Merklingen Schicksale von Zwangsarbeitern in Merklingen aufgelistet

Merklingen / BRIGITTE SCHEIFFELE 27.08.2015
Über ein halbes Jahr befasste sich Jakob Salzmann mit Kriegsgefangenen, die von 1940 bis 1945 in Merklingen Zwangsarbeit leisteten. Seine Recherchen konnten auch durch lebende Zeitzeugen ergänzt werden.

Archivakten über Kriegsgefangene, alte Einwohnerverzeichnisse, Meldelisten und noch lebende Zeitzeugen waren die Grundlage, die Jakob Salzmann von der Interessengemeinschaft für Geschichte und Brauchtum für seine Recherchen herangezogen hat, mit denen er die Schicksale von Zwangsarbeitern im Zweiten Weltkrieg in Merklingen beleuchten wollte. "Eigentlich sind wir 40 Jahre zu spät dran. Aber das wollte ich unbedingt noch zusammenstellen", sagt er, der gemeinsam mit Peter Bachteler der IGM vorsteht. "Die Besetzung durch die Amerikaner im April 1945 ging glimpflich aus. Es fiel kein Schuss, niemand kam zu Schaden", weiß Salzmann.

Ein umfangreiches Werk ist Salzmann durch ein achtseitiges Register über Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter gelungen, die in Merklingen arbeiteten. "Verschleppte Personen aus Polen, Russland und der Ukraine waren ohne Nummer gemeldet. Franzosen und Belgier hatten eine Kennziffer", berichtet er. Bei seinen Recherche stieß er auf 14 ältere Bürger aus dem Ort, die ihm bei seinen Nachforschungen helfen konnten.

"Es herrschte große Not an Arbeitskräften in der Landwirtschaft, die Männer waren im Krieg, gefallen oder vermisst", erzählt Salzmann. Also beschloss die seinerzeitige Regierung 1940, belgische und französische Gefangene als Arbeitskräfte einzusetzen, die von den Gemeinden angefordert werden konnten. "Ab 1942 kamen Verschleppte aus den Ostgebieten dazu. Auch Mädchen ab 15 Jahren", berichtet er. 20 Kriegsgefangene aus Belgien und Frankreich forderte die Gemeinde in Merklingen für landwirtschaftliche Stall- und Feldarbeit an. Der Lohn lag monatlich bei etwa 20 Reichsmark. Die Wohnlager mit Wachraum, Schlafraum und Aufenthaltsraum befanden sich in den Nebenhäusern des Kirchbauers und des Schlossbauers. Alle Räume waren verschließbar, die Fenster vergittert, von Wachmännern bewacht.

Streng verboten waren den Kriegsgefangenen Absenderangaben bei Briefen in die Heimat und deren Inhalt musste vom Wachmann gegengelesen werden. Das Briefpapier war einheitlich, beim Marsch zur Arbeit und beim Arbeiten selbst durfte nicht geraucht werden. Untersagt waren zudem das Zeitunglesen, der Besuch von Gaststätten und die Annäherung an deutsche Frauen. Außerdem standen Gefangenen keine Eier, Butter, Kaffee oder Pralinen zu. "Aber das hatten wir selbst nicht", erzählten die älteren Merklinger. Auch über den Winter waren die Landwirte, denen ein Kriegsgefangener zugeteilt war, verpflichtet, diesen zu beschäftigen und auch zu entlohnen. An Sonn- und Feiertagen mussten sie ebenso verpflegt werden. Morgens, so berichtet Salzmann, seien sie vom Wohnlager durch den Wachmann zur Arbeitsstelle gebracht und am Abend vom Bauern wieder zurückbegleitet worden.

1941 nahmen die Fluchtversuche der Kriegsgefangenen stark zu. "Sie zeichneten die Landkarten an Tankstellen oder am Albvereinsheim ab und nutzten diese als Orientierungshilfe bei der Flucht. Alle Karten mussten daraufhin abgehängt werden", berichtet Salzmann. Bemängelt wurde von der Polizei, dass besonders in ländlichen Gebieten die Gefangenen mit am Tisch der Bauersleute säßen. "Oft waren sie wie Familienmitglieder. Sie gehörten dazu, man hat gemeinsam gearbeitet und diese Zeit überstanden", weiß Salzmann aus eigener Erfahrung. Auch in seiner Familie war Unterstützung notwendig. Doch trotz der schweren Lage habe im Dorf die Menschlichkeit im Vordergrund gestanden. "Nur die Russen hatten es nicht leicht. Die waren in Zelten untergebracht und mussten bei jedem Wetter die Kabel entlang der Autobahn ziehen", erzählt er. Ihr Zubrot hätten sie durch Handarbeit verdient, denn sie wären sehr geschickt gewesen. Erst 1942 sei der Stacheldraht um das russische Gefangenenlager im Bärengarten abgebaut und der Ausgang unter deutscher Aufsicht erlaubt worden.

Wie fair sich Merklinger verhielten, beweist ein Beispiel: 1993 fragte Olga Czepizak bei der Landesversicherungsanstalt nach, ob sie einen Rentenanspruch hätte. Tatsächlich hatte Georg Eitle, bei dem sie von 1942 bis 1945 als Landarbeiterin tätig war, die Beiträge für sie eingezahlt. Menschlich zeigten sich auch die meisten Ärzte, die Kriegsgefangenen Arbeitsunfähigkeit attestierten, wenn sie nicht mehr einsatzfähig waren. "Niemand wurde gequält", sagt Salzmann. Noch nach dem Krieg habe es Verbindungen und Besuche zu vielen der Kriegsgefangenen gegeben.

Buch geführt

Listen 13 Franzosen, 25 Belgier, 12 männliche und 12 weibliche Polen, 7 ukrainische Mädchen, 3 männliche und 2 weibliche Russen waren als Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in der Zeit von 1940 bis 1945 in Merklingen. Sauber nachweisbar sind die Einsätze der Kriegsgefangenen aufgelistet, wieviel Stunden sie gearbeitet haben, welche Art und wo der Ort der Arbeit war und was sie verdienten.