Nostalgie Schallplattenabend: Heiße Songs und kalte Platten

Stapelweise Langspielplatten: Im Langenauer Naturfreundehaus ging es am Samstagabend rund. Foto: Barbara Hinzpeter
Stapelweise Langspielplatten: Im Langenauer Naturfreundehaus ging es am Samstagabend rund. Foto: Barbara Hinzpeter © Foto: Foto: Barbara Hinzpeter
Langenau / BARBARA HINZPETER 29.11.2016

Es klingt, als wären die Songs am Lagerfeuer aufgenommen worden oder mitten in der Brandung: Es rauscht, knackt, knistert – und manchmal hüpft die Nadel. „Die hat au scho was mitgmacht“, sagt einer der Gäste und legt die nächste Single auf.

Die gibt es am Samstagabend im Naturfreundehaus in Langenau stapelweise. Und in gut bestückten Alben mit blumigem und kariertem Stoff- und Kunstlederbezug. Das ist Nostalgie pur für Auge und Ohr. In durchsichtigen Plastikhüllen   stecken die Scheiben, deren Cover aus Papier schon arg mitgenommen aussehen.  Viele sind mit Tesa zusammengeklebt und manche auch komplett ersetzt durch Eigenkreationen, die   schwungvoll und poppig mit Filzstift beschriftet sind. Sie haben sichtlich viele Partys erlebt. Damit können an diesem Abend die künstlerisch gestalteten Hüllen der Langspielplatten kaum mithalten.

Das pralle Leben kommt bei 45 Umdrehungen zum Ausdruck. Ein 64-Jähriger erinnert sich, wie er als Schulbub genau Buch geführt und seine eigene Hitparade erstellt hat – unter der Bank, bis ihm die Lehrerin auf die Schliche kam. Das war die Zeit von „Mary Lou“ – ein Song, zu dem mancher heute wie damals bravourös die Luftgitarre spielt.

Spätestens, als die Wurst- und Käseplatten geplündert sind, geht im Naturfreundehaus die Post ab. Wer wie die 17-jährigen Christian und Lukas mit CDs und MP3 aufgewachsen ist, mag sich fühlen wie auf einem fremden Planeten. Doch den meisten ist es wurscht, wenn die Platte quietscht und eiert. Hauptsache, der Refrain kommt, und alle singen mit Michael Holm „Mendocino, Mendocino, ich fahre jeden Tag nach Mendocino“.

Die 60er Jahre dominieren den Abend eindeutig. Dabei hatte kein Oldie, sondern der 26-jährige Alex Faul die Party angeregt. Vater Wolfgang Faul holte dazu den Plattenspieler aus dem Keller, den er vor fast 40 Jahren zur Konfirmation geschenkt bekommen hat, wie er erzählt. Stolz zeigt er die Live-LP der „Papas“: Die wurde aufgenommen in „Langenau bei Ulm“ – und Bandgründer Gottfried Kocian war städtischer Beamter, wie akribisch auf einem anderen Cover vermerkt ist.

Auch sonst ist Regionales vertreten: Wener Veidts „Viertelesschlotzer“ wird aufgelegt und weckt Erinnerungen „an mein Babba“, so ein Gast. Der unvermeidliche Heintje, Peter Alexander, Jürgen Drews, Chris Roberts und wie sie alle heißen: Ein Stück ist kaum zu Ende, schon ist der nächste Hit dran.

Oder vielleicht auch nicht. Denn es kann sein, dass der falsche Song erklingt. Alex hat die Scheibe falsch aufgelegt und muss sich belehren lassen: „Des isch koi CD. A Schallplatt hot zwoi Seita.“ Und weil der Abend viel zu kurz ist, um alle anzuspielen, wünscht  sich so mancher Gast  wieder einmal einen gelungenen Abend mit heißen Songs und kalten Platten.