Nellingen Schnörkellose, edle Dirndl aus Nellingen

Nellingen / ISABELLA HAFNER 03.10.2013
Zurückhaltende Dirndl aus Naturstoffen, die in Bayern genäht werden, designen die Schwestern Sarah Panteleev und Eva Maria Bührle in Nellingen. „Der Ochse“ ist mittlerweile eine Marke geworden.

Als der Schneider das „Ur-Dirndl“ sieht, sagt er nur: „Das kriegt ihr nie los.“ Das war 2006. Sarah Panteleev, 42, und ihre Schwester Eva Maria Bührle, 49, hatten ihm ihren Entwurf gezeigt; dieses Dirndl sollte er nähen, damit sollte ihre Firma „Der Ochse“ starten. Es bestand aus einem schwarzen Mieder, einem erdfarbenen Rock und einer grauen Schürze. Schlichter geht’s kaum. Selbst die vielen bei solchen Kleidern üblichen Abnäher sollten reduziert und nach innen verlagert werden. „Wir wollten ein Dirndl, das eher aus dem Alltag, der Arbeitsecke kommt, und in dem sich die Kundinnen nicht verkleidet vorkommen“, erklärt die jüngere Schwester Sarah Panteleev. Worüber viele Kundinnen, die nicht nur aus Süddeutschland, Österreich und der Schweiz, sondern auch aus Bremen, Berlin und Norwegen kommen, tatsächlich froh seien.

Wichtig war den Designerinnen, dass die Kleider ein langes Leben haben. Deshalb sahen sie Naturmaterialien wie Leinen und Baumwolle vor. Zurückhaltung sollte in der Farbpalette geboten sein: Bergblau, Ocker, Terra, Indigo, Cassis, Marmor, Kalkweiß. Logisch, dass traditionelle Rüschenblusen nicht in Frage kamen. Stattdessen weiße, feine Shirts. Strickjacken kann man dazu kaufen. Einige bestehen aus Wolle des gefährdeten Steinschafs, das eine Schäferin in der Nähe von Bad Boll hält.

Kennt man die Biografie der Chefinnen der Zwei-Frau-Firma, ist das Produkt „Dirndl“ erst einmal nicht naheliegend. Sie sind in ihrer Kindheit oft umgezogen, stammen aus einer Diplomatenfamilie, lebten unter anderem in Frankreich, Iran, Kenia. Die Ältere studierte Landwirtschaft und heiratete nach Nellingen in eine Nebenerwerbslandwirtschaft. Die Jüngere studierte in Wien Produktdesign, arbeitete in Architekturbüros und lebt nun mit Tochter und Mann in Berlin. Alle zehn Tage etwa pendelt sie von der Hauptstadt in das Albdorf. Sarah Panteleev sagt zur Idee, sich auf Dirndl zu spezialisieren: „Ich war immer auf der Suche nach etwas, das es nicht gibt.“ Dirndl gibt es jede Menge. „Ja, aber die Traditionellen waren mir zu lieblich.“ Ihre Schwester war sofort dabei.

Das passende Label war schnell gefunden. Dem Großvater von Eva Marias Bührles Mann gehörte einst das Gasthaus Ochsen in Nellingen. Seit dreißig Jahren steht der leer, ist baufällig. Panteleev erzählt: „Wir fanden dort eine Suppenschüssel mit einem Ochsenkopf drauf. Seitdem sind wir ’Der Ochse’.“ Dort entstehen auch die Entwürfe für die Dirndl. Nun wird das denkmalgeschützte Gebäude mit Fachwerk aus dem Jahr 1742 saniert. Nächstes Jahr soll der Verkaufsraum dort einziehen, momentan ist der noch in einem schmucklosen Raum in der Sonnenbergstraße.

Genäht wird nicht in Nellingen. Das haben die Schwestern ins benachbarte Bayern ausgelagert. Zu Experten, einem Trachtenschneider und seinen etwa zehn Mitarbeiterinnen. Wo und wie viele Dirndl im Jahr entstehen und verkauft werden, soll Betriebsgeheimnis bleiben. Die „Ochsendirndl“ haben sich mittlerweile einen Namen gemacht bei Kundinnen, die kein Dirndl von der Stange wollen. In Landmagazinen wird geworben, auf Märkten werden sie präsentiert. Langer Atem sei nötig gewesen: Etwa fünf Jahre habe es gedauert, bis das Geschäft lief.

Sarah Panteleev hat ihre Schürzenschleife mittig gebunden. Ob sie sich nicht entscheiden kann zwischen ledig oder verheiratet? Die Bindung sei ihr egal, sagt sie und lacht. Hochzeitsdirndl kreiert „Der Ochse“ übrigens auch.