Mobilität Segen und Fluch zugleich

Bürgermeister Daniel Salemi (rechts) und die Gemeinderatsmitglieder waren beeindruckt von der Stadtbegehung. Helga Mack (CDU) ließ sich von Roland Riedlinger (GUL) schwungvoll eine Rampe bei der Metzgerei Holz hochschieben.
Bürgermeister Daniel Salemi (rechts) und die Gemeinderatsmitglieder waren beeindruckt von der Stadtbegehung. Helga Mack (CDU) ließ sich von Roland Riedlinger (GUL) schwungvoll eine Rampe bei der Metzgerei Holz hochschieben. © Foto: Oliver Heider
Oliver Heider 16.06.2018

Bürgermeister Daniel Salemi ist nach fast zwei Stunden beeindruckt: „Vielen Dank, dass wir einen Blick in Ihre Welt nehmen durften“, sagt er und verspricht, dass die Stadt bei Neubau-Maßnahmen auf die Belange der Bürger mit Behinderung achten wolle. „Auch bei den Hauptverkehrswegen werden wir was tun.“ Etwa taktile Leitstreifen am Boden anbringen und „Auswaschungen“ am Randstein „wieder hoch holen“.

Geschärft hat seinen Blick eine Stadtbegehung mit sehbehinderten und körperlich eingeschränkten Menschen sowie Gemeinderatsmitgliedern. „Darauf haben wir seit 2011 gewartet“, erklärt Thomas Geltinger von der Initiative „Blickwinkel Inklusion“. Er und seine Mitstreiter sind dankbar, dass sich Politik und Verwaltung ihrer Probleme annehmen.

Unterschiedliche Anforderungen

Und die unterscheiden sich, wie Gertrud Vaas, Bezirksgruppenleiterin Alb-Donau-Riss im Blinden- und Sehbehindertenverband Württemberg, weiß. Komplett abgesenkte Bordsteine seien für Rollstuhlfahrer ein Segen, für Sehbehinderte ein Fluch. „Wir brauchen die Kanten zur Orientierung“, erklärt die Frau, die seit 35 Jahren nichts mehr sieht. Sonst stehe ein Blinder plötzlich auf der Straße, ohne es zu merken.

Einen Kompromiss-Vorschlag  hat Mobilitätstrainer Stephan Drechsel (siehe Infokasten): Der Bordstein könne auf einer Breite von einem Meter komplett abgesenkt werden, wenn davor Bodenindikatoren eingebaut werden. Taktile Leitlinien wären laut Drechsel auch an der Rathaus-Ampel sinnvoll. Ansonsten gehe ein Blinder schlichtweg an der Ampel vorbei. Neu-Ulm sei da vorbildlich. Drechsel: „Kleine Kommunen bauen hingegen meist so, wie sie denken, dass es passt.“

An der Rathaus-Ampel in Langenau setzt sich der Tross Richtung Bahnhof in Bewegung und merkt kurz darauf, dass gut gemeint nicht immer gut gemacht ist. Beispiel: die Rampe der Metzgerei Holz. „Ganz schön steil“, sagt Vaas. Das erlebt Helga Mack (CDU), die sich im Rollstuhl vom Ratskollegen Roland Riedlinger (GUL) nach oben schieben lässt – was anstrengend aussieht. „Es ist ein sehr beklemmendes Gefühl in einem Rollstuhl“, sagt Mack. Etwa dann, wenn eine Regenrinne in der Bahnhofstraße zum unüberwindbaren Hindernis wird.

Auch der Rathauschef schnuppert in die Welt der behinderten Menschen: Mal schiebt er einen Rollator, mal tastet er sich per Blindenstock voran. Im öffentlichen Raum, sagt er, müsse die Stadt tätig werden – anders als auf Privatgelände. Wie im steinigen Biergarten am Bahnhof, in den Rollstuhlfahrer nur mit Mühe kommen. Wirt Ibrahim „Hans“ Oguz verspricht, einen Teil der Fläche zu befestigen.

Das nimmt Geltinger wohlwollend zur Kenntnis. Deutschland sei „ein Entwicklungsland“ was Barrierefreiheit angeht. Doch Langenau habe schon viel getan: „Rathaus, Pfleghof, Gesundheitszentrum – alle haben einen Aufzug.“ Auch Geschäfte machten sich Gedanken. Einzig: „Es gibt Berührungsängste.“ Gesunde wollten aus Scham nicht fragen – und behinderte Menschen seien meist introvertiert. Nun hofft Geltinger, dass die Begehung in Verbesserungen mündet – und auch Sehbehinderte profitieren.

Freiberuflicher Mobilitätstrainer

Job Stephan Drechsel aus Herbrechtingen ist freiberuflicher Mobilitätstrainer. Er hat eigenen Angaben zufolge derzeit zwei Klienten in Langenau: einen 15-jährigen Jugendlichen und eine Seniorin um die 70. Meist kümmere er sich 40 bis 60 Stunden um blinde und sehbehinderte Menschen, bis diese sich dann alleine zurecht fänden. Weitere Informationen gibt es unter www.rehalehrer.de.

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