Serie Sinnbild für den Neuanfang

Von Martin Dambacher 16.08.2018

Es war im Jahre 1650, als das von der Pest gebeutelte Wain mit der Einwanderung von Exulanten aus Kärnten neues Leben eingehaucht bekommen hat. Denn auf Einladung der freien Reichsstadt Ulm ließen sich damals viele evangelische Glaubensflüchtlinge aus dem österreichischen Arriach in dem kleinen, oberschwäbischen Ort nieder, um dort nach der Verbannung ein neues Leben zu beginnen. Schnell fühlten sich die Zugezogenen in „Betlehem“ heimisch, wie sie ihre damals neu errichtete Siedlung nannten.

Da die Gemeinde fortan weiterwuchs, war auch die alte gotische Kirche schnell zu klein. So entstand 1688, nach dem Abriss der alten Kirche, die Michaelskirche. Auf der berühmten Exulantentafel an der Südwand des Kirchenschiffes wird bis heute an den Exodus der Protestanten aus Arriach erinnert, und auch auf dem Vorplatz des barocken Kleinods ist mit dem von Otto Fromm initiierten, 1999 eingeweihten Brunnen die Dorfgeschichte allgegenwärtig. „Die Grundform des Wainer Dorfbrunnens ist ein Achteck, das mit dem als Dreiachtelschluss gestalteten Chor der Michaelskirche korrespondiert“, erklärt Pfarrer Ernst Eyrich. Die Acht stehe im Glauben für den Tag der Auferstehung Jesu Christi von den Toten, mit der – genau wie bei den Exulanten – ein neuer Abschnitt in der Christenheit begonnen habe. Die Hoffnung werde aber nicht nur durch die achteckige Form, sondern auch durch die Insel aus grünem Tauernstein inmitten des Brunnens symbolisiert, welche gleichzeitig auch Sinnbild für die evangelische Enklave im katholischen Oberland sei, fährt Eyrich fort.

Als Hauptmotiv für den Exulanten-Brunnen wählte der Regglisweiler Künstler Reiner Schlecker eine finster dreinblickende Frau in Tracht, die neben ihrem Sohn auch einen Koffer voller Gedanken und Sorgen über die Zukunft in ihrem Leiterwagen mit auf die Flucht genommen hat. Den unterschiedlichen Umgang damit zeigen die drei Teller oberhalb des Koffers. Während auf dem untersten die Probleme bei einem Saufgelage im Alkohol ertränkt werden, sieht man in der Mitte tanzende Menschen, die trotz ihrer Sorgen fröhlich sind und feiern. Der oberste Teller zeigt Menschen bei der Feldarbeit, für die das Leben in jeder Situation einen Sinn hat und weiter geht. Über all dem liegt eine aufgeschlagene Bibel, deren Umschlag mit dem Wort aus Hebräer 13,14 verziert ist: „Wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die Zukünftige suchen wir“.

Auf der Bibel, in der auch die Namen aller an der Erschaffung des Brunnens Beteiligter verewigt sind, steht mit dem Hahn der Künder des neuen Tages. Denn als Wetterhahn auf einem Kirchturm wird er in der Regel als Erster von den Sonnenstrahlen berührt und ist somit Symbol für den Sieg des Lichtes Christi über die Macht der Finsternis. Ebenfalls voller Zuversicht scheint der Knabe in Lederhose zu sein, der seiner flüchtenden Mutter den Weg weist. „Er ist fröhlich, beschwingt und hat oft Blumen in der Hand, die ihm Passanten oder Kinder zustecken“, lässt Pfarrer Ernst Eyrich wissen. Er stehe für das kindliche Gottvertrauen.

Ein spuckendes Schwein

Genau diese Unbeschwertheit soll auch das Wasser spuckende Schwein fördern, das für die Kinder von heute geschaffen ist. „Sie sollen auf ihm sitzen, die Finger auf die Schnauze halten und spritzen“, schmunzelt Eyrich, es sei aber auch eine Reminiszenz an die „Lutherischen“ Würste, die die Exulanten als Evangelische aus Arriach ins katholische Oberschwaben mitgebracht haben. Und auch die beiden Ortswappen am Brunnen erinnern stets an die guten Verbindungen der zwei Gemeinden, die im Juli 1972 mit einer Partnerschaftsurkunde offiziell besiegelt wurden. Anlass zum Feiern bietet auch das alle zwei Jahre stattfindende Dorfbrunnenfest, bei dem Gemeindeverwaltung, Vereine, Feuerwehr, Kindergarten und Grundschule immer gleichermaßen mitwirken – selbst ein eigenes Lied wurde mittlerweile gedichtet und dem Brunnen gewidmet.

Stumme Zeitzeugen

Brunnen Sie schmücken zentrale Plätze, laden mit Sitzgelegenheiten zum Verweilen ein und symbolisieren mit ihrem sprudelnden Wasser das Leben schlechthin. Dazu stehen sie meist für Geschichte und Geschichten im Ort. Wenn sie könnten, hätten die stummen Zeitzeugen aus Bronze und Stein sicher Erstaunliches zu erzählen.

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