Alb-Donau-Kreis / THOMAS STEIBADLER  Uhr
Für 35 Euro soll ein Mann bei einem Dealer Marihuana bestellt haben. Monate später steht die Polizei plötzlich am Bett der Eltern des 27-Jährigen - die erheben nun schwere Vorwürfe gegen die Ermittler. Ein Protokoll.

Fünf oder sechs Polizisten in Uniform und ein junger Mann in Zivil stehen am 6. Februar morgens kurz vor 6 Uhr im Schlafzimmer des Ehepaars. Hausdurchsuchung. Ziel der Aktion sei der 27-Jährige Sohn, wegen eines Drogendelikts, teilt einer der Beamten den erschrockenen Eheleuten mit. Ob sie sich anziehen möchten, werden der 56-Jährige und seine ein Jahr jüngere Frau gefragt. Das ist aber nur in Anwesenheit der Polizisten möglich, die Eheleute könnten ja Beweismittel verschwinden lassen. Als die Ermittler erfahren, dass der Sohn schon drei Wochen zuvor ausgezogen ist, scheinen sie überrascht und beenden die Aktion.

Vorgeschichte: Am 20. August 2013 kontrolliert die Polizei einen Verdächtigen und stellt dessen Handy sicher. Die Ermittler finden eine Textbotschaft, die wohl von dem 27-Jährigen aus dem Alb-Donau-Kreis stammt. Beim Empfänger der Nachricht soll er sich für 35 Euro Marihuana bestellt haben. Für diesen Betrag dürften drei bis fünf Gramm des Rauschmittels zu bekommen sein.

Verfahren: Die Ermittlungen gegen den 27-Jährigen ziehen sich hin. Erst am 19. November 2013 erlässt das Amtsgericht Ulm auf Antrag der Staatsanwaltschaft einen Beschluss: Wegen Vergehens nach dem Betäubungsmittelgesetz soll bei dem Verdächtigen nach "Betäubungsmitteln, Gegenständen zu deren Aufbereitung und Konsum sowie schriftlichen Unterlagen über den Erwerb von Betäubungsmitteln" gesucht werden. "Die Durchsuchung der Person, der Wohnung mit Nebenräumen, der Geschäftsräume mit Nebenräumen und der Fahrzeuge" stehe "in angemessenem Verhältnis zur Schwere der Tat und zur Stärke des Tatverdachts" und sei "für die Ermittlungen notwendig." So dringend scheint der Verdacht gegen den 27-Jährigen, der nach Kenntnis seiner Eltern bis dahin in keiner Polizei-Akte aufgetaucht war, aber nicht zu sein. Bis zur Umsetzung des Beschlusses lassen sich die Ermittler fast drei Monate Zeit. Dass der Mann laut elektronischem Melderegister bereits seit dem 20. Januar 2014 an seinem neuen Wohnort gemeldet ist, scheint ihnen entgangen zu sein. Am 7. April, zwei Monate nach der Hausdurchsuchung, stellt die Staatsanwaltschaft Ulm das Ermittlungsverfahren ein. Ihr Sohn sei zu den Vorwürfen nie befragt worden, sagen die Eltern.

Widersprüche: Wie kommen ein halbes Dutzend Polizisten, begleitet von einem Mitarbeiter der Gemeinde, mehr oder weniger lautlos und unbemerkt ins Haus? Die Tür sei nur angelehnt gewesen, teilen die Staatsanwaltschaft und das Polizeipräsidium Ulm nach Rücksprache mit den beteiligten Beamten dem Ehepaar mit. Vor Betreten des Hauses hätten sich die Einsatzkräfte mit dem Ruf "Polizei" zu erkennen gegeben, heißt es im Schreiben des Präsidiums. In der Stellungnahme der Staatsanwaltschaft heißt es zudem, die Türklingel sei defekt gewesen und im Eingangsflur habe Licht gebrannt. Laut dieser Version sind die Beamten zuerst ins Haus gegangen und haben dann gerufen. Weder sie selbst noch der jüngere Sohn, dessen Zimmer sich im Erdgeschoss befindet, hätten etwas gehört, sagen die Eheleute. Erst als ihm die Beamten mit der Taschenlampe ins Gesicht leuchteten, sei der Sohn aufgewacht.

Vermutung: Eingangstür angelehnt, Klingel kaputt - die Hauseigentümer können sich das nicht erklären. Ebensowenig die Aufbruchspuren an der Tür. Es sei denn, dass sich die Polizisten gewaltsam Zutritt verschafften. Staatsanwaltschaft und Polizeipräsidium verneinen. "Anhaltspunkte dafür, dass die von Ihnen beschriebene Beschädigung an der Gebäudetüre auf ein gewaltsames Eindringen der Polizeibeamten zurückzuführen sei, ergeben sich aus der Akte nicht", heißt es von der Staatsanwaltschaft. Und vom Präsidium: Nach übereinstimmenden Angaben der Beamten sei die Eingangstüre "nicht von diesen gewaltsam geöffnet worden".

Rechtsverständnis: Um Einsicht in die Akten der Ermittler zu bekommen, hat das Ehepaar einen Rechtsanwalt beauftragt. Der sieht im Vorgehen der Polizei einen "Eingriff in die Grundrechte" seiner Mandanten. Die Darstellung der offenen Türe und der kaputten Klingel sei wohl eine Schutzbehauptung der Behörden nach einem missglückten und offenkundig überzogenen Einsatz. Von "Gefahr im Verzug", die ein solch massives Eindringen rechtfertigen würde, könne angesichts der viele Monate währenden Ermittlungen jedenfalls keine Rede sein: "Das Rechtsstaatverständnis wird auf den Kopf gestellt."

Folgen: "Es fiel mir schwer, mich zu konzentrieren, mein Körper vibrierte und immer wieder drängten sich mir die Bilder der uniformierten Beamten und die Bedrohung, die von ihnen ausging, auf." So beschreibt die Ehefrau ihren Zustand in den Stunden nach der Hausdurchsuchung. Heute sagt sie: "Was das psychisch bewirkt hat, kann man sich nicht vorstellen." Auf die Beschwerde des Ehepaars vom 21. Februar antwortet das Polizeipräsidium am 28. Mai: ". . .bitte entschuldigen Sie die späte Antwort auf ihr o.a. Schreiben." Im Schlusssatz heißt es, ein Fehlverhalten der am Einsatz beteiligten Beamten sei nicht festzustellen.