Kloster Seit 20 Jahren im Kloster: Schwester Michaela über ihren Weg zu Gott

"Gottes Zeichen sind überall", sagt Schwester Michaela. Mit 26 Jahren ist sie ins Kloster Brandenburg in Regglisweiler eingetreten. Sie hat diesen Schritt nie bereut.
"Gottes Zeichen sind überall", sagt Schwester Michaela. Mit 26 Jahren ist sie ins Kloster Brandenburg in Regglisweiler eingetreten. Sie hat diesen Schritt nie bereut. © Foto: DAVE STONIES
ADRIENNE BILITZA 25.10.2013
Michaela Mayer ist 26 Jahre alt, als sie ins Kloster Brandenburg in Regglisweiler eintritt. Das ist jetzt 20 Jahre her. Wie kommt eine junge Frau dazu, diesen Schritt zu wagen? Schwester Michaela erzählt.

Wenn Michaela Mayer von ihrem Weg ins Kloster erzählt, scheint es in manchen Momenten, als sei sie noch immer erstaunt darüber, dass sie tatsächlich hier in Ordenstracht am Tisch sitzt. "Ich habe immer gedacht, mich nimmt sowieso kein Kloster bei meiner Geschichte. Ich dachte, der Ruf gilt jemandem hinter mir."

Die 46-Jährige lebt seit 20 Jahren im Orden der Immakulata-Schwestern im Kloster Brandenburg. "Nennen Sie mich einfach Schwester Michaela", sagt sie. "Auf ,Mayer reagiere ich gar nicht mehr." Schwester Michaela ist eine herzliche, offene Frau, die locker und gelöst aus ihrem Leben erzählt. Vieles von dem, was ihr im Laufe der Jahre passiert ist, könnte man als Zufall bezeichnen. Zufälle? "Gottes Zeichen sind überall", sagt sie.

Die Österreicherin wächst in einer traditionell gläubigen Familie in Vorarlberg auf und bekommt besonders von ihrer Mutter den katholischen Glauben vermittelt. "Es war bei uns in der Familie völlig normal, dass gebetet wurde. Glaube und Alltag waren eine Einheit." Für Michaela ändert sich das, als sie in die Pubertät kommt. "Ich denke, es ist normal, dass man als Jugendliche bestimmte Dinge hinterfragt. Und ich dachte, man könnte freier leben ohne Glauben." Sie lächelt. "Ich bin damals nur deshalb nicht aus der Kirche ausgetreten, weil ich wusste, dass meine Mutter das nicht verkraften würde." Nach einem Streit in der Familie zieht Michaela 17-jährig von zu Hause aus. "Das war natürlich ein Knaller", sagt sie. "Ich dachte, ,Jetzt bin ich frei und niemandem eine Rechenschaft schuldig." Sie stürzt sich in ihre berufliche Karriere, hat Beziehungen, heiratet sogar und lässt sich wieder scheiden. "Das hat mich sehr erschüttert", sagt sie. "Wer denkt schon daran, mit 21 dazustehen und geschieden zu sein?"

Hat sie damals schon den Wunsch nach dem Ordensleben in sich gespürt? Was bringt eine moderne junge Frau dazu, ihr Leben langsam so zu verändern, bis ihr der Eintritt ins Kloster als das Richtige erscheint?

Egal, was sie gemacht habe, sie habe immer ein Loch in ihrem Inneren gespürt, das sie nicht füllen konnte, versucht Schwester Michaela zu erklären. "Ich hatte Beziehungen, ich hatte beruflichen Erfolg, aber es genügte mir nicht." Erst viel später habe sie sich wie in einem Flashback daran erinnert, als Kind etwas erlebt zu haben, was sie als Begegnung mit Gott beschreibt.

Schließlich steht Michaela wieder vor der Tür ihrer Eltern. "Ich wollte mich beruflich verändern", sagt sie. Sie sucht sich eine neue Arbeitsstelle und zieht wieder zu Hause ein. ",Aber lass mich bloß mit der Kirche in Ruhe! habe ich damals gleich zu meiner Mutter gesagt", erzählt sie. Da ist es wieder, dieses kurze glückliche Aufblitzen, die Verblüffung darüber, wohin das Leben sie doch geführt hat. Vieles von dem, was Schwester Michaela erzählt, klingt nach Sträuben gegen etwas, gegen das man nicht ankommt. Dieses etwas, ist das der Ruf Gottes? Schwester Michaela überlegt. "Der Ruf ist ein Geschenk, eine Herausforderung, etwas Unfassbares. Es ist eine große Gnade, etwas, wofür ich keine Vorleistung erbracht habe. Es ist ein Geheimnis: Gott ruft einen Menschen."

Über ihre neue Arbeit als Sekretärin im Elektrogroßhandel lernt Michaela gläubige Christen kennen und wird in den Bibelkreis eingeladen. "Eigentlich bin ich nur dorthin gegangen, um meinen neuen Bekannten zu gefallen", sagt sie. Einer von ihnen habe ihr schließlich die Heilige Messe erklärt - und ein Gedanke sie seither nicht mehr losgelassen: "Entweder die Katholiken spinnen alle oder es gibt Gott wirklich. Und wenn Gott wirklich da ist und ich so lebe, als gäbe es ihn nicht, dann spinne ich."

In der Dorfkirche und auf einer Wallfahrt nach Lourdes setzt sie sich mit dieser Überlegung auseinander. Der Gedanke, ins Kloster zu gehen, habe sie dann kurze Zeit später getroffen, "wie ein Schalter, der plötzlich umgelegt wird. Ich habe das aber weggeschoben. Ich war erschrocken!" Über eine Bekannte lernt sie das Kloster Brandenburg kennen, kommt als Exerzitiengast, bleibt im "Kloster auf Zeit", bis sie eines Morgens aufwacht, weint und nicht mehr aufhören kann. "Ich bin in die Kirche, habe gebetet, und so etwas wie eine Stimme vernommen: Hier ist dein Platz. Doch wie soll ich das leben?, habe ich mich gefragt", erzählt die Schwester. "Wie soll ich Keuschheit leben? Das kann ich nicht!" Sie habe jedoch letzten Endes auf Gottes Beistand vertraut und sich im Kloster angemeldet. Michaela verspürt große Freude und Frieden wie noch nie zuvor. Auf die Frage ihres Vaters, ob sie sich diesen Schritt "mit ihrer Geschichte" wirklich zutraut, antwortet sie: "Gott wird schon wissen, wen er da ruft, deshalb kann ich es wagen."

Und heute? "Es ist bis heute nicht immer einfach, ich hatte viele schwierige Zeiten hier", sagt sie. Bereut habe sie ihren Schritt nie. Was ist mit Familie, Freunden, Liebe, Sexualität? Vermisst sie all das? "Wissen Sie, alles, von dem ich dachte, ich würde es vermissen, habe ich hundertfach zurückbekommen. Es gibt eine Liebesbeziehung zu Gott, die viel größer ist", antwortet sie.

Und wie war das jetzt mit den Zufällen und den Zeichen? Schwester Michaela lacht. "Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich bin ja patriotische Österreicherin und da komme ich hierher nach Dietenheim und was sehe ich? Im Dietenheimer Wappen ist das Rot-Weiß der österreichischen Flagge enthalten. Das Gebiet hier war ja mal Vorderösterreich. Das ist für mich der Humor Gottes." Wer mag da noch an Zufälle glauben.