der Region verarbeitet. „Ich könnte natürlich Obst aus dem Ausland kaufen, aber das machen wir nicht“, erklärt Molfenter. Wegen der geringen Ernte dürfte der Saft deutlich teurer werden, er rechnet mit 15 bis 20 Cent mehr pro Liter. „Wir können als Kleinbetrieb den Preis nicht festlegen. Das machen die Großen.“ Während Obstbauern finanzielle Hilfe vom Land bekommen, gehe verarbeitendes Gewerbe wie Molfenter leer aus. „Wir können das nur durchstehen, weil wir ein Familienbetrieb sind.“

Schnapsbrennerei Roland Feller, Schnapsbrenner aus Dietenheim-Regglisweiler, hat sich auch auf regionale Brände spezialisiert, etwa auf die Albecker Birne und die Ulmer Butterbirne. Und in diesem Jahr? „Wir brennen heuer überhaupt kein Obst“, sagt Feller, „keine Birnen, keine Äpfel, keine Pflaumen, keine Kirschen. Nur Aprikosen aus Österreich“. Weil aber die Ernte 2016 sehr gut gewesen sei, hat er noch einige Flaschen auf Halde. Ansonsten brennt er mehr Whisky und Rum. Feller sieht auch etwas Gutes am Ernteausfall. „Jetzt können sich die Bäume ein wenig erholen. Denn gute Ernten sind nicht immer gut für die Bäume.“