Tierhaltung Schäferei: Von wegen den ganzen Tag rumstehen

Nur den Sommer über ist die Herde in der Region: Zum Überwintern geht es an den Bodensee.
Nur den Sommer über ist die Herde in der Region: Zum Überwintern geht es an den Bodensee. © Foto: Josephine Schuster
Langenau / Josephine Schuster 06.09.2018

Wolken, 15 Grad, es nieselt leicht. Für viele ein Grund, das Haus gar nicht erst zu verlassen. Für Rosemarie Nieß aus Langenau und ihren Sohn Moritz stellt sich die Frage nicht. Denn sie müssen raus. 400 Schafe, deren Nachwuchs und ein paar Ziegen wollen frisches Gras und müssen täglich von Weide zu Weide geführt werden. Kinder aus Setzingen besuchen an diesem Tag die Schäferin. Bürgermeisterin Ingeborg Lang lässt es sich nicht nehmen, mit ihren zwei Kindern persönlich dabei zu sein. Sie bedauert, dass viele die Teilnahme wegen des Wetters abgesagt haben. Ein Schäfer habe schließlich auch keine Wahl.

Man findet die Tiere und ihre Besitzer aber nicht auf einer Setzinger Wiese, sondern auf Riedheimer Gemarkung. „Sie grasen ansonsten die Naturschutzgebiete ab und sorgen dafür, dass sie nicht zuwuchern“, erzählt die Schäferin. Dafür sind auch die Ziegen mit dabei. Die sind ganz praktisch, weil sie sich durch alles durchfressen, während die Schafe nur die weichen Halme wollen. Die Trockenheit hat dieses Jahr alle Pläne durcheinander geworfen. „Deswegen sind wir heute ausnahmsweise auf der Wiese eines Landwirtes. Wir müssen mit den Tieren dahin, wo es überhaupt noch frisches Gras gibt”, erklärt Rosemarie Nieß, die sich meist ums Büro und die Schafe im Stall kümmert.

Seit ihr Mann, mit dem sie die Herde gründete, vor einigen Jahren unerwartet starb, führt sie mit ihren fünf Kindern das Familienunternehmen. „Anders würde es gar nicht gehen. Wir leben zu 60 Prozent von Subventionen und den Rest bekommen wir irgendwie zusammen.” Zum Beispiel durch die Wolle, die im Mai von Nießens selbst geschoren wird. Sohn Moritz hat nach der Realschule eine Ausbildung zum Schäfer im mittelfränkischen Triesdorf absolviert und hütet nun die Herde.

Die Aufgaben sind vielfältig: Für Futter sorgen, Tierarzt und Geburtshelfer sein, die Tiere kennen und einen guten Hütehund erziehen. Der heißt in diesem Fall Rex, ist ein altdeutscher Schäferhund und den vielen Trubel durch die Kids gar nicht gewohnt. „Mit dem Alleinsein tagsüber muss man auch klarkommen”, sagt Moritz. Aber es kommen immer wieder Landwirte vorbei oder man telefoniert und schreibt Nachrichten. „Wir sind schon gut miteinander vernetzt. Und ich fahre abends auch nach Hause zum Schlafen. Das ist nicht mehr ganz so schlimm wie früher”, erzählt Moritz Nieß. Und die Schwester übernimmt auch mal, damit der 20-Jährige ein paar Tage Urlaub machen kann. Die Kinder wollen die Schafe streicheln. „Kannst du eins holen?”, fragen sie. Doch das geht nicht. Manchmal gibt es Handaufzuchten, aber die anderen trauen sich nicht so nah an die fremden Menschen. Nur ihren Moritz, den kennen sie gut.

Nicht mal sechs Euro auf die Stunde verdient er. Aber die Herde zu verkaufen, sei keine Option. „Das ist reiner Idealismus. Man ist einfach verbunden mit den Viechern”, sagt Rosemarie Nieß. Aber so richtig zufrieden sind sie nicht mit der Situation, denen Schäfer in Deutschland ausgesetzt sind. „In der Schule wird viel Unwichtiges gelehrt und das Leben im Einklang mit der Natur völlig vernachlässigt.“

Moritz Nieß wird langsam unruhig. „Ich muss jetzt weiter“, sagt er. Von wegen den ganzen Tag nur rumstehen. So ein Schäfer hat gut zu tun. Ständig neues Futter organisieren und schauen, dass die Tiere nicht ins Maisfeld rennen.

Kurz vor Weihnachten geht’s dann runter auf die Winterweide an den Bodensee. Zu Fuß. Was dann hilft? „Filzschuhe, eine warme Jacke und Bewegung“, sagt Moritz und verschwindet zwischen seinen Tieren.

Dienst als Landschaftspfleger

Ausbildung Tierwirt in der Fachrichtung Schäferei ist ein dreijähriger, dualer Ausbildungsberuf in der Landwirtschaft – absolviert in einem Betrieb und an einer Berufsschule.  Die Ausbildung hat der Schäfer Moritz Nieß an dem Staatlichen Beruflichen Schulzentrum Ansbach-Triesdorf in Mittelfranken absolviert. Die bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft: Schäfer erzeugen nicht nur hochwertige Nahrungsmittel wie Lammfleisch und Schafmilch, sondern liefern mit der Wolle auch einen hochwertigen, permanent nachwachsenden Rohstoff. „Außerdem leisten sie einen wertvollen Dienst als Landschaftspfleger, insbesondere zur Erhaltung ökologisch wertvoller Flächen.“

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