Schelklingen Schmetterlingsforscher auf der Spur des Braunen Bären

Schelklingen / MICHAEL MAHLER 12.05.2015
Wenn Jäger nach Hause gehen und sich Fuchs und Hase "gute Nacht" sagen, bricht er in den Wald auf: Klaus Heinze hält Ausschau nach dem Braunen Bär.

Wenn Jäger nach Hause gehen und sich Fuchs und Hase "gute Nacht" sagen, bricht er in den Wald auf: Klaus Heinze hält Ausschau nach dem Braunen Bär. Der hat jedoch kein dickes Fell und stapft auch nicht knurrend durch die Nacht: "Der Braune Bär ist einer der schönsten Bärenfalter", erzählt Heinze. Seine dunklen Flügel schmückt ein weißes Netz. Wie die meisten Nachtfalter bleibt er tagsüber meist im Verborgenen.

Als Schmetterlingsforscher ist der 66-jährige Illertisser fasziniert von der Vielfalt der Falter: Kein Schmetterling gleicht dem anderen. Zurzeit ist Heinze den Nachtfaltern auf der Spur: "Man sieht ab und zu mal einen", sagt Heinze, "aber das ist ein großes Glück."

Um die seltenen Tiere zu finden, macht sich Heinze in der Saison zwischen März und November oft drei Mal in der Woche auf den Weg. Für seine Forschungen nimmt er pro Jahr hunderte Kilometer auf sich und fährt zu 30 bis 40 Orten: Vom Lonetal über das Pfaffenhausener Moos bis zum Achtal bei Schelklingen. Sobald es warm und windstill ist, keinen Regen und keinen Vollmond hat, hält ihn nichts mehr zuhause: "Wenn das Wetter mitspielt und es richtig dunkel wird, hab ich keine Ruh'", sagt er.

Um Mitternacht harrt der Schmetterlings-Liebhaber dann mehrere Stunden in einem Naturschutzgebiet aus. Um die Falter anzulocken, baut er ein Gestell mit einer Leinwand auf, wirft er ein Stromaggregat an und bestrahlt die Wand mit blauem UV-Licht. Manche Arten lockt er auch mit Bananen-Ködern oder den Pheromonen der Falterweibchen, die er selbst züchtet. Bis zu 300 Falter können pro Nacht aufkreuzen, darunter manchmal 100 verschiedene Arten. Jeden Monat kommt dabei Heinze eine andere Art unter die Augen. Er notiert dann Häufigkeit und Flugzeit der Falter. "Es wird nie langweilig", sagt er. "Die spannende Frage ist: Was kommt heute Nacht vorbei?"

Zurzeit fliegt etwa das Kleine Nachtpfauenauge, wobei dessen Männchen sogar nur am Tag zu beobachten sind. Die Geschlechter dieser Spinnerart sind sehr verschieden gefärbt. Nur das Männchen besitzt orange-braune Hinterflügel. Es lebt in Gebieten mit Schlehenhecken oder in Feuchtbiotopen. Wenn die Falter in den Vormittagsstunden aus ihrem Kokon geschlüpft sind, entwickeln sie innerhalb von zehn Minuten ihre Flügel. Dann beginnt für die Männchen das große Abenteuer: Sie müssen eine Partnerin finden. Bei Sonnenschein flattern sie in stürmischem Flug dahin und suchen mit ihren großen Fühlern nach Pheromonen, die unverpaarte Weibchen abgeben. Diese Sexuallockstoffe kann ein Männchen noch aus mehr als einem Kilometer Entfernung wahrnehmen, wie Heinze in Versuchen herausgefunden hat.

Hat das Männchen sie gefunden, geht es sogleich zur Sache. Die Verbindung kann fast eine Stunde dauern. Bereits ab der späten Dämmerung beginnt das Weibchen rund 160 Eier in mehreren Gruppen auf Zweigen abzulegen. Nach etwa zwei Wochen schlüpfen die Raupen. Die Art konnte Heinze bisher im Blautal bei Gerhausen, im Arnegger Ried, im Kleinen Lautertal, am Schmiechener See, im oberen Siegental bei Allmendingen, bei Berghülen sowie im Langenauer Ried nachweisen.

Der zimtbraune Nagelfleck ist eine weitere Spinnerart, die Heinze ebenfalls von Mitte April bis etwa Mitte Mai in fast allen Buchenwäldern des Alb-Donau-Kreises beobachtet hat. Die Männchen fliegen weniger stürmisch dahin wie die des Kleinen Nachtpfauenauges. Auch hier suchen die Männchen tagsüber bei sonnigem Wetter mit ihren großen Fühlern den Wald nach Weibchen ab. Doch ihr Liebesleben ist nur von kurzer Dauer, kaum geschlüpft und gepaart, sterben die Tiere. Der Grund: Wie auch das Nachtpfauenauge kann diese Spinner-Art keine Nahrung aufnehmen, da ihnen der Rüssel fehlt.

Mehr als 50 Jahre alt ist Heinzes Liebe zu den Schmetterlingen. Ein Schwalbenschwanz hatte dem 66-Jährigen als Jugendlicher den Kopf verdreht: "Von dem Anblick war ich angerührt und begeistert", erzählt er. Auch wenn der Naturfreund schon Vögel gezählt und Landschaften erkundet hat: "Der rote Faden meiner Forschungen waren immer die Schmetterlinge." Doch in den vergangenen Jahrzehnten geht die Vielfalt der Falter zurück: "Es gibt immer weniger unberührte Biotope", sagt Heinze. Lange waren auch die Straßenlaternen mit weißem Licht ein Problem für die Falter, die dann ein schnell gefundenes Fressen für Vögel waren.

Heinze möchte die Artenvielfalt der Schmetterlinge erhalten. Nächstes Jahr soll sein zweites Buch erscheinen: 300 Seiten über Nachtfalter in der Region. Seine Motivation dabei: "Ich will das Wissen über die Schönheiten unserer Naturschutzgebiete weitergeben."

Heimische Falter

Vielfalt 115 Tagfalter- und 119 Nachtfalter-Arten hat Klaus Heinze seit den 1960er in den Naturschutzgebieten der Kreise Alb-Donau, Neu-Ulm, Unterallgäu und Günzburg erforscht. Die seltensten Arten finden sich im Blautal und im Kleinen Lautertal.

Arten Heinze untersucht bei den Nachtfaltern drei Familien: Die Bärenfalter, deren Raupen behaart sind; die Schwärmer, die einen stachelähnliches Horn aufweisen, und die Spinner, die einen verkümmerten Rüssel haben.

 

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