Dieser Satz lässt Andreas Butzmann nicht mehr los. „Ich weiß nicht, wie ich Ihnen helfen kann“, sagt der Notarzt zu dem 31-Jährigen. Stundenlang hatte dieser sich zuvor übergeben müssen, seine verzweifelte Mutter irgendwann die 110 gewählt. Andreas Butzmann ist entkräftet. Er hat starke Schmerzen, liegt in einem Krankenwagen, der ihn in die Weißenhorner Stiftungsklinik fährt. Einige Monate sind seitdem vergangen.

Der schmale Mann aus dem Pfaffenhofener Ortsteil Beuren ist schwer krank. Er leidet er an hereditärer Neuropathie, kurz HNPP. Einem seltenen Gendefekt, der zur Schädigung der Nervenbahnen und damit zu einer Lähmung von Armen und Beinen sowie Empfindungsstörungen führt. Und Schmerzen verursacht, die Betroffenen das Leben zur Hölle machen.

„Das einzige, was mir hilft, ist Cannabis“, sagt Andreas Butzmann. Er hat Marihuana selbst angebaut und nun Ärger mit Polizei und Justiz. Kürzlich haben Beamte seine Wohnung durchsucht, einige Hanfpflanzen und rund 200 Gramm Marihuana beschlagnahmt, Ermittlungen eingeleitet – wegen Drogenbesitzes in nicht geringer Menge. Ein Verbrechenstatbestand, sagt Butzmanns Strafverteidiger Ingo Hoffmann. Er geht davon aus, dass sich sein Mandant demnächst vor Gericht verantworten muss. Hofmann weiß: Im Falle einer Verurteilung droht dem 31-Jährigen eine Haftstrafe (siehe Info-Kasten).

Die will der Anwalt verhindern. Sein Mandant habe Marihuana ausschließlich zum Eigenkonsum und aus medizinischen Gründen angebaut. „Deshalb verbietet sich nach meiner Meinung in diesem Fall eine strafrechtliche Verurteilung.“

Butzmann ist einer von 380 Patienten in Deutschland, die eine Erlaubnis für den Erwerb von Marihuana-Produkten in der Apotheke haben, ausgestellt vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn. Der Erwerb von Cannabis in der Apotheke aber ist teuer und manchmal wegen Lieferschwierigkeiten nicht möglich, sagt der 31-Jährige. Ein Fünf-Gramm-Döschen etwa kostet 75 Euro. Butzmann benötigt 80 Gramm pro Monat, muss also 1200 Euro aufbringen, um ein halbwegs schmerzfreies Leben zu führen. Die Krankenkasse zahlt nichts.

Der Pfaffenhofener ist auf die Unterstützung seiner Mutter angewiesen. Aber auch deren Geldreserven seien endlich. Deshalb hat Butzmann eigenen Angaben zufolge begonnen, Cannabis anzubauen. Obwohl er weiß, dass dies verboten ist. „Ich habe aber keine andere Wahl“, sagt der Pfaffenhofener. Er kämpft dafür, eine Erlaubnis für den Eigenanbau zu erhalten, hat in dieser Sache einen Anwalt aus Hamburg mit der Wahrung seiner Interessen beauftragt. „Ich möchte, dass sich unser Staat endlich bewegt. Derzeit werden Kranke wie ich in die Illegalität getrieben.“

Rückblick: Andreas Butzmann ist Anfang 20. Er absolviert eine Lehre als Lebensmitteltechniker, als Arme und Beine taub werden, sich HNPP das erste Mal bemerkbar macht. Inzwischen sind zehn Jahre vergangen, die Krankheit ist fortgeschritten, Butzmann arbeitsunfähig und Frührentner. HNPP gilt als unheilbar. „Ich habe Angst, irgendwann nicht mehr laufen zu können.“

Mit seiner Krankheit hat er sich abgefunden, nicht aber mit den Schmerzen, die mit ihr einhergehen und sich wie Stromstöße anfühlen. Um die Schmerzen zu bekämpfen, hat Andreas Butzmann alles probiert, wie er sagt, zuletzt immer wieder Morphium-Pflaster verschrieben bekommen, die er aber nicht verträgt. „Morphium macht mich fertig“, sagt der 31-Jährige und berichtet über qualvolle Stunden, in denen er sich pausenlos übergibt, Wochen, in denen er abmagert, kaum noch etwas isst, wenig schläft, einen Kreislaufzusammenbruch erleidet. Der 1,83-Meter-Mann wiegt da nur noch 58 Kilo. „Ich war am Ende.“

Wie an jenem Tag, als er im Krankenwagen liegt, der Notarzt ratlos ist. Drei Tage verbringt Butzmann anschließend in der Weißenhorner Klinik. Dann wird er entlassen. Besser geht es ihm erst, als er wieder regelmäßig Cannabis konsumiert. „Dann brauche ich kein Morphium“, sagt der Pfaffenhofener. Die Schmerzen seien erträglicher, der Appetit wieder vorhanden und damit auch das Gefühl, dass es sich wieder lohne, morgens aufzustehen und seinen Hund Mo auszuführen.

Christian Eckel, Sprecher des zuständigen Polizeipräsidiums in Kempten, nimmt die Drogenfahnder in Schutz. Diese könnten auf das persönliche Schicksal des Beschuldigten keine Rücksicht nehmen. „Der Anbau ist nun einmal verboten“, sagt Eckel, räumt aber ein: „Das ist ein menschlich schwieriger Fall“. Anwalt Ingo Hoffmann spricht von besonderen Umständen, die den Drogenanbau in diesem Fall rechtfertigen. Für Andreas Butzmann stehe einiges auf dem Spiel. Eine Verurteilung seines Mandaten mag sich Hoffmann nicht vorstellen. „Das wäre schlimm.“

Regierung plant Erleichterungen für Schwerkranke

Strafe In Deutschland ist der Anbau und Besitz von Cannabis illegal. Laut Betäubungsmittelgesetz wird mit einer Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft, wer Drogen in nicht geringer Menge besitzt, anbaut oder mit ihnen Handel treibt. Cannabis ist die am häufigsten konsumierte Droge in Deutschland. Es dient aber auch als Basis für Medikamente. Den beiden Hauptwirkstoffen Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) wird eine krampflösende und schmerzlindernde Wirkung zugeschrieben. Die Bundesregierung plant, Schwerkranken von 2016 an einen leichteren Zugang zu Cannabis zu ermöglichen. Die Kosten sollen die Krankenkassen übernehmen.

Urteil 2013 hat das Verwaltungsgericht Köln drei chronischen Schmerzpatienten erlaubt, als „Notlösung“ in ihren Wohnungen Cannabis anzubauen. Gegen das Urteil wurde Berufung eingelegt. Es ist noch nicht rechtskräftig.