Landleben Schmunzeln und Entsetzen im Stadelkino

Stadelkino in Bühlenhausen: Weitere Filme werden heute und morgen gezeigt.
Stadelkino in Bühlenhausen: Weitere Filme werden heute und morgen gezeigt. © Foto: Sabine Graser-Kühnle
Bühlenhausen / Sabine Graser-Kühnle 19.07.2018

Stadelkino: Das sind Filmvorführungen auf Großleinwand in einer Scheune, die Zuschauer sitzen auf Bierbänken und Strohballen, eingehüllt vom Duft von Heu und Stroh. Alljährlich laden die Evangelische Jugend auf dem Lande (EJL) und das Evangelische Bauernwerk dazu ein. Heuer kam das Stadelkino im Schuppen von  Mayers Milchhäusle in Bühlenhausen unter. Den Auftakt machte am Dienstag die Dokumentation „Das System Milch“ von Andreas Pichler.

Der Filmemacher ließ Landwirte, Industrielle, Politiker und Wissenschaftler zu Wort kommen. Vorgestellt wurden ein konventioneller Familienbetrieb im Schwabenland, wo in vierter Generation 250 Kühe gehalten werden, ein industrieller Betrieb in Dänemark mit 750 Kühen und zwölf Angestellten sowie ein Biohof im italienischen Südtirol.

Die Dokumentation über die unterschiedlichen Formen der Milchproduktion und die weltweite Vermarktung war völlig wertungsfrei, weil die Aussagen der Interviewpartner kommentarlos stehen blieben. Dennoch erregte der Film die Gemüter bei den Stadelkino-Besuchern. Bilder von bis zur Perversion hochgezüchteten Milchkühen mit zum Platzen gefüllten Eutern, knapp halb so groß wie der Tierkörper, ließen einige entsetzt aufstöhnen. Weitere unschöne Anblicke: Hunderte Kühe, eingesperrt in Futterraufen, die Hufe unterspült von Wasser, die Angestellte, die wie im Akkord die Melkmaschine an die Kuheuter anbringt, der „Scheißroboter“, der den Dung der Kühe permanent durch den Spaltenboden drückt. Dagegen die italienischen Biokühe, „glückliche Kühe“ wie aus dem Bilderbuch.

Einige der im Publikum sitzenden Landwirte fühlten sich angeprangert bei den Bildern aus der konventionellen Landwirtschaft. „Was erwarten die Leute, vieles ist uns vorgeschrieben und wir müssen von unserer Arbeit leben“, meinte einer in der Pause. Besucher versuchten sich an einer Ursachenfindung: Der Verbraucher ist schuld, die Politik, der Globalismus, der Kapitalismus. Auch die Folgen der weltweiten Milchvermarktung, etwa das Sterben der Kleinbauern in Afrika, die ihre Milch wegen der, unter anderem von der EU, subventionierten Milchimporte nicht mehr verkaufen können, stellte der Film drastisch dar. „Die subventionierten und aufgrund der Freihandelsabkommen unverzollten Produkte bringen uns dazu, aus unserer Heimat weg zu gehen“, benannte ein Molkereibetreiber ein großes Problem in seinem Land und spannte damit den Bogen zur aktuellen Flüchtlingsproblematik.

Trend zum Wachstum

Weder die Zucht von Hochleistungsmilchkühen, noch die Gülleproblematik fehlten im Film. Derweil gab es auch immer wieder etwas zu lachen, wenn auch meist unfreiwillig. Etwa, als der Biobauer, der den Hof von seinem Vater übernommen und zum Biohof umstrukturiert hatte, erläuterte, weshalb sein Konzept  das bessere ist: „Im Grunde liegen wir beide richtig, aber bei mir ist die Ökologie ein bisschen besser, deswegen ist mein Konzept richtiger.“ Oder, als ein großer holländischer Molkereikonzern seine neuesten Produkte vorstellte, mit denen er auf dem asiatischen Markt Spitzenabsätze erzielt: Babynahrung aus Milchpulver in meterlangen Regalreihen und Milchpulver als Superfood, freilich unterteilt in Altersgruppen, für 40-, 50- und über 60-Jährige. Heiterkeit und Entsetzen lagen da eng beieinander. „Mein Gott, was kommt da noch alles auf uns zu“, stöhnte eine Frau.

Michael Schradi von der EJL interviewte im Anschluss Manfred Notacker von den Milchwerken Schwaben. Unter anderem wurde er gefragt, ob das stete Wachstum für einen landwirtschaftlichen Betrieb tatsächlich  notwendig sei. Notacker blickte zurück, führte das große jährliche Sterben kleiner Betrieben an und untermauerte das mit Zahlen: Von 922 Lieferanten der Milchwerke Schwaben lieferten allein 60 große Betriebe die halbe Menge Milch. Sein Fazit, ohne Wachstum geht nichts: „Ob es in dem bisherigen Tempo weiter geht, weiß ich nicht, aber den Trend umdrehen, das geht nicht mehr.“

Info Heute geht es im Stadelkino weiter mit „Genkingen – ein schwäbisches Volksmärchen“ von Erol Papi und Valentin Kemmer. Die Filmemacher sind anwesend.  Zum Abschluss läuft morgen der Spielfilm „El Olivo – der Olivenbaum“. Die Kinonacht beginnt jeweils um 20.30 Uhr, der Eintritt ist frei.

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