Hobby Modellbauer Aichinger erzählt

Erbach / Von Teresa Lorenz 22.08.2018
Modellbauer Siegfried Aichinger stellt in der Erbacher Stadtbücherei aus und kennt die Geschichte zu jedem der Originale.

Für vieler Besucher der Erbacher Stadtbücherei ist Siegfried Aichinger kein Unbekannter. Immer wieder kommt jemand zur Tür herein, der ihn grüßt und ein paar Worte mit ihm wechselt. Aichinger sei „ein echter Künstler“ sagt ein Mann beim Betrachten der Schiffsmodelle im Schaufenster der Bücherei. Zu jedem seiner Modelle hat Aichinger eine Tafel mit Erläuterungstext platziert. Die Geschichte zum Schiff ist für den Erbacher genauso wichtig wie das Modell selbst.

Neun Modelle hat Siegfried Aichinger bisher gebaut. Diese vergleichsweise geringe Zahl erklärt sich durch die lange Bauzeit. An der „Prinz Eugen“, einem seiner Lieblingsmodelle, habe er zweieinhalb Jahre gebastelt. „Aber ich habe natürlich nicht jeden Tag daran gearbeitet, gesteht der 75-Jährige. Die originale „Prinz Eugen“ war ein deutscher Kreuzer, der nach dem Zweiten Weltkrieg der US-Marine als Versuchsobjekt diente: bei den Atombombentests am Bikini-Atoll.

Viel Zeit hat Aichinger auch in die „Golden Hind“ gesteckt. Mit diesem Schiff hatte Sir Francis Drake von 1577 bis 1580 als erster Engländer die Welt umsegelt. Und unterwegs ein spanisches Schiff mit einem ansehnlichen Vermögen an Bord gekapert.

Inspiration in der Kirche

Eine besondere Vorgeschichte hat die „La Capitana di Venezia“. So hieß die Kommando-Galeere des venezianischen Admirals Marco Querini in der Schlacht von Lepanto am 7. Oktober 1571. „Da hat mich das Deckenfresko in der Erbacher Martinskirche inspiriert“, erzählt Aichinger. In der Tat zeigt das Deckengemälde des aus Weißenhorn stammenden Malers Franz Martin Kuen (1719-1771) stilisierte See-Kampf-Szenen und die von Papst Pius V. angeführte Dankprozession nach dem Sieg der Heiligen Liga über das Osmanische Reich. Mit mehr als 30 000 Toten gilt das Gemetzel im Golf von Patras bis heute als die Seeschlacht mit den meisten Gefallenen an einem Tag.

Mit 16 hat Aichinger mit dem Modellbau angefangen, damals noch Flugzeugmodelle. Bei Magirus in Ulm hat der Erbacher Werkzeugmacher gelernt, daher komme auch seine detailgetreue Arbeitsweise, meint er: „Ein Werkzeugmacher muss auf den Millimeter genau arbeiten.“ Mit dem Bau von Schiffsmodellen begann Aichinger, der noch ein BWL-Studium draufsattelte, erst als Erwachsener. „Früher habe ich noch am Küchentisch gebastelt“, erzählt er und grinst. Bis seine Frau ihn der Küche verwiesen habe. Seitdem habe er eine kleine Werkstatt, „ein Kabuff, sagt meine Schwiegertochter“.

Keine halben Sachen

Dort hat der Modellbau im Winter Hochsaison.  Dabei legt Aichinger großen Wert auf Details: „Ich mache jeden Knoten wie ihn auch die Schiffsleute machen“. Auch die Segel seien originalgetreu genäht und ließen sich theoretisch tatsächlich setzen. „Man braucht viel Geduld“, sagt Aichinger, als er die winzigen Nägel zeigt, von denen er 1000 Stück in die „Golden Hind“ geklopft hat. „Da mach’ ich keine halben Sachen.“ Und die Freude, wenn das Schiff schließlich fertig ist, gleiche die Mühe dann auch wieder aus.

Weniger anspruchsvoll sind da die Ulmer Schachteln. „Die sind in einem Vierteljahr gebaut“, sagt Aichinger. Genau so seien die Schachteln ja auch konstruiert worden: Um als Einweg-Schiffe ihre Passagiere und Fracht die Donau hinunter zu transportierten und dann zerlegt zu werden. Zuvor seien große Holz-Flöße eingesetzt worden. Diese erwiesen sich aber als unökonomisch, da sie im Verhältnis zur Nutzlast viel Holz verbrauchten. Daher seien Schopper, Schiffsbaumeister aus Bayern nach Ulm geholt worden, die sich einen Zillentyp, die Ulmer Schachteln, erdachten. „Der Begriff ‚Ulmer Schachtel’ wurde übrigens gar nicht in Ulm geprägt“, erzählt Aichinger. „Die Unterländer wollten damit die Ulmer Schifferleute verspotten.“

Mit der Ausstellung in der Erbacher Stadtbücherei will Siegfried Aichinger das Kapitel Schiffsbau für sich beenden. „Jetzt ist Schluss.“ Er habe noch andere Hobbies, denen er nachgehen möchte. Der Malerei zum Beispiel, an der selbst gebauten Staffelei, versteht sich, und der Familienforschung. Sechzehn Generationen reiche sein Stammbaum zurück. Zudem sammelt der Erbacher seit einiger Zeit Modelle von Magirus-Lastwagen und Feuerwehrfahrzeugen. Und die sollen bald in einer Vitrine Platz finden – natürlich in einer selbstgebauten Vitrine.

Früher ein Bekleidungsgeschäft

Deko-Stücke Die Stadtbücherei Erbach kann ihre Vergangenheit nicht verbergen. Das große Schaufenster weist das Gebäude an der Erlenbachstraße als ehemaliges Bekleidungsgeschäft aus. Üblicherweise gestaltet das Team um Büchereileiterin Marianne Schneider das Fenster mit Lesestoff und passenden Deko-Artikeln. Für Abwechslung sorgt noch bis 10. September Siegfried Aichinger mit fünf seiner Schiffsmodelle. Aichinger selbst ist nach Auskunft der Leiterin auch ein Stammkunde der Stadtbücherei und eifriger Leser.

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