Transformation Wirtschaft konkret: Sein oder Nichtsein

Langenau / Regina Frank 09.08.2018

Wir denken tagtäglich über neue Produkte nach.“ Wir, das sind nicht nur die Geschäftsführer des Tankbauers Lindner und Fischer. Wir, das sind die Karosserie- und Fahrzeugbauer, die Mechatroniker, die Elektriker und die Landmaschinenmechaniker, die in dem mittelständischen Betrieb arbeiten. Und nicht zuletzt die Kunden: die Mineralölhändler. Über Vorschläge wird in dem Langenauer Betrieb offen diskutiert. „Auch wenn eine Idee abwegig klingt, es ist wert, darüber nachzudenken“, sagt Stefan Lindner, Assistent der Geschäftsleitung und Sohn von Geschäftsführer Alfred Lindner. Es herrscht eine offene Unternehmenskultur – sie ist Grundlage für einen offensiven Umgang mit der Transformation in der Branche. Dem Technologie-Wandel, der mit der Abkehr vom Öl als einem der wichtigsten Energieträger einhergeht und unter dem Namen Energie-Wende in aller Munde ist.

Wohin dieser Übergang führt, zeigt sich mitunter schon recht konkret, wenn auch im Moment vor manchem Szenario noch ein großes Fragezeichen steht. Ein bereits erkennbarer Ausdruck des Wandels ist die Entwicklung, die die Kundschaft von Lindner und Fischer nimmt: vom klassischen Mineralölhändler hin zum Energiehändler. Ölheizungen werden immer effizienter, der Verbrauch sinkt. Gut für die Umwelt, schlecht für den Händler. Unterdessen gewannen Holzpellets an Bedeutung. Der Langenauer Tankhersteller hat deshalb beizeiten Silofahrzeuge für die Anlieferung solcher Pellets entwickelt. Nach dem Motto: „Was braucht unser Kunde, damit er weiter   Kunde bleibt?“ (Lindner) Transformation heißt hier: Der Betrieb entwickelt sich mit den Bedürfnissen der Kunden weiter.

Das funktioniert, weil ohnehin jeder Tank aus der Langenauer Produktion ein Unikat ist. Jeder Behälter ist anders, auch wenn die allermeisten davon für den Transport von Heizöl, Diesel oder Benzin gebaut werden. Fast alles ist Handarbeit. In der Produktion gibt es nur zwei Maschinen: eine Kantbank und eine Brennschneidanlage. Nicht einmal die Walze wird automatisch gesteuert, sondern von Hand. Die so genannte Fertigungstiefe ist extrem: Die Firma baut aus einfachen Blechen komplette Fahrzeug-Aufbauten und Anhänger. So ist es ihr sogar möglich heute einen Tank für Flüssig-Schokolade herzustellen, der beheizbar sein muss. Und morgen einen Tank für Blutplasma, der leicht zu reinigen ist. Und übermorgen einen Behälter für Sprengstoffbestandteile, der viele verschiedene Spezialkammern  hat. Mit Spezialaufträgen wie diesen sammelt die Firma Erfahrungen. Erfahrungen, die weitere Innovationen befördern.

In die Entwicklung der Silotechnik hat das Unternehmen 1,5 Millionen Euro gesteckt, ein nicht unerheblicher Betrag für einen Mittelständler, sagt Stefan Lindner. Es ist ein großer Unterschied, ob flüssiges Material wie Öl oder festes und obendrein empfindliches Material wie Holzpellets in einem Tank transportiert werden. Das eine erfordert ganz andere technische Lösungen als das andere. Zuerst dachten die Tankbauer, drucklose Behälter wären nicht schlecht, um die gepressten Holzschnitzel und -späne so gut wie möglich zu schonen. Es zeigte sich jedoch, dass man sie ganz ohne Druck nicht überall hin abladen kann – jedenfalls nicht auf einen Dachboden. Eine zweite Generation von Silotanks wurde entwickelt: Sie funktioniert mit leichtem Druck im Behälter und Förderluft in einem Rohr. Es dauerte fast drei Jahre, bis die Entwicklung stand. Das hat auch damit zu tun, dass sie neben dem Tagesgeschäft herläuft; der Mittelständler hat keine eigene Entwicklungsabteilung.

Es gibt nur noch vier Tankwagen-Hersteller in Deutschland. Linder und Fischer ist – gemessen an der Stückzahl (120 bis 150 Aufbauten und Anhänger im Inland und mehr als 300 für den Export) – der größte und der einzige, der auch Silofahrzeuge baut.

Die Energiewende – für Tankhersteller ist das eine Frage von Sein oder Nichtsein, sagt Lindner und schiebt nach: Das sei natürlich sehr zugespitzt. Der Mittelständler beschäftigt 100 Mitarbeiter am Hauptsitz in Langenau, weitere 30 an seinen Niederlassungen Seefeld und Bad Fallingbostel. Der Umsatz lag eigenen Angaben nach 2016 bei 31 Millionen Euro, 2017 etwas darunter.

Flüssige Energieträger      

Zur Transformation gehört für das Langenauer Unternehmen auch, einen kühlen Kopf zu bewahren. Stefan Lindner steht in engem Kontakt zu dem Bundesverband mittelständischer Mineralölunternehmen namens Uniti und dessen Regionalleiter Markus Brunner. Der ist überzeugt: Mit Elektro-Antrieben allein lässt sich die Energiewende nicht bewerkstelligen, auch wenn sie die Debatte dominieren. Es wird immer flüssige Energieträger geben, sagt der Verbandsvertreter. Beispiel: E-Fuels. Kraft- und Brennstoffe, hergestellt aus CO2 und Wasser. Sie werden in den letzten Winkel des Landes  hinein nicht durch Leitungen fließen, sondern dorthin transportiert werden müssen – und zwar in Tanks.

E-Fuels funktionieren zudem mit den herkömmlichen Tankbehältern und der vorhandenen Infrastruktur. Die Technologie wäre 1:1 umsetzbar, ist aber noch lange nicht verfügbar. Lindner ist allerdings nicht bange: „Um unsere Existenz habe ich keine Angst. Die aktuelle E-Fuels-Diskussion entwickelt sich in eine Richtung, die für uns gut ist.“

Wlexikon

Definition Transformation bedeutet, dass sich ein Betrieb auf neue äußere Rahmenbedingungen einstellt und einlässt – also eine Wende. Der Betrieb verändert sein bisheriges Geschäftskonzept, sein Angebot, seine Lieferanten, seine Kunden.
(Quelle: Handwerkskammer Ulm)

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