Moment mal Siegel als neuer Ablasshandel

Sorglos trinken: Fairer Kaffee soll Menschen für ihre Arbeit ausreichend entlohnen.
Sorglos trinken: Fairer Kaffee soll Menschen für ihre Arbeit ausreichend entlohnen. © Foto: dpa/Bernd Weissbrod
Alb-Donau-Kreis / Jan-Henrik Hnida 18.05.2018

Ob Fairtrade, MSC oder Bio – fand man derartige Siegel für Nahrungsmittel bis vor zehn Jahren nur in Öko- oder Weltläden, bevölkern sie heutzutage ganze Supermarktregale. Ob Schokolade, Kakao, Bananen oder Rosen: Wir Deutschen kaufen immer mehr Produkte, die die Einkommen von Kleinbauern auf der Südhalbkugel aufbessern sollen. Allein der Umsatz mit „Fairtrade“ wuchs 2017 auf 1,33 Milliarden Euro.

Doch was steckt dahinter? Glauben wir im Ernst, mit dem Einkauf einer drei Euro teuren Schokolade die Welt ein Stück besser zu machen? Oder wollen wir nur unser schlechtes Gewissen beruhigen, da wir durch unsere vernetzte Welt genau wissen, unter welch miserablen Arbeitsbedingungen für unser Wohlbefinden gesorgt wird? Frei nach dem Motto aus lutherischen Zeiten: Wenn der Euro in Entwicklungsländern klingt, die Seele in den Genusshimmel springt.

Kulturpessimist! – mögen jetzt viele denken – oder: Besser als nichts zu tun. Richtig. Unser Bewusstsein für fairere Löhne wurde geschärft. Nur leider ohne gravierende Auswirkungen: Weltweit sind nach wie vor Kleinbauern in ihrer Existenz bedroht. Genauso fraglich ist, wie bio wirklich Bananen diverser Discounter sind. Oder wie artgerecht der Thunfisch aus der Dose mit MSC-Siegel gefangen wurde. Meistens unterliegt die Massenherstellung dem Profit – und weniger Menschen- und Tierwohl.

Mit Trinkhalmen kann man übrigens auch sein Gewissen befreien. Statt den schwer abbaubaren Plastikhalmen, soll der Natur nun mit Müll aus „nachwachsenden Rohstoffen“ etwas Gutes getan werden. Designte Strohhalme also. Nur muss man dabei aufpassen, dass nicht Cola mit Glyphosat-Zusatz geschlürft wird. Nur Bio-Trinkhalme ermöglichen unbeschwerten Trinkgenuss.

Oder mal wieder für zehn Euro am Wochenende nach Barcelona geflogen? Kein Problem, ein Euro ist sicher für die Aufforstung des Regenwalds. Oder doch lieber kistenweise Bier gegen die Abholzung trinken? Ein Euro hier, fünfzig Cent da: Ablass tut dem Portemonnaie nur wenig weh – und dem Gewissen gut …